TV-Zweiteiler "Die Grenze" Meckpom baut die Mauer wieder auf

Die Mauer steht wieder - zumindest im Sat.1-Zweiteiler "Die Grenze", einer Mischung aus B-Movie und Politspektakel. Der Eventfilm vom Produzenten Nico Hofmann bietet Trash auf hohem Niveau: So brachial der Tonfall, so brisant der Inhalt: Steht Deutschland vor einer neuen Spaltung?

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Sat.1

Auf einmal sind sie ganz schnell wieder draußen, die alten Uniformen der Volksarmee. Wo die wohl in den letzten 20 Jahren vor sich hin gemodert haben? Jetzt kommen sie den aufgebrachten Menschen in Rostock, die sich gegen die Übernahme ihrer Stadt durch die Truppen eines Rechtspopulisten wehren, gerade recht. Irgendwie muss man ja ein Zeichen setzen. Die Marktwirtschaft hat derartig versagt, da erscheint einem der Rückfall in den alten Mangel-Sozialismus nach DDR-Art ein schönes Versprechen.

Bald ist Rostock geteilt: Die wiedererwachten Sozis stehen mit Steinen in der Hand den Neu-Nazis gegenüber, skandieren "Sozialismus für alle!" Wie sympathisch die Malocher in ihren lässig zerknitterten NVA-Kutten doch sind. Während die Rechten aseptisches Weiß tragen und von einem Turbokapitalisten gelenkt werden, scheint sich bei den Linken unter den Ost-Lumpen echter und gerechter Zorn breit zu machen: Mit Schnaps und Ost-Schlagern - wie anrührend! - bringen sie sich in ihrem Feldlager durch die kalten Nächte.

Mit "Demokratie von unten" hat ihr Widerstand trotzdem nichts zu tun. Bald setzen sich bei ihnen die Hardliner durch; weil immer mehr unzufriedene Rostocker in den anderen Teil der Stadt wechseln wollen, ziehen sie eine neue Mauer hoch: DDR reloaded. Die Bundesregierung schaut derweil aus Berlin zu. Schließlich entscheiden die Kanzlerin und ihre Berater, heimlich 500 Millionen Euro an die Separations-Sozis fließen zu lassen, damit die ihre Wähler beschenken können und diese nicht zu den Nazis rennen.

Die Linke als Retterin der bürgerlichen Parteien, eine Mauer als Zugeständnis an die Aufrechterhaltung der bundesrepublikanischen Ordnung? Ungeheuerliches passiert in der Sat.1-Produktion "Die Grenze" - auch in stilistischer Hinsicht, denn der unbedingte Wille zur politischen Bewusstseinsbildung trifft bei diesem hart erkämpften Acht-Millionen-Euro-Projekt auf die Lust an Pulp Fiction.

Koteletts für alle!

Mal kommt man sich vor, als schaue man den Radikalisierungskämpfen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten in der Weimarer Republik zu, dann fühlt man sich wie in einem Bond-Film. Mal werden Mauerbau-Déjà-vus abgerufen, dann wird in schaurig-schönen Bildern eine Kapitalismusdämmerung heraufbeschworen. Es wird gesoffen und agitiert, geprügelt und intrigiert, geplündert und filetiert: Als Volkes Seele irgendwann überkocht, kapert man nämlich einen Kühlwagen mit Schweinehälften. Auf der Ladefläche wird das Fleisch kurzerhand zerhackt und ans Prekariat rausgereicht. Sozialismus für alle? Quatsch, Koteletts für alle!

"Die Grenze" ist eine endlose Ausschüttung simpler Reize und Slogans. Und doch spiegelt diese hochspekulative Bürgerkriegs-Action sehr genau den aktuellen Umbruch im Parteienspektrum vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise wider: Sowohl CDU als auch SPD kratzten in den letzten Wahlen ja immer schwächer (oder gar vergeblich) an der 30-Prozent-Marke; von links drohen Lafontaine und Gysi, und von rechts kommt nun auf einmal auch noch Westerwelle mit seiner Hartz-IV-Polemik als neuer Spalter daher.

