Von Christoph Twickel
Muss man zwei Abende hintereinander im Ersten über die unversteuerten Zinsen des Uli Hoeneß in der Schweiz reden? Schon am Sonntag ließ Günther Jauch zum Thema "Vom Saubermann zum Steuersünder" seine Gäste diskutieren. Und offensichtlich fand man in der "Hart aber fair"-Redaktion, dass die Causa Hoeneß wichtig genug sei, um auch noch den Montagabend damit zu füllen.
Kurz zum Sachverhalt: Uli Hoeneß, FC Bayern-Manager und Multimillionär, soll zur Zeit des New Media Booms in der Schweiz mit einem kleineren zweistelligen Millionenbetrag spekuliert haben, wie es die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Und offensichtlich hat er darauf keine Kapitalertragssteuer gezahlt.
"Ausgerechnet Hoeneß - wem kann man jetzt noch trauen?", lautete das Motto bei Plasberg, was von unfreiwilliger Komik ist. Wenn Joachim Gauck oder Angela Merkel unversteuert Millionen in die Schweiz geschafft hätten - na gut, da hätte man mal kurz an der Menschheit zweifeln mögen. Aber Hoeneß? Ein Mann, der öffentlich über die steuerliche Belastung von Fußballern und ihren Managern klagt? Der sich gegen eine "Reichensteuer" mit dem Argument wehrt: "Wenn die Unternehmer alle in die Schweiz gehen, ist auch keinem geholfen"? Da wäre man fast ja schon enttäuscht gewesen, wenn so ein gewiefter Stratege, so ein Transfer-Genie und Millionenjongleur so gar keine Schwarzgeldkonten gehabt hätte.
Die Dramaturgie des Talkshow-Wesens gebietet es jedoch, den als Gauner Enttarnten zum vormaligen "Vorbild" zu stilisieren, das jetzt vom Sockel gestürzt ist. "Schockiert, enttäuscht, ratlos, so äußern sich heute Weggefährten", erklärt Plasberg mit festem Blick zu Beginn der Sendung. Und zitiert obendrein das Bonmot von Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, Hoeneß sei "der Vater Teresa vom Tegernsee, der Nelson Mandela von der Säbener Straße" gewesen.
Warnung vor der Jagdgesellschaft
Wie dem auch sei, die ganze Aufregung wich in den ersten 15 Minuten des Talks. Der ehemalige CSU-Vorsitzende und Hoeneß-Spezl Erwin Huber mochte nicht verzichten auf den ranzigen Bibelspruch vom ersten Stein, den werfen möge, wer ohne Sünde. Zwar sei Steuerhinterziehung - Achtung, wieder Platituden - "kein Kavaliersdelikt". Aber "an den Pranger" dürfe man den Hoeneß deshalb nicht stellen, schließlich habe er sich selbst angezeigt.
Das wollte aber auch partout keiner machen. Im Gegenteil: "SZ"-Redakteur Hans Leyendecker warnte vor einer "Jagdgesellschaft" wie im Falle von Christian Wulff: "Wir gehen schon mit ziemlicher Wucht ran, wenn jemand ganz oben ist", was so viel heißen sollte wie: Regt euch wieder ab. Jedenfalls ein bisschen. "Ich will keine Jagd machen", erwiderte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. "Mich interessiert: Wie kriegen wir ein vernünftiges Steuerrecht für die Zukunft hin."
Wenn die Gäste sich lagerübergreifend darauf verständigen, dass die Personalie das viele Echauffieren nicht richtig lohnt, dann nützt auch der schönste Einspielfilm nichts. Redaktionsmitarbeiter mussten einen überdimensionalen Papp-Hoeneß in einer Fußgängerzone herumtragen und Normalbürger dabei filmen, wie sie dem ihre Meinung geigen. Zum Beispiel: "Was soll man denn noch glauben in Deutschland, wenn selbst der Uli Hoeneß..." In Fußgängerzonen finden sich eben immer ein paar Menschen, die das ins Mikrofon sagen, was das Team von ihren hören will.
"Alarmzeichen für Deutschland"
Die Runde diskutierte schließlich über das Steuerabkommen mit der Schweiz. Auf die am Bundesrat gescheiterte Vereinbarung, die eine anonyme Exit-Strategie mit Pauschalzahlungen für Steuersünder vorsah, hatte auch Hoeneß gewartet und sich selbst angezeigt, als sie nicht kam. Leyendecker und Künast begrüßten das Scheitern des Steuerabkommens und hofften auf weitere Steuer-CDs - wie etwa die, die der rheinland-pfälzische Finanzminister Carsten Kühl erstanden hatte, der auch in der Runde saß und zu berichten wusste, dass die rund 40.000 Schweizer Datensätze vor allem jene betreffen, "die deutlich über dem Durchschnitt sind vom Einkommen her". Wer hätte das gedacht!
Der einzige Gast, der ein wenig Provokation in die Runde brachte - weshalb er zweifelsohne auch geladen war -, war Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer "Weltwoche", der in jüngerer Zeit eher mit rassistischen Titelbildern auf sein Blatt aufmerksam macht. Bei Plasberg gab er den indignierten Schweizer, der den Durchgriff der Deutschen auf die eidgenössische Traditionsverschwiegenheit geißelt. Und überhaupt müsse das doch ein "Alarmzeichen für Deutschland" sein, wenn die Deutschen in Geld ihr der Schweiz vor dem Fiskus schützen wollten.
Inmitten der Scharmützel zwischen Künast ("Hehlerei der Banken!") und Köppel ("Die Steuer-CDs kaufen, das ist Hehlerei!") saß dann noch der Sportjournalist Manfred Breuckmann, der darüber spekulierte, was den Uli bloß dazu gebracht haben könnte. "Ich bin sicher, dass er ein sozialer Mensch ist", so Breuckmann. Aber "heiligengleiche Verehrung", die ihm bei öffentlichen Auftritten zuteil werde: "Das beeinflusst das Bewusstsein." So ist es wahrscheinlich. Die Steuer ist fällig, aber der Geist ist schwach.
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