SPIEGEL ONLINE: Mr. Wyle, warum sind eigentlich Serien über das Leben nach der Apokalypse - "Lost", "The Walking Dead" und nun "Falling Skies" - in Amerika so populär?
Wyle: Ich vermute, weil wir von immer mehr Geräten umgeben sind, die uns das Dasein erleichtern. Was wäre denn, wenn all das von heute auf morgen verschwände? Hätten wir überhaupt die Fertigkeiten, die man zum Überleben braucht? Weiß noch jemand, wie man Kleider näht, kann noch einer von uns ohne Hilfsmittel Feuer machen?
SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie sich schlagen?
Wyle: Ach, ich lebe auf einer Ranch und habe einen vollen Vorratsschrank. Allerdings würde ich mich wohl eher nicht der Résistance anschließen. Ich würde lieber bei mir zu Hause durchhalten.
SPIEGEL ONLINE: Kriegen Sie ohne Streichhölzer ein Feuer an?
Wyle: Yup. Nein, okay, ich geb's zu: So'n harter Kerl bin ich dann doch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Fans werden tief enttäuscht sein. Sie sind ja in der Serie "Emergency Room" als Retter im OP zum Herzensbrecher avanciert...
Wyle: Ja, oh Mann, ich bin schon seit dem späten 20. Jahrhundert dabei!
SPIEGEL ONLINE: Seit 1994. Ihr einstiger "ER"-Kollege George Clooney hat inzwischen Kinokarriere gemacht - haben Sie den Absprung ins Filmgeschäft verpasst?
Wyle: Als ich in "ER" war, wollten alle meine Freunde Filmkarriere machen. Sie fanden es idiotisch, dass ich mein Glück in einer TV-Serie suchte. Nun, in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren sind die meisten dieser Leute ebenfalls in Fernsehserien gelandet.
SPIEGEL ONLINE: ...wo inzwischen auch Filmstars wie Glenn Close, Tim Roth und Kiefer Sutherland arbeiten. Was hat sich verändert?
Wyle: Mit dem Ausbau des Kabelfernsehens ist die Anzahl der Kanäle sprunghaft angestiegen, und das Verlangen nach Inhalten hat zu einem brain drain in der Filmindustrie geführt. Mit der stärkeren Konkurrenz ist die Qualitätslatte ständig nach oben verschoben worden, und Erfolge von Serie wie "Die Sopranos" oder "Lost" öffneten Tür und Tor für weitere Serien ähnlicher Machart. Gutes Fernsehen in Amerika ist toll - etwas Besseres gibt es in der hiesigen Unterhaltungsindustrie nicht.
SPIEGEL ONLINE: In "Falling Skies" sollen Sie nun in der Rolle des dreifachen Vaters und Geschichtsprofessors Tom Mason das Überleben der Menschheit sichern. Steven Spielberg ist Produzent dieser Serie. Ist das ein automatischer Zusagegrund für einen Schauspieler?
Wyle: Die Tatsache, dass Spielberg involviert ist, bewirkt in jedem Fall ein Gefühl der Sicherheit, weil man weiß, dass jemand mit unfehlbarem Geschmack die zentralen Entscheidungen trifft, dass ein genialer Erzähler am Ruder steht. Und man braucht sich nicht darum zu sorgen, dass mittendrin womöglich ein neuer Studio- oder Senderchef kommt und dem Ganzen unbedingt seinen persönlichen Stempel aufdrücken will.
SPIEGEL ONLINE: Sie spielen einen Intellektuellen, der nach einem vernichtenden Alienangriff auf die Erde in die Rolle des Kriegers gedrängt wird...
"Hat großen Spaß gemacht, Platzpatronen abzufeuern"
Wyle: Ja, das war der Reiz. Meine Figur ist Professor für amerikanische Geschichte, dessen Fertigkeiten in dieser Situation zunächst wertlos scheinen. Doch wie sich herausstellt, ist er dank seines Wissens um Militärgeschichte, um Strategien auf dem Schlachtfeld und die Persönlichkeiten von Führungsfiguren besser für diese Rolle geeignet als ein Klempner es wäre. Ich habe also mein Geschichtswissen ein bisschen aufgefrischt - und dann bin ich ins Fitnessstudio gegangen.
SPIEGEL ONLINE: Muss man als Frauenschwarm in Hollywood irgendwann den Actionhelden geben?