So gesehen geht von diesem zugespitzten B-Movie eine durchaus tagesaktuelle Brisanz aus. Da darf man Nico Hofmann, der mit dem Projekt schon seit fünf Jahren schwanger geht, gratulieren. Der Produzent, bekennender und enttäuschter FDP-Wähler übrigens, will mit "Die Grenze" an große historische TV-Aufreger wie "Das Millionenspiel" anknüpfen. Der Straßenfeger, hier soll er Debatteninstrument sein.

Bei den Sendern stieß Hofmann damit allerdings auf eher mäßige Begeisterung. Die Öffentlich-Rechtlichen zeigten sich nicht interessiert, RTL stieg nach einer Planungsphase wieder aus. Brennende Vulkane? Jawoll! Brennende Luftschiffe? Super! Ein brennendes Gegenwartsdeutschland? Lieber nicht. Irgendwie sah man bei RTL wohl seine Klientel mit dem Stoff überfordert. Umso erstaunlicher, dass dafür Sat.1 einstieg. Naja, was hat der quotenschwache Sender auch zu verlieren - Zuschauer jedenfalls nicht.

Die Vergangenheit ist auserzählt

Hofmanns Firma TeamWorx probiert sich gemeinsam mit Sat.1 zum ersten Mal auch im viralen Marketing aus: Auf einer eigenen Internetseite wird das potentielle "Grenze"-Publikum über Diskussionsforen und Umfragen spielerisch ans Thema herangeführt, die Werbemaßnahme wurde zudem von pseudo-journalistischen Aktionen begleitet. Da lassen amerikanische Vorbilder wie der Fernsehguru J.J. Abrams ("Lost", "Fringe"), der seine Serien mit allerlei medienübergreifenden Kampagnen bewirbt, heftig grüßen. Der ewig kriselnde Sender Sat.1 könnte so ein neues Publikum finden - und Produzent Hofmann eine neue Präsentationsform für seine Eventmovies.

Wie kein zweiter hat Hofmann hierzulande die narrative Form für zeitgeschichtliche Zweiteiler vorgegeben. Nach Quotenwundern wie "Die Luftbrücke" oder "Dresden" soll es jetzt in die Zukunft gehen. Die Vergangenheit ist auserzählt, die Zukunft aber vom deutschen Fernsehen tatsächlich nahezu unentdeckt. Wobei - das muss bei aller Sympathie für diesen inspirierten Trash sagen - die Erzähltechnik dann eben doch arg an Hofmanns Histotainment-Blockbuster erinnert.

Im Zentrum steht mal wieder eine amouröse Dreiecksgeschichte. Die schöne Ex-Polizistin Nadine (Marie Bäumer) wird von gleich zwei Männern umworben: dem Werber Rolf (Benno Fürmann) und dem Kinderbauernhofbetreiber Robert (Ronald Zehrfeld). Der eine ist nach Rostock gekommen, um auf Druck des Bundesnachrichtendienstes den Rechtspopulisten Maximilian Schnell (Thomas Kretschmann) auszuspionieren; der andere entpuppt sich - seiner weichen Visage zum Trotz - als Gefolgsmann des reichen Nazis. Das gesellschaftspolitische Tohuwabohu bleibt also ziemlich übersichtlich und privatfernsehkompatibel. Alle politischen Strömungen finden sich hier im kleinen familiären Biotop wieder, manchmal wirkt das arg gezwungen.

Rostock als neues Rumänien

Aber "Die Grenze" ist nun mal ein Produzentenbaby; der Film stellt eine Organisationsleistung dar, die komplett einer brisanten Idee unterworfen ist. Die Dialoge der eigentlich grandiosen Autoren Christoph und Friedemann Fromm ("Die Wölfe") sind deshalb leider genauso austauschbar wie die Bürgerkriegsimpressionen, die der eigentlich ebenfalls hervorragende Regisseur Roland Suso Richter ("Mogadischu") mit ein paar Kohorten Komparsen und Pyrotechniker in Szene gesetzt hat. Look, Sound, Charaktere - hier ist nichts elegant, aber alles schreit umso lauter nach Aufmerksamkeit.

