ARD-Drama über Psychotherapeuten Suff, Sex, Analyse

Unten tobt der Verkehr, oben geht die Seele auf Crashkurs: Das TV-Drama "Über Barbarossaplatz" folgt Psychos und Psychotherapeuten durch die Straßen Kölns. Ein Heimatfilm über Unbehauste, großartig!

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Während sich auf dem Barbarossaplatz der Verkehr von Stadtbahn, Bus und Pkw über mehrere Strecken und Spuren schiebt, werden in einer Gemeinschaftspraxis über dem Kölner Verkehrsknotenpunkt Sexsucht, Vaterkomplex und Suizid verhandelt. Oft staut sich die seelische Aufarbeitung, gelegentlich crashen die Egos, und ins Innere der Patienten zu gelangen, das scheint für die Therapeuten zeitweise unmachbar wie für die Fußgänger die Überquerung des Barbarossaplatzes. Heavy Psychotraffic.

Der ARD-Film "Über Barbarossaplatz" ist ein leicht verzögertes Nachfolgeprojekt der gefeierten Therapeutenreihe "Bloch", die mit dem Tod des Hauptdarstellers Dieter Pfaff 2013 zu Ende gegangen ist. "Bloch" war eine WDR/SWR-Co-Produkton; der SWR hat bereits mit "Emma nach Mitternacht" versucht, eine Psychologinnenreihe an den Start zu bringen, in der seelische Ausnahmezustände handlich aufgelöst werden.

Die WDR-Produktion "Über Barbarossaplatz" geht nun ins andere Erzählextrem. Im Mittelpunkt des von allen Psychobastelanleitungen und Dachstübchenschnellchecks befreiten Fernsehfilmbrockens steht die Therapeutin Greta Chameni (Bibiana Beglau), deren Ehemann und Praxispartner vor Kurzem Suizid begangen hat.

Konfliktbeschleunigung auf die harte Tour

Wir sehen sie, wie sie während einer Fährenfahrt über den Rhein die Asche des Toten verstreut; Kommentar der Mitreisenden: "Ey, können Sie mal aufhören, Ihren Dreck da reinzuschütten." Wir sehen sie, wie sie in den Clinch mit Patientinnen des Verstorbenen geht; freche Frage an die Hinterbliebene: "Wieso trauern Sie eigentlich nicht um den Tod Ihres Mannes?" Und wir sehen sie dabei, wie sie solchen Fragen durch erfolgreiche Besäufnisse und weniger erfolgreiche Sexeskapaden zu entkommen versucht.

Suff und Sex, Schmerz und Analyse, eine schwierige Mischung. Doch den Filmemachern geht es nicht darum, die Kaputtheit ihrer Protagonistin auszustellen. Die Zutaten sind vielmehr Konfliktbeschleuniger, durch die sich überlagernde Abwehrmechanismen und Selbstlegitimierungen ausgehebelt werden.

Drehbuchautorin Hannah Hollinger hat unlängst für die "Begierde"-Reihe mit Melika Foroutan eine ähnlich abgebrühte und aufgewühlte Ermittlerfigur geschaffen. Regisseur Jan Bonny sorgte zuletzt mit der Münchner "Polizeiruf"-Folge "Der Tod macht Engel aus uns allen" für Furore; darin ging es um Machobullen und Transsexuelle und was diese jenseits möglicher Sittenkriminalität zusammenbringt. Um ein Gefühl für Bonnys Figuren zu bekommen, muss man ihnen schon eine Weile auf den Fersen bleiben.