Wyle: Na ja, diese Figur ist ja am Anfang alles andere als ein Actionheld. Er stolpert eher in die Rolle hinein, während er mit seinem Gewehr oder mit Atemnot kämpft. Ich gebe allerdings zu, dass der Umgang mit Waffen den Jungen in mir zum Vorschein brachte. Unser Trainer, ein Ex-Militärtyp, lief mit einem T-Shirt mit der Aufschrift herum: Happiness is a belt-fed weapon". Soll heißen: Glück speist sich aus dem Patronengürtel. Da ist was Wahres dran! Hat großen Spaß gemacht, herumzurennen und Platzpatronen abzufeuern!
SPIEGEL ONLINE: Und wer's nicht tut, ist ein Loser? In der Serie zeichnet sich gleich zu Beginn unter den Überlebenden ein Konflikt ab zwischen denen, die kämpfen und denen, die nur essen...
Wyle: Ja, der Einzelne ist dem Schicksal der Gruppe zwar untergeordnet. Zugleich ist der Schwächste von uns ja der Grund, warum wir überhaupt kämpfen. Darf ich an dieser Stelle mal eine Steven-Spielberg-Anekdote zum Besten geben?
SPIEGEL ONLINE: Bitte sehr!
Wyle: Also, mein Telefon klingelt, und eine Stimme sagt: Hallo, hier ist Steven Spielberg. Ah ja, denke ich, okay. Er erzählt mir also, dass ihm neulich im Auto ein interessanter Gedanke kam. Kennst du dich mit dem Zweiten Weltkrieg aus?, fragte er. Was weißt du über US-General Patton? Na ja, sagte ich, ich hab den Film über ihn gesehen. Sehr gut, sagt Spielberg, erinnerst du dich an die Szene auf der Brücke?
SPIEGEL ONLINE: ...in der ein Eselskarren die Armee blockiert und Patton das Tier kurzerhand erschießt und von der Brücke wirft?
Wyle: Genau. Und Spielberg sagt: Wäre es nicht interessant, wenn Captain Weaver - der militärische Anführer der Überlebenden - dies zwei alten Leuten antäte, die nicht schnell genug sind? Was hältst du davon?
"Spielberg hat einen ansteckenden Enthusiasmus"
SPIEGEL ONLINE: Sie haben bestimmt nicht mit "Schnapsidee" geantwortet, oder?
Wyle: Nein, ich fand es ungeheuer interessant, dieses Thema derart brutal anzufassen. Meine Figur hat ja am Anfang den Vorteil, die Sache aus der humanistischen Perspektive betrachten zu können und die Entscheidungen von Captain Weaver anzuzweifeln. Er muss im Laufe der Zeit aber lernen, ihre Komplexitäten zu respektieren.
SPIEGEL ONLINE: "Falling Skies" ist eine Serie mit begrenztem Budget für den kleinen Kabelsender TNT. Wie stark war Spielberg in die Entstehung der Serie involviert?
Wyle: Ich kenne Steven Spielberg schon lange, er war ja auch Produzent von "ER", und bei beiden Serien war er gleichermaßen stark in die Vorbereitung involviert. Er besetzte sie, formte die Drehbücher der Pilotfolge mit und sah sich sämtliche Arbeitsaufnahmen der Dreharbeiten an.
SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das vorstellen, wenn Steven Spielberg am Set erscheint?
Wyle: Es macht natürlich alle Anwesenden schrecklich nervös. Ich möchte an dem Tag nicht hinter der Kamera stehen, so viel ist sicher. Stellen Sie sich vor, es guckt Ihnen der herausragende Filmemacher seiner Generation über die Schulter und sagt freundlich: Aha. So wollen Sie diese Sequenz also in Szene setzen?
SPIEGEL ONLINE: Die meisten Leute, die ihn kennen, schwärmen davon, was Spielberg für ein netter, zugänglicher Mensch ist...
Wyle: Spielberg hat einen jungenhaften Enthusiasmus, der einfach ansteckend ist. Das Vergnügen, das er nach einem ganzen Leben als Filmemacher immer noch daraus zieht, erinnert mich daran, dass dieser Job vor allem Spaß machen soll. Das ist schließlich der Grund dafür, dass wir keine Anwälte geworden sind.
Das Interview führte Nina Rehfeld
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