Das liegt nun mal in der Natur eines Debattenschockers. An tagesaktuell aufwühlenden Anspielungen ist "Die Grenze" dafür wirklich reich. Klasse in dieser Hinsicht, wie die Kanzlerin (Katja Riemann) sich dazu durchringt, den Kandidaten der Linken (Jürgen Heinrich) heimlich als ihren Mann aufzubauen. Der Rote darf in Rostock eine DDR en miniature errichten - und wird dabei vom Westen unterstützt. Die kapitalistische Pointe dieser sozialistischen Volte: Die Industrie der BRD jubiliert, weil man nun direkt ein Billiglohnland vor der Haustür hat, in dem für ein karges Einheitssalär die Drecksarbeit für den Westen erledigt wird. Da erübrigt sich die leidige Mindestlohndebatte.

Rostock als neues Rumänien, Deutschland als Entwicklungsland: Soviel böser Witz war selten in einem Eventmovie aus dem Hause Sat.1.


"Die Grenze": Montag und Dienstag, jeweils 20.15 Uhr, Sat.1
"Kerner Spezial: Die Grenze": Dienstag, 22.25 Uhr, Sat.1

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
SethSteiner 14.03.2010
1. Nervige Propaganda
Die Gründe dafür, das man immer noch in Ost und West denkt, sind doch solche nervtötenden Produktionen. Es wird immer schön gespalten, entweder in Zeitungen, wenn man bei Olympia unbedingt Ostdeutschland auf einmal hervorholen muss oder in solchen Fernsehproduktionen. Deutschland besitzt mittlerweile gute Kameratechniken und die Schauspieler können auch, wenn sie mal wollen. Jerry Cotton zeigt es, oder die Bully Filme. Die sehen geil aus aber letztendlich ist das wieder nur Komödienmüll. Was ernsthaftes, ein richtiger SciFi oder Fantasyfilm? Fehlanzeige. Und das Fernsehen ist da leider eben nicht anders. Anstatt was neues zumachen, etwas abseits deutscher Historie, Romanzen, Comedy, Integration und Independent. Man könnte meinen, Deutschland hätte keine Fantasie.
floydpink 14.03.2010
2. Die Grenze
Und wieder ein Sat 1 Gelumpe, dass die Welt nicht braucht. Ich finde auf den Privaten kommen schon genug Sendungen, die einen dümmer machen.Besser mal ausgehen oder lesen.
Mulharste, 14.03.2010
3. -
Zitat von sysopDie Mauer steht wieder - zumindest im Sat.1-Zweiteiler "Die Grenze", einer Mischung aus B-Movie und Politspektakel. Der Eventfilm vom Produzenten Nico Hofmann bietet Trash auf hohem Niveau: So brachial der Tonfall, so brisant der Inhalt: Steht Deutschland vor einer neuen Spaltung? http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,683475,00.html
Blödsinn! Wenn man nicht ständig darauf herumritte, würde es keinen interessieren.
altruist 14.03.2010
4. neue Lage rechts.DDR ist abgewickelt
Die Mauer läuft woanders. nämlich zwischen christlichen Religionen und Moslems,zwischen der deutschen Gesellschaft und den muslimischen Judenhassern,den Deutschlandhassern.Das sind die neuen Rechten. Wir haben nicht aufgepasst und uns die falschen Leute geholt.
prophet46 14.03.2010
5. Gebiss-Schiebung
Obwohl ich mich eher zu den deutschen Patrioten zähle, hätte eine gewisse Trennung, zumindest in finanzieller Hinsicht, sicher auch Vorteile. Z.B. müssten die westdeutschen Krankenkassen nicht große Teile ihrer Beitragseinnahmen zur Unterstützung und Sanierung diverser Ostkassen mit schlechtem Versicherungsrisiko opfern. Zahnersatz könnten so wieder bezahlt werden. Früher haben sich die Westdeutsche und Ostdeutsche durch ihre Jean unterschieden, künftig vielleicht an der Komplettheit ihrer Gebisse.
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