US-Thrillerserie mit Daniel Brühl Die Eleganz des Ekligen

Als Kriminalpsychologe, der einen pädophilen Serienmörder jagt, gibt Daniel Brühl sein Debüt im US-Serienfernsehen. "The Alienist" besticht durch opulente Optik, kann aber mit großen Vorbildern schwer mithalten.

Dakota Fanning, Daniel Brühl und Luke Evans in "The Alienist"
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Dakota Fanning, Daniel Brühl und Luke Evans in "The Alienist"


Die vielleicht faszinierendste Szene in der ersten Episode der neuen TNT-Serie "The Alienist" ist die, in der die Polizeisekretärin Sara Howard (Dakota Fanning) ihr Korsett entschnürt und auf ihrer Haut tiefe Druckstellen freilegt. "Ich frage mich, ob sie unsere Form verabscheuen oder eine andere ersehnen", schnaubt Howard.

Es könnte das Leitmotiv einer im späten 19. Jahrhundert angesiedelten Serie über Schablonen der Sexualität und die unter diesen Zwängen knospenden Perversionen der Begierde sein. Aber es ist nicht Howard, sondern der Kinderpsychologe Dr. Lazlo Kreizler (Daniel Brühl), der die titelgebende Rolle innehat, und in der Auftaktfolge schält sich dann zunächst doch ein eher konventionelles Stück Fernsehen aus dem Schatten - ein weiterer, wenn auch berauschend gefilmter historischer Psycho-Krimi, diesmal um eine Reihe grausamer Sexualmorde an Kindern im viktorianischen Manhattan.

Daniel Brühl spielt als Dr. Laszlo Kreizler einen Psychologen vor seiner Zeit, der mithilfe seines Freundes und "New York Times"-Mitarbeiters John Moore (Luke Evans) einen Serienkiller schnappen will. Kreizler hängt analytischen Methoden an, die von seinen Kollegen verlacht und von seinen Patienten mit Befremden aufgenommen werden.

Brutaler Morast

So muss er Mittel und Wege finden, sich in die Ermittlungen des Polizeichefs Theodore Roosevelt (Brian Geraghty) einzuklinken. Ihm hilft unter anderem Sara Howard, die erste Frau in New Yorker Polizeidiensten.

"The Alienist" (der Titel bezieht sich auf den psychologisch revolutionären Gedanken der Zeit, abnormes Verhalten sei einer Entfremdung vom wahren Charakter geschuldet) ist eine Geschichte über Außenseiter, Aliens fürwahr: Sara Howard, deren Ambitionen auf Karriere von ihren Kollegen mit Hohn und Erniedrigung quittiert werden; der medizinische Grenzgänger Kreizler, der unter dem Augenrollen der Fachwelt "moralische Verdorbenheit" ergründen will; die beiden ebenfalls zu Kreizlers Team gehörenden Detective-Brüder Marcus (Douglas Smith) und Lucius Isaacson (Matthew Shear), die aufgrund ihrer jüdischen Abstammung in den Polizeirängen kaltgestellt werden.

Im Video: Der Trailer zu "The Alienist" (Englisch)

Der Augenschmaus, den "The Alienist" bietet, ist beachtlich. Eine Kutschfahrt zu Beginn ist atemberaubend in Szene gesetzt, stimmungsvolle Nahaufnahmen und ein wirkungsvoller Kontrast zwischen Kreizlers eigenwilligem Chic - unter anderem trägt er einen Mantel mit Persianer-Revers - und den Nahaufnahmen verstümmelter Mordopfer unterstreichen den visuellen Reiz der Serie.

Der kommt nicht von ungefähr: Ellen Freund, die fünf Staffeln lang Matt Weiners peniblem Sinn fürs Detail bei "Mad Men" unterstand, leitet die Requisite, Michael Kaplan ("Blade Runner 2049", " Star Wars: The Last Jedi") schneidert die Kostüme, und die Bühnenbauerin Mara LePere-Schloop hat schon "Django Unchained" ausgestattet. Sogar Moores Zeichnungen der entsetzlich zugerichteten Opfer sind Werke von eleganter Federführung.

