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20. Januar 2010, 15:04 Uhr

TV-Serie "Vampire Diaries"

Zittern statt Twittern

Von Daniel Haas

Kaum zu saugen: Noch mehr Entertainment mit Untoten! ProSieben zeigt die US-amerikanische Teenserie "Vampire Diaries". Die erinnert arg an die "Twilight"-Kinoblockbuster, hat zum Glück aber weniger Beißhemmung.

Der Vampir lässt nicht locker. Hartnäckig hat er sich in den Verwertungsketten der Popkultur festgebissen. Ob im Kino, in Büchern oder im Fernsehen: Der Blutsauger versorgt den Markt spätestens seit Stephenie Meyers "Twilight"-Saga mit Umsatztransfusionen. Eigentlich konsequent: So wie die Untoten süchtig sind nach Lebenssaft, gieren die Medien nach der Fortsetzung ihrer Erfolge. Es immer wieder zu tun: Dieses Motto gilt fürs Showgeschäft ebenso wie für Vampire.

Warum also nicht noch eine Beißerserie auf den Zuschauer loslassen?, muss sich der US-Sender CW gedacht haben. Schließlich hat sich der Bezahlsender HBO erst letztes Jahr mit der Reihe "True Blood" aus einem Tief laviert; im Kino schmachten Millionen Teenager mit Bella und Edward, den Helden der "Twilight"-Verfilmungen. Auch die nun startenden "Vampire Diaries" wollen die Teenager verführen, die konsumfreudige Traumzielgruppe des globalen Marketings. Zum Einsatz kommen, Meyer hat es vorgemacht, schmachtende Teenie-Mädchen, edle Vampir-Beaus und ein chartfähiger Soundtrack.

Das Ganze spielt im Phantasiestädtchen Mystic Falls, einer Mischung aus Rothenburg ob der Tauber und Geisterbahnkulisse. Hier geht Elena (Nona Dobrev) auf die Highschool, hier trifft sie auf Stefan (Paul Wesley), den Neuen in der Klasse, der mit seiner brütenden Schönheit allen Girls den Kopf verdreht. Es ist wie so oft, Liebe auf den ersten Blick. Diese Jugend hat's irgendwie mit der Prädestination: Kennenlernen war gestern - man erkennt sich, auch dies eine Idee, die in "Twilight" mit Hingabe ausgespielt wurde.

Und dann kommt das obligate Drama in Gang: Er ist Vampir, aber ein guter, das heißt: Menschenblut ist tabu, ein Eichhörnchen ab und zu, kulinarischer wird's nicht. Den Spaß hat dafür der ältere Bruder Damon (Ian Somerhalder), der ungebetenerweise auftaucht, eine Grunge-Version von Mephisto. Die Dramaturgie kennt man: Kain versus Abel, perfekt für tragischen Konflikte, zumal die schöne Elena ganz oben auf der Speisekarte von Damon steht.

Dates auf dem Friedhof

Daneben gibt es die übliche Entourage an Halbwüchsigen in schwierigen Lebenslagen. Grundsätzlich funktioniert auch dieses Gemeinwesen nach dem Gesetz des Liebesreigens: Jeremy liebt Vicki, die aber nimmt lieber Drogen und läuft Tyler hinterher, natürlich ein ausgemachter Lump, wie alle Jungs, die Sportjacken tragen und sich die Haare nach hinten gelen.

Den "Diaries" liegt ebenso wie "Twilight" eine Buchreihe zugrunde; sie erschien bereits 1991, wirkt aber jetzt, nach dem Erfolg von Stephenie Meyer, wie ein Aufguss des Bewährten. Dass Kevin Williamson die Drehbuchadaption und Produktion besorgt hat, rettet das Projekt vor der kompletten Belanglosigkeit: Wie bereits in seiner Erfolgsserie "Dawson's Creek" hat er die Teens mit einer stimmigen Mischung aus Weltschmerz und Lakonie ausgestattet und ihnen ironische Dialoge verpasst. Sie: "Wie kommst du darauf, dass ich traurig sein könnte?" Er: "Haben wir uns nicht gerade auf einem Friedhof getroffen?"

Auch der Horror kommt nicht zu kurz, "Scream"-Autor Williamson weiß, wie man einen ordentlichen Schrecken inszeniert. Anders als im blutleeren "Twilight" fliegen hier buchstäblich die Fetzen: Vampire sind Monster, denen man nicht mit Knoblauch oder Kreuzen kommen muss.

Fast rührend ist das Kernmotiv des Tagebuchs: Sowohl Elena als auch Stefan schreiben sich die Seelenpein in fetten Kladden von der Seele. Anders als in den Teenie-Serien "Gossip Girl" und "90210", in denen SMS-, E-Mail- und Twitter-Nachrichten versendet werden, bis der Äther glüht, sind diese Helden Buchmenschen. Frank Schirrmacher und Co. können sich freuen: Es gibt sie noch, die guten Teenager, deren Selbst sich nicht in Internetforen zerstreut, sondern in Gutenbergs Welt sammelt und gestaltet.

Im Wesen lesen

Stefan schenkt Elena deshalb auch keinen iTunes-Gutschein, sondern eine Erstausgabe von Brontës "Sturmhöhe", das setzt schon ein gewisses Lesetraining voraus. Dazu sagt er sagt er Sachen wie: "Man muss die Erinnerungen bewahren. Sie sind zu kostbar."

Ein wertkonservativer Beißer also, dazu lektüre- und schreibfröhliche Schulschönheiten: So sieht die romantische Version der Web-Generation aus. Das Facebook gibt es auch hier, aber es ist wörtlich gemeint: Das Gesicht ist ein Buch, in dem man liest. Deshalb auch die ins unfreiwillig Komische gedehnten Momente, wenn er und sie zitternd Blicke tauschen, als gelte es, jede Pore des Gegenübers zu scannen.

Für die Heranwachsenden sind die "Vampire Diaries" eine weitere moralische Anstalt mit den Mitteln des Genre-Fernsehens. Literarische Bildung und Triebverzicht gehören zu den Grundlektionen, und das muss für eine übersexualisierte, intellektuell unterversorgte Jugend nicht das Schlechteste sein. Die Kernkompetenz des Halbwüchsigen - die Revolte - muss man aber woanders suchen.


"Vampire Diaries", mittwochs, 21.15 Uhr, ProSieben

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