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Ulrich Tukur und das Böse: "Der Mensch ist ein Abgrund"

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Die Gesichter des Ulrich Tukur: Charaktere in allen Braun-Schattierungen Fotos
ARD

Darf man Pädo-Verbrecher sympathisch spielen? Sind Nazis auch nur Menschen? Und können Maschinengewehre Spaß bringen? Eine Begegnung mit Ulrich Tukur, der dem Bösen ein verführerisches Antlitz verleiht.

Ulrich Tukur weint. Eine Stunde dauert das Gespräch über Pädo-Verbrecher, Nazis und Tukurs neuer Lust an Schnellfeuerwaffen nun schon, und all die Zeit plauderte der Schauspieler mit der Attitüde eines Bastlers, der ein besonders gewagtes Automodell zusammengeschraubt hat, über die von ihm gespielten Zwangscharaktere und Gewaltverbrecher. Immer wieder wischte er mit einem Lachen die Verzweiflung über das Böse im Menschen weg. Dann auf einmal Tränen.

Es geht um den Tumor, den Tukur eine Zeit lang in seiner Rolle als "Tatort"-Ermittler Murot im Kopf mit sich herumtrug. Und es geht um den Tumor, der im Kopf seines Hundes Totò saß und an dem dieser starb.

"Dieser Hund, ein wunderschöner Eurasier, stand mir sehr nah und hatte etwas unglaublich Spirituelles", sagt Tukur. "Ich dachte: Wollte er mir etwas sagen? Hat er mir diesen Tumor etwa abgenommen und mich so von einem Leiden befreit, das mich vielleicht in der Wirklichkeit ereilt hätte, weil ich es ja mit meiner Rolle geradezu beschwor?" Den Tumor weiterhin im "Tatort" mit sich herumzutragen, war Tukur auf einmal zuwider.

Lichte Kleidung, düstere Macht

TV-Ermittler Murot, dieser klavierspielende Melancholiker-Cop, der ganz um die Persona Tukur gebaut ist, war also auf einmal in Folge drei wundergeheilt. Beim Tukur-"Tatort" geht so was, bei historischen Rollen herrscht indes Akkuratesse. Etwa für die des pädophilen Rektors einer Reformschule, den er in "Die Auserwählten" spielt und der an Gerold Becker angelehnt ist, den realen Schulleiter der Odenwaldschule.

Lange wurde vor dem Dreh über die Kleidung gegrübelt, am Ende entschied man sich für elegant-legere Sommerkleidung. "So wie die Naturapostel des frühen 20. Jahrhunderts", so Tukur. "Die Diskrepanz zwischen der lichten Kleidung und der düsteren Macht spiegelt sich in der märchenhaften Welt der Odenwaldschule und den Verbrechen wider, die dort passiert sind."

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ARD-Film "Die Auserwählten": Kindheit in Angst
In der Welt des deutschen Fernsehfilms ist solche Doppelbödigkeit eigentlich verboten - auch um Missverständnissen und Kontroversen auszuweichen. Zurzeit kämpfen ehemaligen Schüler der Odenwaldschule gegen die Ausstrahlung des Filmes am Mittwoch, da sie ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sehen.

Nicht unschuldig an den heftigen Reaktionen dürfte der Umstand sein, dass Tukur seinen pädophilen Machtmenschen mit dieser verstörenden Zärtlichkeit spielt. Tukur: "Gerold Becker, so wie ich ihn verstehe, war charmant und durchaus zu Empathie fähig, er war kein Monster. Um die Schüler, an denen er nicht sexuell interessiert war, kümmerte er sich rührend."

Er überlegt kurz und setzt, um die Bedeutung der Worte wissend, hinzu: "Ja, er hatte auch etwas Liebesvolles."

Ach Gottchen, ein liebevoller Vergewaltiger. Herr Tukur, wo bleibt die kritische Distanz? "Natürlich weiß ich, dass jemand wie Gerold Becker böse ist. Da gibt es auch nichts zu entschuldigen. Aber ich will ja wissen, weshalb er diese Strahlkraft entwickeln konnte." Schließlich blendete der Pädo-Pädagoge im Film Eltern und Lehrer, die von sein Vergewaltigungen hätten wissen müssen. "Er war ein Hochstapler, und wie alle Hochstapler hatte er dieses spezielle Charisma. Weshalb wirkt so ein Charisma auf vernunftbegabte Menschen und verwirrt komplett ihre Sinne?"

