Ulrich Tukur im "Tatort" Beinchen hoch, Bulle!

Ausnahme-Krimi oder "Neues vom Wixxer"? Christian Buß ist vom neuen "Tatort" mit Ulrich Tukur hin- und hergerissen. Die Edgar-Wallace-Zitate sind eine Zumutung! Aber wie Tukurs Kommissar Murot mit seinem Tumor im Kopf zu einer wahnwitzigen Psycho-Revue bittet, ist eine große Schau.

HR

Einen wie Kommissar Murot behält man besser im Auge. Ein Tumor hat sich in seinem Kopf breitgemacht und flüstert ihm komische Dinge ein, gelegentlich bringt er die Wahrnehmung des Ermittlers durcheinander. So erheben sich plötzlich vor Murots Augen die Proleten einer hessischen Kneipe, um The Sweets "Ballroom Blitz" anzustimmen und die holzgetäfelte Schenke in eine Glamrock-Bühne zu verwandeln. Pardon, wer braucht schon Drogen, wenn einem eine Geschwulst auf die Synapsen drückt?

Gut also, wenn Murot jemand bei seinen unfreiwilligen Trips über die Schulter schaut. Auf dem alten Schloss im Taunus, in das sich der Kommissar nach einer Reihe sonderbarer Morde inkognito begeben hat, steht er jedenfalls unter ständiger Beobachtung. Kein Gemälde, in das nicht Gucklöcher gebohrt sind, kein Lüftungsschacht, aus dem nicht ein Paar unheimlicher Augen herausschaut. Der "Hexer" lässt grüßen.

Ein Krimi-Musical, das sich - lustig, lustig - aus dem Fundus der Edgar-Wallace-Verfilmungen und Film-noir-Klassiker bedient? Klingt fürchterlich, klingt nach den schlimmsten Ausrutschern der achtziger Jahre, nach ranziger postmoderner Ironie, nach "Tote tragen keine Karos" und all den fürchterlichen Sing- und Zitatspielchen, die in Folge des Steve-Martin-Hits die Programmkinos vollmüllten. Wer denkt sich denn sowas aus?

Der "Tatort" als Party, Abstürze inklusive

In diesem Fall war es der Hessische Rundfunk, der ja im letzten Jahrzehnt dafür bekannt geworden ist, die risikoreichsten aller "Tatorte" zu produzieren. Schon jede einzelne Folge mit den inzwischen abgetretenen Ermittlerdarstellern Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf war ein Experiment. Und als man unlängst Ulrich Tukur für die Rolle des Wiesbadener LKA-Ermittlers Felix Murot gewann, kalkulierte man ein, dass man ihn nur für eine Ego-Show bekommt, die möglicherweise auch mal aus dem Ruder läuft.

Den sprechenden Tumor seiner Figur nannte Tukur nach seiner Tochter Lilli, der Schauspieler wollte in der Rolle tanzen, singen und Klavier spielen, und falls sie ihm irgendwann mal über sein sollte, dann wollte er die unberechenbare Geschwulst als Ausstiegsklausel haben - wär' der Kommissar eben von dem Ding dahingerafft worden. Motto: Bloß nicht in die öffentlich-rechtliche Mühle geraten, der "Tatort" sollte unter ihm als Vortänzer zur Party werden, Abstürze möglich.

Ein Absturz ist die Episode "Das Dorf" (Buch: Daniel Nocke), der zweite "Tatort" mit Tukur als Murot, in einer Hinsicht auf jeden Fall geworden: Ein Krimi, dessen Handlung aus der Perspektive eines wahrnehmungsgestörten Ermittlers entwickelt wird und dessen Plot komplett der Sanges- und Tanzlust seines Hauptdarstellers unterworfen ist, kann natürlich nicht aufgehen. Auch die Referenzen ans rustikale deutsche Gruselkino sind nicht sehr weit über dem Niveau von "Neues vom Wixxer", der von Oliver Kalkofe und Oliver Welke angeschobenen, arg groben Wallace-Hommage.

Tango mit dem Todesengel

Erstaunlicherweise ist dieser Befund beim Anschauen dieses "Tatort"-Krimis irgendwann völlig schnuppe - zumindest, wenn man bereit ist, sich aufs Ego-Ballett Tukurs einzulassen: Als groteske Revue eines Mannes, der vom Tumor in seinen Kopf zu einem Tanz zwischen Wahn und Wirklichkeit getrieben wird, entfaltet der Film eine elegante, eine irre Wucht.

