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TV-Serie "Lie To Me": Du hast ja Lügen im Gesicht!

Von Daniel Haas

Noch ein kauziger Ermittler mit Sonderbegabung? Und das soll spannend sein? Aber hallo! Denn in der neuen Crime-Serie "Lie to Me" auf Vox gibt der brillante Tim Roth einen Mann, der Menschen ihre Lügen vom Gesicht ablesen kann. Das ist nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch sehr lehrreich.

"Lie To Me": In vollen Zügen ermitteln Fotos
VOX / 20th Century Fox / KH

Wer die Wahrheit sagt, muss nicht unbedingt etwas sagen. Im Gegenteil: Wörter sind oft das Mittel der Wahl, wenn man täuschen, verschleiern, lügen will. Die Sprache selbst weiß von diesem Problem - und in ihren Redensarten bietet sie auch eine Lösung an: Ehrlichkeit ist in der Physiognomie zu Hause, im Körper. Die Lüge steht uns ins Gesicht geschrieben, man kann sie uns vom Gesicht ablesen. Ja, die Moral hat selbst ein Antlitz: Das schlägt der Wahrheit ins Gesicht - so sagt man, wenn die Regelverletzung unübersehbar ist.

Ein Ermittler, der Mienen liest wie andere Bücher, hat also einen enormen Vorteil: Er kann den Text der Wahrheit dort entziffern, wo die Emotionen direkt und ohne Camouflage die Feder führen. Mach nicht so ein Gesicht - dies sollte der Leitspruch aller Missetäter sein, die unerkannt bleiben wollen. Denn in unserer Mimik drücken sich die geheimen Botschaften aus, die unser Intellekt zensieren soll.

Cal Lightman ist dieser Exeget: ein Spezialist für sogenannte micro expressions, minimalste, oft nur Zehntelsekunden währende Regungen im Gesicht. Zorn, Verachtung, Angst, Hass - sie huschen kaum merklich durch die Mimik, und Lightman macht sie erst sichtbar, dann dechiffriert er sie: als zweiten, verborgenen Text, aus dem die Wahrheit spricht.

Der richtige Gesichtspunkt

Mit so einem Talent kann man viel Geld verdienen: Das FBI, die Polizei, die Staatsanwaltschaft, sogar die Regierung buchen Lightman und sein Team. Ein Kompaniechef soll eine Soldatin vergewaltigt haben; ein ranghoher Politiker sucht angeblich Prostituierte auf; eine Richterstochter kommt wegen Mordes vor Gericht, ein Feuerwehrmann hat bei einem Einsatz den Kollegen nicht gerettet: alles Fälle, bei denen konventionelle Verhörmethoden versagten.

Dann übernehmen Lightman und seine Helfer, der zwanghaft ehrliche Eli (Brendan Hines), die Softdrink-süchtige Gillian (Kelli Williams) und Ria (Monica Raymund), das Raubein der Truppe. Und los geht der mit viel technologischem Heckmeck gestützte Analysespaß. Jede noch so kleinste Zuckung, Straffung oder Kräuselung wird verzeichnet und im Zusammenhang des Falls gedeutet. So sind diese Detektive tatsächlich Hermeneutiker des unehrlichen Subjekts. Wie sagt Lightman: "Die Frage ist nie, ob jemand lügt, sondern warum."

Das Ganze wäre nur eine weitere Genrevariation, der nächste Aufguss der Ermittler-Story, in der eine Sonderbegabung das Gemeinwesen beschützt. Ob Mathe-Nerd ("Numbers"), Beobachtungsgenie ("The Mentalist") oder Hellsichtigkeitsbegabte ("Medium"): Der schräge Vogel, der die Verhältnisse gerade rückt, gehört zum Standardprogramm aktueller Serienunterhaltung.

Was "Lie to me" dem Muster hinzufügt, ist eine Idee von Verbrechensbekämpfung, die buchstäblich visionär ist und die moderne Gesellschaften an einem zentralen Punkt ihrer Ängste anspricht. Lightmans Methode, die auf den Erkenntnissen des amerikanischen Psychologieprofessors Paul Ekman beruht, ist nämlich nicht rekonstruktiv, sondern präventiv. Die Katastrophe lässt sich vorhersehen, wenn man nur genau genug das Umfeld von möglichen Tätern und Opfern analysiert.

So wird dann auch ein Attentat verhindert: Man spürt in der Entourage des Diplomaten den potentiellen Killer auf, indem man die geheime Pantomime des Hasses sichtbar macht.

Das Schlimmste verhindern

Liegt nicht eine große Hoffnung in dieser prognostischen Methode? Dass man zum Beispiel die Gesichter von Fluggästen analysieren und aus ihnen den Plan des Massenmords ablesen könnte? Nicht zufällig rekrutiert Lightman eine neue Mitarbeiterin am Flughafen. Ria arbeitet an der Gepäckkontrolle. Weil sie ein Naturtalent ist, das heißt micro expressions intuitiv und ohne technische Hilfe erkennen kann, hat sie die höchste Trefferquote bei Schmugglern überhaupt.