Charaktere in allen Braun-Schattierungen

Und hoppla ist Tukur schon bei einem Thema, das er wie kein anderer Schauspieler beackert hat, dem "Dritten Reich": "Der ideale Hochstapler war Adolf Hitler. Ein Mann ohne Mitte, ohne wirkliche Bildung, hohl, leer - und trotzdem konnte er ein ganzes Volk verführen. Letztendlich kreise ich, egal ob ich politische oder pädophile Verbrecher spiele, stets um dieses Rätsel der Verführung. Der Mensch ist ein Abgrund, ich will hineinschauen."

Es klingt, als wäre es das größte Vergnügen für ihn.

Hitler würde Tukur trotzdem nicht spielen. Ansonsten hat er, seit er 1984 direkt nach der Schauspielschule in Peter Zadeks Berliner "Ghetto"-Inszenierung als SS-Offizier Kittel für Furore gesorgt hatte, Charaktere in allen möglichen Braun-Schattierungen gegeben.

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"Rommel" in der ARD: Der Wüstenfuchs grämt sich
Wie wär es denn, mal einen durch und durch freundlichen Menschen zu verkörpern? Natürlich, räumt Tukur ein, habe er sich gefragt, ob er jetzt auch noch einen berühmten Pädo-Sexuellen sein Gesicht geben soll. "Ich habe so viele Nazis und andere Arschlöcher gespielt, schön war das nie. Ich habe für mich jedoch herausgefunden, dass jeder Mensch, egal wie verkommen, irgendwie nachvollziehbar ist."

Das Böse, alles ganz normal? Tukur setzt nach: "Wohlgemerkt: nachvollziehbar, nicht legitimierbar. Man muss diese Figuren nicht lieben, aber man muss sie verteidigen wie ein Anwalt einen Mörder vor Gericht."

Guter Satz. Können wir trotzdem nicht unterschreiben. Manchmal ist die Verteidigung durch Tukurs Spiel so gut, da muss die Anklage blass bleiben. Der Teufel ist nun mal ein guter Entertainer, das macht ihn ja so gefährlich.

Ein Gedanke, der Tukur nicht tangiert: "Wissen Sie, mit sogenannten bösen Rollen ist es immer das Gleiche. Sie brauchen gegenläufige Facetten. Nichts ist langweiliger als ein böser Nazi oder ein unappetitlicher Päderast. Man braucht eine zweite Dimension im Charakter, sonst ist er uninteressant. Die Figuren brauchen Fallhöhe."

Tukur und der Wüstenfuchs

Die Fallhöhe, die Tukur in einem ARD-Biopic vor zwei Jahren Erwin Rommel gegeben hat, war dann aber wohl doch ein bisschen zu hoch. Da war der NS-Feldmarschall auf einmal ein zaudernder, durchaus sympathischer Hamlet. Tatsächlich, da habe er wohl emotional ein bisschen zu wenig Abstand gehabt, räumt Tukur ein. Der Schauspieler stammt, wie Rommel, aus einer schwäbischen Familie, und für die war der Generalfeldmarschall immer eine Lichtgestalt gewesen. Im Bücherregal stand 'Infanterie greift an', Rommels Abhandlung über Gefechtsführung, der kleine Ulrich hat darin immer geblättert und vom Wüstenfuchs geträumt.

Ein bisschen viel kindliche Begeisterung für einen von Hitlers zumindest anfänglich effizientesten Feldherren? "Natürlich kritisiere ich Teile seines Handelns. Aber Rommel hat erkannt, dass er mit Hitler auf den Teufel gesetzt hatte. Er konnte sich nur nicht zum Tyrannenmord durchringen, weil er zu sehr in seinem soldatischen Denken gefangen war. Dieser Zustand der Zerrissenheit hat mich interessiert."

Tukur seufzt. Nazi-Versteher hat man ihn genannt, aber das macht ihm nichts aus. Trotzdem will er Schluss machen mit seinen historischen Rollen. Bernhard Grizmek, den absonderlichen Tierforscher, dem das Vieh näher war als die Menschen, hat er unlängst noch gespielt, der Film läuft nächstes Jahr. Dann soll erst mal Schluss sein mit Masken, Kostümen und Charaktergrenzgängen.

