"TV total Bundestagswahl": Gysi schlägt den zahmen Raab

Von Arno Frank

Stefan Raabs "TV total Bundestagswahl 2013": Schwacher Auftritt Zur Großansicht
ProSieben/ Willi Weber

Stefan Raabs "TV total Bundestagswahl 2013": Schwacher Auftritt

So frisch Stefan Raab beim TV-Duell war, so zahm war er jetzt in seinem Heimspiel: Bei seiner Show "TV total Bundestagswahl" wirkte der Alleskönner wahlkampfmüde - wie die Gäste. Mit Ausnahme von Gregor Gysi. Deshalb Vorsicht heute vor Straßenbahnen!

Gäbe es so etwas wie den typischen Sound der Demokratie, dann wäre das wohl eine tumultöse Kakophonie, in der sich alle Politiker gleichzeitig gegenseitig niederplappern und neutralisieren, bis nur noch dieses vielstimmige Gesumme nachschwingt. Gegen diesen Effekt ist bei aller Breitbeinigkeit auch Stefan Raab nicht gefeit. So nassforsch und frisch er im TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und Peer Steinbrück (SPD) gewirkt hatte, so zahm und zahnlos erschien er auf eigenem Terrain. Wenn er da vergeblich den wirren Chor mit "Nu lassen Sie doch, nu lassen Sie doch" oder "So! Wir schließen dieses Thema jetzt mal ab" zu disziplinieren versuchte, da merkte man - der Mann kocht also auch nur mit Wasser.

Aber immerhin, er kocht. Sein Anliegen, ein tendenziell politisch völlig unmusikalisches Publikum für Demokratie zu interessieren, ist durchaus verdienstvoll. Trotzdem fühlte sich "TV total Bundestagswahl 2013" über weite Strecken an, als wär's die Verfilmung einer Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung. Wenngleich man dort wohl mehr Wert auf einen fairen Proporz gelegt hätte. Mit Armin Laschet, dem stellvertretenden CDU-Chef, und der Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) war die Union gleich doppelt vertreten, während die Piraten oder die AfD überhaupt nicht geladen war. Immerhin: Gregor Gysi war als "Popstar von der Linkspartei" angekündigt. Für die SPD saß mit Thomas Oppermann der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion in der Runde. Und bei den Grünen vertrat Katrin Göring-Eckardt den Kollegen Trittin, der angekündigt, aber dann wohl irgendwie verhindert war.

Raab leitete die Gesprächsrunde mit dem Hinweis an Rainer Brüderle ein, die FDP behaupte doch stets: "Leistung muss sich wieder lohnen! Und jetzt wollen sie sich über eine Leihstimmenkampagne in den Bundestag mogeln. Wie geht das zusammen?" Brüderle, ganz Frontschwein, setzte daraufhin Raab geduldig das deutsche Wahlrecht auseinander. Raab hörte geduldig zu, bevor er sich an Armin Laschet wandte: "Wie schlimm ist das, wenn man sich auf eine Partei verlassen muss, die auf so wackligen Beinen steht?" Doch es kratzte das Mikro, Tonprobleme. Wer ist schuld? Laschet mit der ihm eigenen Vergnüglichkeit: "der Gysi". Darauf der Gysi: "So sehr lässt der mich gar nicht ran."

Gysi und die Kneifzangen

Raab nahm manche Politiker mit fast den gleichen Worten ins Gebet, die neulich auch Frank Plasberg gewählt hatte. Er wasche sich doch, rieche gut, aber, Herr Gysi: "Warum packen die anderen Sie nicht einmal mit der Kneifzange an?" - "Och, doch, doch, mit der Kneifzange machen die das schon", versetzte Gysi und sagte, fast wortgleich wie neulich bei "Hart aber fair", die SPD habe sich verrannt, in deren "Karton" werde es nach der Wahl "rappeln".

Neues Thema: Mindestlohn. Hier war es Brüderle, der mal wieder das bewährte Beispiel mit der "Kehrmaschine" brachte, die nicht billiger sein dürfe als der Arbeiter. Wer weniger als sechs Euro verdiene, so Brüderle, der solle sich doch freuen, "auch wegen dem Selbstwertgefühl, dass er ein Teil dieser Gesellschaft sein kann". Das vitale Publikum buhte den armen Mann regelrecht aus dem Sessel. Später sagte er noch über Autofahrer allen Ernstes, sie seien die "Melkkühe der Nation". Melkkühe. Der Nation. Da muss man erst einmal drauf kommen, auf diese Metapher.

Da war schon klar, dass Raab keineswegs die Politiker aus irgendeiner Reserve locken konnte - weil die, einen Tag vor der Wahl, wohl allesamt längst schon auf Reserve liefen. Ob die Substanz der Unternehmen besteuert wird oder nicht. Wie es sich mit einem gesetzlichen Mindestlohn verhält. Solidaritätszuschlag abschaffen oder nicht. Zu den seit Wochen bekannten Themen gab es die seit Wochen bekannten Antworten auf seit Wochen bekannte Fragen.