Abstieg in die Niederungen der menschlichen Psyche

"Gritty" ist das Attribut, das "The Alienist" indes abermals hervorkehrt - jenes düstere, dreckige, von bitteren Überlebenskämpfen und einer zutiefst korrupten Klassengesellschaft geprägte New York, das auch schon Steven Soderberghs Medinerzinerserie "The Knick", oder die BBC-Produktion "Copper" mit Franka Potente imaginierten.

Aber die visuelle Opulenz von "The Alienist" ist in einer TV-Landschaft, die mit "Hannibal" eine ungeahnte Eleganz des Ekligen erreichte, kaum revolutionär. Bereits vor fast fünfzehn Jahren hat zudem die Western-Serie "Deadwood" den amerikanischen Gründungsmythos als Pfuhl der Gier und Vorteilsnahme neu gefasst. Und auch der Abstieg in die Niederungen der menschlichen Psyche ist mittlerweile Standard-Topos.

Mads Mikkelsen in der Serie "Hannibal"
Sat.1/ NBC

Mads Mikkelsen in der Serie "Hannibal"

Dies ist freilich ein Dilemma, dem viele gute Serien in einer Ära anspruchsvollen Fernsehens ins Auge blicken - die größte Herausforderung für "The Alienist" ist also, dem verwöhnten Zuschauer neue Horizonte aufzuzeigen. Die "New York Times" urteilte spitz, die Serie nach dem 1994 erschienenen Roman von Caleb Carr habe in den mehr als zwanzig Jahren ihrer Adaptionsversuche ihr Timing verpasst - inzwischen sei, was damals eine Offenbarung gewesen sein mag, kaum noch grenzüberschreitend.

Brühl darf viel raunen

Brühl spielt den Kinderpsychologen Kreizler mit hochkonzentrierter Entschlossenheit. Er darf düstere Dinge raunen wie "Nur wenn ich zu ihm werde, die Kinderkehle selbst durchtrenne, das Messer in den hilflosen Körper stoße, unschuldige Augen aus einem entsetzten Gesicht klaube, nur dann kann ich wirklich begreifen..."

Aber das amerikanische Serienfernsehen hat ja neue Größe gerade in der Vermeidung wortreicher Erklärungen gefunden, und es hat stattdessen die Erforschung der dunkleren Kammern der Seele durch Erzählkunst zum Ausdruck gebracht. Und so ist es zumindest in der Auftaktfolge von "The Alienist" bisweilen der vielzitierte Wille zum Bedeutungsvollen, der abtörnt.

Freilich muss man einräumen, dass auf einem umkämpften Fernsehmarkt die meisten Serienpiloten mit der Exposition der Figuren, ihren Motivationen sowie Schauplätzen vollgestopft sind. Man darf zumindest hoffen, dass diese Serie im Weiteren die Versprechungen der ersten Folge einlöst. Die Beziehung zwischen dem von seiner Wissenschaft verzehrten Kreizler und dem Bonvivant Moore lässt zwar zu Beginn keine Holmes-und-Watson-Chemie erkennen, stellt aber in Aussicht, eine komplexe Freundschaft zu etablieren.

Und nicht zuletzt zieht Dakota Fanning als junge Frau, die unbeirrt auf den Respekt besteht, den die Männer in ihrer Domäne für sich beanspruchen, bedenkliche Parallelen zu einer Herrschaftskultur, die 120 Jahre später immer noch nicht völlig gebrochen ist.


"The Alienist", Erstausstrahlung ab 22. Januar bei TNT (Englisch), in Deutschland ab 19. April bei Netflix

insgesamt 2 Beiträge
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LapOfGods 26.01.2018
1. Wieso muss immer so ein Ekelkram sein?
"...Nahaufnahmen verstümmelter Mordopfer unterstreichen den visuellen Reiz der Serie. " Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?
DerAykac 30.01.2018
2. @LapOfGods
Wieso sollten verstümmelte Leichen nicht zum visuellen Reiz beitragen? Im richtigen context und bei ansprechender Gestaltung, kann dies durchaus funktionieren. Bei Hannibal kam Bsp. Viel Faszination und Ekel durch die brutale zurschaustellung der Opfer und die anschließenden Szenen in denen man Hannibal beim zubereiten von Essen zusehen durfte. Damn jedesmal hat mich das geil auf Essen gemacht und mir gleichzeitig ein kleines schlechtes Gewissen bereitet.
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