Der "Tatort" als Himmelfahrtskommando

Zur Ruhe kommen wird Tukur, der manisch-heitere, manisch-düstere Zwangsperformer von inzwischen 57 Jahren natürlich trotzdem nicht. Ab Mittwoch ist er erst mal wieder zwei Monate mit seinen Rhythmus Boys unterwegs, er am Piano und am Mikro, drei duldsame, schräge Takthalter im Bühnenbackground. Dann stürzt er sich in den nächsten Hessen-"Tatort". "Da kollidiert", freut er sich diebisch, "der Schauspieler Tukur mit der Filmfigur Murot. Sehr gewagt, mal sehen, ob sie mich danach rausschmeißen."

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HR-"Tatort": Manege frei für den Unsinn
Iwo. Die Verantwortlichen vom Hessischen Rundfunk haben hinter ihm gestanden, als wegen allzu gewagter Ausflüge ins Absurde Morddrohungen radikalisierter Krimi-Spießer an den Sender gingen. Und selbst wegen des scheußlichen Zirkus-"Tatort" im vergangenen Jahr hat ihn niemand beim HR fallen gelassen. Tukur pikiert: "Scheußlich war er nun wirklich nicht, aber er war auch nicht der stärkste, Asche auf mein Haupt. Trotzdem hatte er die beste Quote von allen, seltsam nicht?"

Beim HR erzählt man sich, nach der ernüchternden Premiere hätten sich alle Beteiligten gefragt, wer diese blöde Idee mit dem Zirkus gehabt hätte. Wer war es denn nun? "Ich fürchte, das war ich selbst. Und der arme Justus von Dohnányi musste bei diesem Himmelfahrtskommando die Regie führen. Dafür werde ich immer in seiner Schuld stehen."

Andererseits: Auf diesen "Tatort"-Tiefpunkt folgt am 12. Oktober ein Höhepunkt. "Im Schmerz geboren" ist die vielleicht beste "Tatort"-Folge aller Zeiten, auf jeden Fall die experimentellste: Tarantino trifft Truffaut trifft Greenaway. Und dann eine für Tukur vollkommen neue Art von Gewalt: statt subtiler Grausamkeit ein entfesseltes Comic-Geballer. 47 Tote, Leute haben nachgezählt, gibt es am Ende.

Irgendwann rennt Tukur in diesem Cineasten-"Tatort" mit feuerspeiendem MP durch die Menge. "Ich hatte der Redaktion immer gesagt, ich werde im Leben keine Pistole in die Hand nehmen - wenn deutsche Kommissarmimen damit rumwedeln, sieht das immer lächerlich aus. Aber das war ja auch keine normale Pistole, sondern eine Maschinenpistole. Die Szene ist so hypertroph, da bin ich mir gerne untreu geworden."

Herrlich, herrlich! Da lacht er wieder, der Schauspieler, der sich in die Abgründe menschlicher Gewalt fallen lässt, als wäre es ein Daunenbett.


"Die Auserwählten", Mittwoch, 1. Oktober, 20.15 Uhr, ARD
"Tatort: Im Schmerz geboren", Sonntag, 12. Oktober, 20.15 ARD
Ulrich Tukur unterwegs mit den Rhythmus Boys: 1.10. Hamburg bis 5.10: St. Pauli Theater; 8.10. Wilhelmshaven, Stadttheater (ausverkauft); 9.10. Neuenhaus, Aula; 10.10. Uelzen, Jabelmann-Halle; 11.10. Münster, Congress Saal; 12.10. Wolfsburg, Theater; 15.10. Köln, Gloria; 17.10. Bensheim, Parktheater; 18.10. Rüsselsheim, Stadttheater; 19.10. Mannheim, Capitol; 20.10. Oberhausen, Ebertbad; 21.10. Oberhausen, Ebertbad; 23.10. Kassel, Staatstheater (ausverkauft); 24.10. Reutlingen, Stadthalle; 25.10. Erlangen, Theater; 27.10. Würzburg, Mainfrankentheater; 29.10. Düsseldorf, Savoy; 30.10. Gütersloh, Theater (ausverkauft); 31.10. Erfurt, Alte Oper; 1.11. + 2.10. Berlin, Theater am Kurfürstendamm

