Lena-Odenthal-"Tatort": Entführ mich, dann berühr mich

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Gefährliche Nähe: Eine Jugendgang kidnappt Kommissarin Lena Odenthal im Wald - und die sorgt sich bald mütterlich um ihre Entführer. Daraus hätte ein starker "Tatort" zwischen Stockholm-Syndrom und Schnitzeljagd werden können. Doch warum endet der Extrem-Trip im Extrem-Kitsch?

"Tatort" aus Ludwigshafen: Kleiner Halt im Pfälzerwald Fotos
SWR

Der eine nässt ins Bett, weil er früher vom Vater geschlagen wurde. Der andere schmeißt jede Droge ein, die man ihm vor die Nase hält. Ein Dritter hat an die 50 Anzeigen wegen Raub und Körperverletzung auf dem Buckel, schaut aber selbst aus wie ein geschlagener Köter. Die fünfköpfige Jungs-Gang, von der Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) während eines Einsatzes im Pfälzerwald gekidnappt wird, ruft sehr gemischte Gefühle hervor: Selbst wenn die Bengel einen in Ketten legen, will man sie doch nur in den Arm nehmen.

So ergeht es auch Odenthal - aber darf eine Polizistin mit mutmaßlichen Mördern auf Tuchfühlung gehen? Anführer Tom (Frederick Lau, "Neue Vahr Süd") und seine vier Kumpanen sind schließlich nicht ohne Grund auf der Flucht. Im Wald liegt die verbuddelte Leiche des Aufsehers, mit dem sie aus dem Jugendstrafvollzug auf eine Wanderung gegangen sind. Und jeder der jungen Delinquenten verfügt offensichtlich über ein hohes Gewaltpotential - Bettnässer und Sexualstraftäter Benni (Theo Trebs) genauso wie der Junkie Paawo (Tómas Lemarquis), der nur noch irre mit den Augen rollt und mit dem Revolver fuchtelt, nachdem er ein paar frisch im Wald gepflückte Magic Mushrooms eingeworfen hat. Und Lena Odenthal? Kümmert sich bald um alle rührend, während sie hofft, dass Kollege Kopper (Andreas Hoppe) bald mit der Kavallerie anrückt.

Eine Polizistin zwischen Stockholm-Syndrom und Schnitzeljagd: Regisseur Ed Herzog, von dem vor drei Wochen der RBB-"Polizeiruf" aus dem Spreewald lief, hat einen weiteren Natur-Thriller gedreht: 1800 Quadratkilometer Buchen und Eichen, dazwischen Burgruinen und Bergseen - das ist das Areal, auf dem sich Entführer und Entführte ein psychologisches Duell liefern.

Gewaltmarsch ins dramaturgische Neuland

Für einen Fall mit Lena Odenthal, wo die Grenzen zwischen Gut und Böse meist sehr schlicht gezogen sind, hält dieser Krimi vor Naturkulisse einige echte moralische Grauzonen parat. Die Gefangene und ihre Peiniger rücken unter den Strapazen der Flucht eng zusammen, unter der extremen Anspannung offenbaren sich tragische Lebensgeschichten. Das Wissen verbindet, auf einmal scheinen alle Beteiligten aufeinander angewiesen.

Letztendlich treibt in diesem Extrem-Trip - wie in einem Verfolgungs-Western von Anthony Mann ("Nackte Gewalt") - alles auf den Augenblick zu, in dem der Gefangenen die Handschellen aufgeschlossen werden, auf dass die Zwangsgemeinschaft optimal funktionieren kann. Kontrolle ist gut, Vertrauen besser. Und unerlässlich.

Eine interessante Ausgangssituation, die Drehbuchautorin Dorothee Schön ("Frau Böhm sagt nein") hier entworfen hat, und Regisseur Herzog setzt das dichte und flächendeckende Grün des Pfälzerwaldes ganz gekonnt als Wechselspiel aus Licht und Schatten, aus Horror und Selbsterkundungstrip in Szene. Doch auf dem Gewaltmarsch ins dramaturgische Neuland des Ludwigshafener "Tatort" macht der Zuschauer bald schlapp. Denn die Spannung erlahmt, je mehr die Charaktere ausrasten, das psychologische Interesse ermüdet in dem Maße, in dem Ermittlerin Odenthal ihren fünf Peinigern ihren mütterlichen Schutz aufdrängt.

Stockholm-Syndrom auf die anrührende Tour: Da schrumpft das Gewaltverbrechen doch glatt zum Jungenstreich.


