TV-Produktionsgesellschaft: ARD schasst Degeto-Chef Jurgan

Chaos beim größten TV-Geldtopf Deutschlands: Nach internen Untersuchungen bei der ARD-Tochter Degeto wird Geschäftsführer Hans-Wolfgang Jurgan geschasst. Vorher war bekannt geworden, dass Co-Geschäftsführerin Bettina Reitz gehen wolle - die doch im Laden aufräumen sollte.

Hans-Wolfgang Jurgan: Geldvergabe nach Gutsherrenart Zur Großansicht
picture alliance/ Eventpress

Hans-Wolfgang Jurgan: Geldvergabe nach Gutsherrenart

Hamburg/Bremen - Wenn er auf einem Branchentreff erschien, bildete sich meist ein Schwarm eifriger TV-Macher um ihn herum. Wer in Deutschland Fernsehfilme produzieren wollte, kam um Hans-Wolfgang Jurgan nicht herum, vor allem, wenn es um Filme mit großen Etats ging. Schließlich verteilte der Manager der ARD-eigenen Produktionsgesellschaft Degeto, die mit jährlich rund 250 Millionen Euro den mit Abstand größten TV-Topf an Produktionsmitteln verwaltet, seine Gelder nach Gutsherrenart; um ihn herum hatte er ein Günstlingssystem installiert. So hieß es jedenfalls in der Branche.

Dass die Macht des TV-Paten Jurgan in letzter Zeit bröckelte, konnte man schon auf der letzten Gala des Deutschen Fernsehpreises feststellen. Da stand er auf einmal mutterseelenallein herum; alle machten einen weiten Bogen um ihn. Vorher war bekannt geworden, dass Jurgan seinen Vergabestil offensichtlich übertrieben hatte: Alleine im Jahr 2009 soll er den Etat mit 26 Millionen Euro überzogen haben, was zur Folge hatte, dass zukünftige Produktionen in Finanzierungsgefahr gerieten.

Nun wurde Jurgan tatsächlich mit sofortiger Wirkung von seinem Geschäftsführerposten bei der Degeto abberufen. Wie die ARD am Dienstag mitteilte, hätte die Prüfung der Geschäftsabläufe durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und die WDR-Revision gravierende organisatorische Mängel ergeben, die in Jurgans Verantwortung gelegen hätten. Außerdem sei festgestellt worden, dass Jurgan seine Berichts- und Informationspflicht gegenüber dem Aufsichtsrat verletzt habe. Jurgan war zu einer Stellungnahme nicht erreichbar.

Wer räumt nun bei der Degeto auf?

Damit, dass bei der Degeto nach dem Rausschmiss Ruhe einkehrt, ist nicht zu rechnen. Erst vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass die zweite Geschäftsführerin der Degeto, Bettina Reitz, Programmdirektorin beim Bayerischen Rundfunk (BR) werden soll, wo sie zuvor schon Fernsehspielchefin gewesen ist. Am 8. Dezember wird der Fernsehausschuss des BR-Rundfunkrats darüber beraten, ob sie den Posten bekommt. Die Entscheidung dürfte positiv ausfallen, da Reitz als ebenso kompetente wie beliebte Fernsehmanagerin im Haus bekannt ist.

Gut für den BR, schlecht für die Degeto. Als Sauberfrau und Filmidealistin schien Reitz ("Türkisch für Anfänger") genau die richtige Person, um ein System der Transparenz zu schaffen. Bleibt die Frage, wer nun das nach Jurgans Rausschmiss offenbar werdende Chaos verwaltet.

Die Degeto ist ein Medienunternehmen, bei dem die unterschiedlichen ARD-Anstalten als Gesellschafter fungieren; es übernimmt sämtliche Einkäufe und Produktionen für das Erste - und ist somit wichtigster Geldgeber der deutschen Fernsehbranche insgesamt. Als Aufsichtsräte fungieren die Intendantinnen und Intendanten der ARD-Landesrundfunkanstalten.

cbu/dapd

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Nur GEZ Gebühren verschwendet..
dgbmdss 29.11.2011
.. ansonsten ist ja kein Schaden entstanden. Die öffgentlich rechtlichen werden einfach mehr fordern.
2. +
roflem 29.11.2011
Fürst Jurgan von der Dattelpalme....endlich abgeschüttelt. Man kann nur hoffen, dass genug Reinigungsmittel vorhanden sind um den Dreck weg zu putzen....
3. Dr.
braintainment 29.11.2011
Aaach, da wurde doch bestimmt eine prima Abfindung vereinbart... Naja, die GEZ wirds schon wie gewohnt eintreiben. Hab mal wieder den Namen meines Hundes an ein Klingelschild gemacht. Mal sehen wann der wieder Post bekommt :-)
4. Ard/zdf
crocodil 29.11.2011
..gehören alle abgeschafft, dann bliebe uns auch die "Muss-Abgabe " an die GEZ erspart-
5. checks and balances - macht korrumpiert
maximixa 29.11.2011
es heißt doch immer, dass die föderalen strukturen in deutschland machtkonzentration verhindern - jeder kontrolliert jeden. umso merkwürdiger, dass in den halbstaatlichen öffentlich-rechtlichen rundfunkanstalten immer noch genügend raum für selbstdarsteller mit übergroßem ego besteht, die ihre reiche auf zeit nach gutsherrenart beherrschen. die subalternen mitwisser sind wohl nur froh, dass sie leben und erfreuen sich ihres warmen plätzchens an den beamtengleich sicheren, gez-gefüllten futtertrögen. korruptionsfahnder müssten regelmäßig und unangekündigt jene stellen auf unregelmäßigkeiten untersuchen, wo leute viel geld verteilen, das ihnen nicht gehört.
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