Das liegt auch an der kunstvollen Regie des eigentlich als Schauspieler bekannten Justus von Dohnányi ("Das Experiment"), der in den besten Momenten die billige Räuberpistole mit großem Ausstattungskino vereint. Die Tanzszenen wirken schon mal, als wären sie gemeinsam von den Regisseuren Vincente Minnelli ("Ein Amerikaner in Paris") und Alfred Vohrer ("Die toten Augen von London") choreografiert worden.

Reizend, wie zum Beispiel aus einer spröden Schloss-Madame auf einmal die beiden Kessler-Zwillinge werden, die über die alten Teppiche steppen, während sie Tukur am Piano begleitet. Überwältigend, wie der Kommissar in einer Traumsequenz mit einer abgründig erotischen Ärztin (Claudia Michelsen) eine surreale Tanznummer hinlegt, bei der das mit Angst und Lust aufgefüllte Unterbewusstsein des Tumorpatienten den Takt vorzugeben scheint.

Tango mit dem Todesengel: So tiefgründig kann Trash sein.


"Tatort: Das Dorf", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels behaupteten wir, der Song "The Ballroom Blitz" sei von Gary Glitter. In Wahrheit stammt er natürlich von der Band The Sweet. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
loeweneule 02.12.2011
1. nee
Zitat von sysopAusnahme-Krimi oder "Neues vom Wixxer?" Christian Buß ist*vom neuen "Tatort" mit Ulrich Tukur*hin- und hergerissen. Die Edgar-Wallace-Zitate sind eine Zumutung! Aber wie Tukurs Kommissar Murot mit seinem Tumor im Kopf zu einer wahnwitzigen*Psycho-Revue bittet, ist eine große Schau. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,800803,00.html
Wallace-Film-Zitate? Das werde ich mir anschauen, denn ich habe solch einen schlechten Geschmack. Wie etwa Quentin Tarantino, der Alfred Vohrer schätzt. Übrigens "Ballroom Blitz" ist nicht von Gary Glitter sondern von The Sweet.
boeseHelene 02.12.2011
2. -----------
der Tatort hört sich interessant, mal etwas anderes als diese ganzen Weltverbesserer Tatorte. Wäre schön, wenn es neben den Münsteranern noch einen anderen Tatort geben würde den man gerne anschaut.
loeweneule 02.12.2011
3. nee
Zitat von boeseHeleneder Tatort hört sich interessant, mal etwas anderes als diese ganzen Weltverbesserer Tatorte. Wäre schön, wenn es neben den Münsteranern noch einen anderen Tatort geben würde den man gerne anschaut.
Mit "Weltverbesserer-Tatorte" meinen Sie sicher die, in denen, auch wenn es mit der Handlung nichts zu tun hat, mindestens eine alleinerziehende, vegetarisch lebende lesbische Mutter mit Migrationshintergrund, die von ihrem faschistoiden Nachbarn und dessen Schäferhund drangsaliert wird, vorkommt. Ja, die liebe ich auch so sehr, daß ich sie nach einer Viertelstunde ausschalte und auf die nächste Münster-Folge hoffe.
boeseHelene 02.12.2011
4. ...............
Zitat von loeweneuleMit "Weltverbesserer-Tatorte" meinen Sie sicher die, in denen, auch wenn es mit der Handlung nichts zu tun hat, mindestens eine alleinerziehende, vegetarisch lebende lesbische Mutter mit Migrationshintergrund, die von ihrem faschistoiden Nachbarn und dessen Schäferhund drangsaliert wird, vorkommt. Ja, die liebe ich auch so sehr, daß ich sie nach einer Viertelstunde ausschalte und auf die nächste Münster-Folge hoffe.
genau diese Art Tatort meinte ich am besten noch eine Anne Will inzwischen Günther Jauch Diskussion zum Thema des Tatorts danach, das hat wirklich etwas von Schule. Ich lese inzwischen nur noch die Beschreibung auf Tatort.de oder tatort-fundus und wenn es mal wieder um gesellschaftskritische Themen geht schalte ich konsequent nicht ein, da ist mir noch die Werbung für US-Streitkräfte aka Navy CIS lieber.
boeseHelene 02.12.2011
5. ...............
gegen realismus habe ich auch nichts, aber gegen den erhobenen Ziegefinger oder wenn ich das Gefühl habe das ist kein Krimi sondern ein Lehrfilm anschließend eine Diskussion wie in der Schule. Die Münsteraner haben mit Tempelräuber es geschafft Kritik an der Kirche zu üben oh, die zugleich noch interessant war und bei der man den erhobenen Zeigefinger nur wenig spürte. Die selbe Folge mit Lindström oder Eva Mattes wäre langweilig und langatmig geworden.
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