"Tatort: Der Wald steht schwarz und schweigt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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1. Armes Deutschland
auswandererusa 12.02.2012
Kann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
2.
Karl_Lauer 12.02.2012
Zitat von auswandererusaKann es wirklich sein, dass nach 40 Jahren Tatort, dieser immer noch das kulturelle Gespraechsthema ist? Will wirklich irgend jemand behaupten dass wir nicht mehr koennen? Rund 8 Milliarden Euro fliessen jaherlich an die Oeffentlich Rechtlichen, und das Ergebnis ist noch immer Tatort, Lindenstrasse und (bis neulich - und vielleicht dann doch wieder) Wetten Dass! Aber ach, und ich werde mir hier sicher einigen Widerstand einholen, wenn ich es genau betrachte ist es mit der ganzen deutschen Kulturlandschaft so. Museen sind fast immer nur die Museen "grosser klassischer oder zeitgenoessischer Kuenstler. Als Juroren fuer: The Voice of Germany: NENA und die Fantastischen Vier. Im Film: Wim Wenders und Helmut Dietl. Moderatoren: Gottschalk, Jauch, und "ich setz mein verschmitztes Lachfalten Gesicht auf Pilawa". Im bevoelkerungsreichsten Bundesland (16Millionen) gibt es gerade mal 5 WDR Radiosender und dann noch semi-privates (d.h. zum grossen Teil vom WDR mit bestimmtes) Lokalradio das ueberall und den ganzen Tag auf allen Stationen die gleiche Playlist hat - und keiner regt sich auf. Keine Bewegung, kein Einfallsreichtum, aber auch kein Wunsch danach in der Bevoelkerung. Mir wird Angst und Bange das, wenn ich irgendwann zurueckkomme (ja schreiben sie nur: Bleib doch weg!!!) dass ich nicht geistig, aber doch kulturell verarme. Gerade mal Berlin scheint mir ein Ort der Hoffnung, aber sonst... wirklich Tatort? Hoher Anspruch? Weil man mal einen Braunfilter draufsetzt oder mal einen Gruenen. Weil man diesen Ermittler grob und leicht ironisch charakterisiert, waehrend jene haerter und scharfsinniger ist. "Leichendichte; blutig oder nicht; Satz fuer die TV Ewigkeit?" Das ganze Konzept gehoert in die Ewigkeit verbannt. Gebt endlich mal jungen Kuenstlern (ich weiss, das sind auch Schauspieler und Regisseure die diese Tatort Folgen drehen) eine Chance. Probiert aus. Hier drueben in den "fuerchterlichen USA" geht man in Cafes und 16 Jaherige lesen Gedichte vor und spielen Jazzgeige. Live Musik von voellig unbekannten Kuenstlern die wahnsinnig gute Lieder schreiben und nicht nur "In The Army now" covern. Kneipen mit Stand Up Comedy ueberall. (Und ich wohne nicht in NY). Auch wenn so einige das nicht werden wahrhaben wollen. Wir sind 80 Millionen Menschen. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Meine Forderung geht also an Institutionen UND an meine Mitmenschen. Ach ja, und wirklich: Weg mit Joerg Pilawa.
tl;dr Gegenfrage: Warum den Tatort als Referenz für den gesamten Kulturbetrieb des Landes heranziehen? 16-jährige Gedichtvorträge und live Jazz gibt es auch in Köln, wenn man weiß wo. Es könnte sicher noch viel viel mehr geben, aber das es garnichts abseits des staatlich gefördert und Verordneten gibt ist auch nicht wahr.
3. wieso nicht?
PrettyHateMachine 12.02.2012
Einen Tatort mit den "Bremern" habe ich noch nie gesehen, bin gespannt. "Bizarres Szenario"? Immer gerne, Haupsache, es endet nicht wie "Das Dorf" Tatort: Das Dorf (http://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Das_Dorf) damit konnte ich mich so gar nicht anfreunden. Ab und an ein schöner, grade durcherzählter Krimi ist schon was schönes am Sonntagabend ;-) @ auswandererusa yep, ich bin vollkommen kulturell verarmt, danke für Ihre Anteilnahme
4. Warum nicht ?
Skeptisch 12.02.2012
Zitat von sysopDer ARD-"Tatort" erzielt nach wie vor Spitzenquoten, die Fälle und Ideen scheinen den Machern einfach nicht auszugehen. Aber jeden Sonntag steht die Reihe wieder auf Prüfstand, denn die Erwartungen sind immer hoch. Ihr Urteil: Wie steht's aktuell um dem "Tatort"? Gediegen und spannend oder eher Durchschnitt?
Ich (Jahrgang 1946) sehe mir den Tatort regelmäßig an. Eigentlich "schon immer". Es gibt Gute und weniger Gute. Klar. Ist wohl auch Geschmackssache. Im Vergleich zu den amerikanischen Krimiserien der Privatsender , wo hauptsächlich action, bum-bum, viel Blut und Leichen und natürlich Sex vorherrschen, eine gute Alternative, wenn man Krimis mag. Den heutigen werde ich mir nicht anschauen, die Besprechung darüber hat mir gereicht. Denn ein Krimi sollte schon ein Krimi bleiben und nicht in ein Psycho-Drama ausarten. Obwohl ich dieses Tatort-Duo ansonsten mag, vor allem Lürsen.
5. zzzzZZZzzzz
interference 12.02.2012
Das beste am TATORT ist bekanntlich der skandinavische Krimi irgendwann danach …
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.