An dieser Figur zeigt sich eine weitere Qualität der Serie: Humor. Gefragt, wie ihr bisheriges Training in der Erkennung von Lügnern ausgesehen habe, antwortet die Latina: "Ich bin mit einer Menge Männern ausgegangen." Auch Roth spielt seinen Ermittler als schlagfertigen Kauz, der einem inhaftierten Gangboss schon mal sagt: Schweigen Sie nur, ich hab selbst kein Vertrauen in die Sprache. Später wird der Gangster doch geständig, natürlich ohne ein Wort zu sagen.

"Du kannst deine Eltern belügen. Mich nicht": So bewirbt der Sender Vox die Serie. In dem Spruch liegt auch eine Drohung. Denn in Lightmans Blick löst sich das Private auf, und von der Analyse zur Indiskretion, von der Recherche zur Überwachung ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.

Die moralische Mahnung aber ist vollkommen korrekt: Wenn Lügen nicht helfen, sollte man nichts tun, was einen später zwingt zu lügen.


"Lie to Me", Vox, mittwochs, 21.15 Uhr

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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1. ™
de.nada 10.03.2010
Wunderbar ! mehr als die Hälfte des Artikels mußte ich lachen. Eine Fernsehserie die Lügen und unehrliche Mimik usw. sprich Schauspiel, zum Inhalt hat, und glaubwürdig sein will.
2. Ach wenn die Welt doch nur so einfach wäre.
Saranya 10.03.2010
Oder gut, dass sie es nicht ist. Lügner können andere Lügner am Besten identifizieren. Außerdem gibt es ja auch unterschiedliche Qualitäten von Lügen: Lügen um einen persönlichen Vorteil raus zu schlagen. Lügen um der Diplomatie willen. Lügen um jemanden anderen als sich selbst zu schützen. Lügen um jemanden nicht zu beleidigen. Lügen um freundlich zu sein. Nur um ein paar Beispiele zu nennen. Und dann gibt es noch noch ganz andere "Fälle". Was ist mit jemanden, der "objektiv" lügt - aber "subjektiv" fest davon überzeugt ist die Wahrheit zu sagen, weil es für ihn die Wahrheit ist? Was ist Wahrheit? Sie verändert sich doch immer wieder. Außerdem gibt es viele Wahrheiten. Also so einfach ist die Sache dann zum Glück doch nicht. Ich glaube die meisten Menschen "wissen" das auch. Doch "glauben" auch daran?
3. Titelzwang
Locutus 10.03.2010
Zitat von sysopNoch ein kauziger Ermittler mit Sonderbegabung? Und das soll spannend sein? Aber hallo! Denn in der neuen Crime-Serie "Lie to Me" auf Vox gibt der brillante Tim Roth einen Mann, der Menschen ihre Lügen vom Gesicht ablesen kann. Das ist nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch sehr lehrreich. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,682640,00.html
Ich kann der Lobpreisung nicht zustimmen. Nach ein paar Folgen fand ich "Lie to me" doch eher langweilig. Immer das gleiche Schema und nach einer neuen Erklärung kommen dann wieder die Videoschnipsel bekannter Personen, die diese Anzeichen zeigen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas mehr als eine Staffel laufen kann ohne stark redundant zu werden.
4. was war das denn?
faustjucken_de 10.03.2010
Hat man hier den Haus-und-Hof-Psychologen des SPIEGEL eien TV-Kritik schreiben lassen? Der Schuss ging für mich nach hinten los. Scheint doch nur wieder Einheitsbrei zu sei. Chef mit Team, alle ein bisschen nerdig, mit Quotenmitgliedern (1,3 Frauen; 0,5 Schwarze; 0,45 Asiaten; 0,65 Latinos) Ich muss jetzt schon gähnen? Wie wäre es mit Infos, wie die Serie in den USA angelaufen ist? Gibt es noch eine Staffel? Wer schreibt die Drehbücher? Was hat das Team bisher geschrieben? Wo wird das original gesendet, Network oder Kabel? Free oder Pay-TV? Woher kennt man die Schauspieler (außer Tim Roth)?
5. .
stormking, 10.03.2010
Obwohl es sich auf dem Papier tatsächlich wie der x-te Aufguß des "Ermittlers mit Sonderbegabung" liest, fand ich die Serie doch erfrischend. Nein, es wird nicht langweilig, nein, es läuft nicht immer nach Schema F. Die Einblendungen bekannter Persönlichkeiten, wenn diese einer der eben erläuterten Emotionen im Gesicht tragen, fällt ja wohl unter "Stilmittel". Ansonsten erlaubt die Prämisse wirklich ausreichend viele Anwendungsmöglichkeiten von Lighmans "Talent", daß es durchaus noch zwei, drei Staffel so weiter gehen könnte, ohne daß es zu störenden Wiederholungen kommt. In der zweiten Staffel hat man sich dann mehr auf Cal Lightman selber konzentriert und ihn für meinen Geschmack ein bißchen zu kauzig gemacht, aber damit kann ich leben, solange dies zur Fortsetzung der Serie führt.
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