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1.
theodorzaloschnik 30.09.2014
Ulrich Tukur ist ein wunderbarer Schauspieler, welche wir hier in Deutschland viel zu wenig haben. Spontan fallen mir noch Milberg und Matthias Habich ein.
2. Tukur & Tatort
troy_mcclure 30.09.2014
Bei Tukur & Tatort muss ich immer an die Tatortfolge "Das Böse" denken, eine der besten Folgen meiner Meinung nach. Wie er da den Bösen gespielt hat, das war klasse. Die aktuellen Tatorte, in denen er den Ermittler spielt, finde ich eher misslungen, was aber mehr an den komischen Geschichten/Drehbüchern liegt.
3. Exzentrische Päderasten
dorok 30.09.2014
Hätte sich Herr Tukur - wie man es bei einem so schwierigen und diffizilen Thema erwarten würde - tatsächlich mit der Person, die er darstellt, befasst, wäre ihm wahrscheinlich sehr schnell aufgegangen, dass er in der Person Becker einen typischen Pädophilen vor sich hat, ausgestattet mit aller Raffinesse und psychologischem Verführungsgeschick, wie man es eben bei Pädophilen antrifft. „Pädophile denken ganz anders, als die meisten Menschen sich das vorstellen, und sie gehen auch anders vor“, schreibt Manfred Karremann, der die Pädophilie-Szene wie kaum ein anderer recherchiert hat („Es geschieht am helllichten Tag“). Die „Maschen und Tricks“, um an Kinder heranzukommen und Eltern zu täuschen, seien „immer dieselben“. Pädophile sind i.d.R. äußerst charmant und in ihrem Umfeld beliebt. „Das Umfeld erlebt den Täter oft als besonders engagiert für seine Projekte. Er ist charismatisch und verantwortungsvoll und niemand kann und mag sich vorstellen, dass er mit dieser Ausstrahlung Kinder und Jugendliche missbraucht.“ (Annemarie Selzer, Jugendbildungsreferentin auf Burg Ludwigstein) „Kaum etwas in der pädophilen Welt ist Zufall. Die Neigung dominiert das Leben“, so Karremann. „Was ihnen wirklich wichtig ist: Kontakt zu Kindern.“ Auch die Wahl der Arbeitsstelle ist in der Regel nicht zufällig, Pädophile suchen auch beruflich die Nähe zu Kindern. Gerold Becker war nicht wegen seines pädagogischen Händchens Leiter der OSO, sondern weil diese Position ihm den uneingeschränkten Zugriff auf Kinder sicherte. Das, was Herr Tukur also am Wesen Gerold Beckers an Positivem ausgemacht zu haben glaubt („charmant und durchaus zu Empathie fähig“, sich „rührend kümmernd“, „Ja, er hatte auch etwas Liebesvolles“), und weshalb er sich berechtigt fühlt, die Rolle „verteidigend“ zu spielen, ist in Wahrheit nichts, was Becker entlasten kann, sondern ist gerade Teil seines verbrecherischen Planens und Handelns. Das scheint Herr Tukur nicht im Geringsten verstanden zu haben. Und deshalb kann er das, was Gerold Becker (und andere Pädophile) und das abgrundtief Verbrecherische, das u.a. an der Odenwaldschule (aber nicht nur dort) geschah, ausmacht, nicht wahrheitsgemäß darstellen. Aber das scheint auch gar nicht seine Intention gewesen zu sein. Er wollte einen Täter verteidigen. Und – wie es aussieht (siehe Interview SPIEGEL 39/2014) – ein völlig kitschig überhöhtes, schwärmerisch idealisiertes Konzept („Reformpädagogik“), deren Gründer (Lietz, Geheeb, Wyneken) ebenfalls exzentrische Päderasten waren.
4. Ähm, wie soll ein Schauspieler denn sonst den wirklichen Verbrecher überzeugend darstellen
Koda 30.09.2014
"Ach Gottchen, ein liebevoller Vergewaltiger. Herr Tukur, wo bleibt die kritische Distanz? " Das Problem des Schauspielers ist ja nicht nur, den Verbrecher darzustellen, sondern auch so darzustellen, dass man ihm auch abnimmt, Andere zu täuschen. Es bringt da gar nichts, den Pädo-Lehrer der in Wirklichkeit ja wohl durchaus viele Menschen für sich einzunehmen wusste, so darzustellen, dass man sofort Angst vor dem Mann haben muss. Dämonisch Hochgezogene Augenbrauen und übertrieben teuflisches Dauergrinsen a la Hollywood überzeugen da nicht.
5. Übrigens
Bolligru 30.09.2014
gibt es ja auch noch Regisseure und Drehbuchschreiber...der Schauspieler allein bestimmt nicht, wie eine Figur dargestellt wird.
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