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"Über Barbarossaplatz": Die Seele ist eine Baustelle

In "Über Barbarossaplatz" geht es mit den Psychos und Psychotherapeuten nun durchs zerklüftete Köln. Den nervösen Puls des Films geben Freejazz und Gabber-Techno vor, der Soundtrack stammt von Kölner (und Düsseldorfer) Künstlern um die Bands Colorist und Stabil Elite. Mitten im Driften und Dröhnen durchs Verkehrschaos Kölns wird der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann zitiert, der - ausgerechnet - in London bei einem Verkehrsunfall gestorben ist; oder es wird am Tresen über Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie "Acht Stunden sind kein Tag" gequatscht, die ebenfalls in Köln spielt. Ein bisschen Orientierung für all die Unbehausten in diesem etwas anderen Heimatfilm.

Weitere Unbehauste um die Therapeutin im Ausnahmezustand: Da ist zum einen die selbstzerstörerische Stefanie (sensationelle Entdeckung: Franziska Hartmann), die eine jahrelange Psychiatrieodyssee hinter sich hat und die Narben ihrer Selbstverletzungen zeigt wie Trophäen. Der Film folgt ihr in Hotelzimmer, wo sie sich anonym mit Männern trifft, denen sie sich zum Gruppensex ausliefert.

Ein furioses Stück entfesseltes Fernsehen

Und da ist zum anderen Gretas Lehranalytiker und Supervisor ihres verstorbenen Mannes, Benjamin Mahler (Joachim Król). Er soll Greta wegen des unaufgearbeiteten Suizids helfen, dabei ist Benjamin, Sohn eines Starpsychologen, selbst nur ein Schatten seiner selbst. Der übermächtige längst verstorbene Vater verfolgt ihn noch immer, mehr schlecht als recht ordnet er dessen Nachlass, manchmal geht er mit der einstigen Lebensgefährtin des Alten ins Bett.

Mit Greta und Benjamin haben sich zwei gefunden. Sie, die die Praxis und die Patienten vom toten Mann verwaltet; er, der Geliebte und Eigenheim vom toten Vater übernommen hat. Zwei Gespenster, die irgendwo zwischen Tod und Leben unterwegs sind, das aber mordsfidel. Erstaunlich, wie leichthändig einige der Szenen geworden sind, wie hier zwischen massiven Betäubungsmaßnahmen und wackeligen Analysebemühungen kurze, schöne, grausame Momente der Wahrheit aufblitzen.

Ein furioses Stück entfesseltes Fernsehen ist dem WDR da gelungen. Doch bei den Programmkoordinatoren im Ersten ist man offensichtlich nicht ganz so angetan von dem Film, der im Doppel mit Dominik Grafs WDR-Krimi-Roadmovie "Die Zielfahnder" bereits im letzten Juni auf dem Filmfest München gefeiert wurde und seitdem auf einen Sendeplatz wartete. Statt den Film in die Primetime des Mittwochs zu programmieren, wo die "Bloch"- und "Emma"-Gegenstücke liefen, läuft er am sehr späten Dienstagabend nach den "Tagesthemen". Auch von "Reihe" spricht man im Zusammenhang mit "Über Barbarossaplatz" nur noch sehr verhalten. Eine blamable Hasenfüßigkeit - zumal die ARD doch zurzeit einen guten Lauf hat.

Diese Woche erhält der Senderverbund alle fünf Grimme-Preise in der Kategorie Fiktion für risikowillige, zeitaktuelle Fernseheinzelstücke wie "Dead Man Working" oder "Das weiße Kaninchen". Jetzt hat man offensichtlich Angst, die schroffe, unmittelbare, keine billigen Lösungen vorgaukelnde Erzählweise des Psychodramas könnte dem großen Publikum zu stark zusetzen.

Na und, ein bisschen Realismus hat der Primetime noch nie geschadet. Dieser Film tut weh, dieser Film tut gut. Die Seele ist hier eine Baustelle, die man ins Betonpflaster von Köln gerissen hat und auf der geschäftig gehämmert, gebohrt und geschrien wird. Obwohl doch alle wissen: Fertig wird die Baustelle sowieso nie. Fortsetzung muss folgen.


"Über Barbarossaplatz", Dienstag, 22.45 Uhr, ARD

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