An die Tatsache, dass hier vor allem ein jüngeres Publikum angesprochen werden sollte, erinnerte neben der Präsenz des Moderators nur der "Erstwählercheck". Ein Einspielfilmchen, in dem angeblich exemplarische "Jugendliche" beispielsweise gefragt wurden: Was würdest du machen, wenn du an der Macht wärst? "Ich würde gar nix machen, ich würd zu Hause chillen". Tja, meinte Raab danach, so seien die jungen Leute, "und deshalb machen wir hier diese Sendung". Gysi grätschte dankenswerterweise dazwischen: "Naja, es gibt auch junge Leute, die verstehen viel mehr davon."

Szenenapplaus bei "4,9 Prozent" für die FDP

Überhaupt, der Gysi. "Welt"-Journalist Robin Alexander, von Raab als Darsteller politjournalistscher Kompetenz angeheuert, stellte als Analyst später die gute Frage: "Was macht die Linke, wenn der Gregor Gysi - was Gott behüte - mal von der Straßenbahn überfahren wird?" Einen anderen Linken mit einer ähnlich engagierten "Performance" könne man sich jedenfalls kaum vorstellen. Da bildete eine sichtlich tiefenentspannte Ilse Aigner den Gegenpol. Nicht nur, weil noch Endorphine von der Bayern-Wahl übrig waren. Sondern auch, weil Stefan Raab ihr gegenüber eine Milde an den Tag legte, die er sich offenbar vom geföhnten BR-Clown Siegmund Gottlieb abgeschaut hatte: "In Bayern läuft's ja auch nicht schlecht. Erzählen Sie mal, wie das funktioniert…"

Nach Auszählung aller SMS-Stimmen, nach einer ominösen "demografischen Glättung" und der Anwendung obskurer "Koeffizienten" lag die Sendung bei den vergangenen Wahlen teilweise näher am amtlichen Endergebnis als die großen Meinungsforschungsinstitute. Diesmal gab's leichte Verluste für die Union, eine überraschend erstarkte SPD und Szenenapplaus bei "4,9 Prozent" für die FDP. Klarer Gewinner mit 15 Prozent war die Linkspartei mit Gregor Gysi. Falls der nicht, was Gott behüte, am Sonntag noch von einer Straßenbahn überfahren wird.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 228 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ach Gott,
sitiwati 22.09.2013
wenn einer wie Gysi den Ton angibt, dann gute Nacht-schwätzen-schwätzen-schwätzen-nicht zu überbieten dieser treue Blick, als wenn er das tatsächlich glaubt, was er da erzählt!
2. Bla bla bla....
tg923 22.09.2013
Aussenpolitik, Bundeswehrreform, Afghanistan, wie gehts im Kosovo weiter, Integration und deren Probleme...all das spielte im Wahlkampf null aber wirklich garkeine Rolle. Eine Schande....der politisch interessierte muss sich seit Monaten stundenlange Diskussionen über genau 3 Themen anhören. Alles andere wird konsequent total ausgeblendet, stinklangweilig. Hier auch ein grosser Vorwurf an die Medien.
3. Ich hätte mir eine eingehendere Erklärung
unnglaublich 22.09.2013
dieser ominösen Koeffizienten gewünscht. Natürlich ist es nicht unproblematisch, aus einer doch eher einfach strukturierten Zuschauerschaft ein Wahlergebnis herauszurechnen das irgendwo wirklichkeitsnah sein soll. Welcher (potentielle) FDP-Wähler schaltet diesen Sender ein? Aber der Gedankengang, letzte Mal haben 40 % unserer Zuschauer Linke gewählt, aber in der BTW haben die nur 10 % erreicht, dann entsprechend jetzt 42 % 10,5% in der BTW ist wahrscheinlich zu abenteuerlich um ihn aus der Enge der Excellisten zu betreien. Inwieweit "Melkkühe der Nation" eine problematische Methapher sein soll, erschliesst sich mir nicht. Vgl. etwa DER SPIEGEL*19/1973 - Melkkühe der Nation (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42602378.html)
4. Gysi ist Klasse
syntax35 22.09.2013
Die Linke ist eine der wenigen Parteien die überhaupt wählbar ist.
5. Grün
elfenlied 22.09.2013
Einen Gast haben Sie quasi gar nicht erwähnt. Und das Wundert mich nicht. Grün war selten so farblos wie Katrin Göring-Eckardt als Spitzenkandidatin wirkt. Die Grünen werden heuet ein Debakel erleben befürchte ich. Was Steffan Raab angeht, für einen ernstzunehmenden Journalisten gelingt es ihm einfach zu wenig, seine eigene Meinung wie etwa die Abneigung gegen Linke und FDP zu verstecken. Einige peinliche Sprüche dabei.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik TV
RSS
alles zum Thema Televisionen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 228 Kommentare
Fotostrecke
Alleskönner Stefan Raab: Im Wok zum Kanzler-Duell


Fotostrecke
TV-Duell: Merkel gegen Steinbrück

Reaktionen nach dem TV-Duell

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Fotostrecke
Merkels Halsschmuck: Kette und Kanzlerin

Tweets zum TV-Duell
Buchtipp