Von Christian Buß
Der eine nässt ins Bett, weil er früher vom Vater geschlagen wurde. Der andere schmeißt jede Droge ein, die man ihm vor die Nase hält. Ein Dritter hat an die 50 Anzeigen wegen Raub und Körperverletzung auf dem Buckel, schaut aber selbst aus wie ein geschlagener Köter. Die fünfköpfige Jungs-Gang, von der Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) während eines Einsatzes im Pfälzerwald gekidnappt wird, ruft sehr gemischte Gefühle hervor: Selbst wenn die Bengel einen in Ketten legen, will man sie doch nur in den Arm nehmen.
So ergeht es auch Odenthal - aber darf eine Polizistin mit mutmaßlichen Mördern auf Tuchfühlung gehen? Anführer Tom (Frederick Lau, "Neue Vahr Süd") und seine vier Kumpanen sind schließlich nicht ohne Grund auf der Flucht. Im Wald liegt die verbuddelte Leiche des Aufsehers, mit dem sie aus dem Jugendstrafvollzug auf eine Wanderung gegangen sind. Und jeder der jungen Delinquenten verfügt offensichtlich über ein hohes Gewaltpotential - Bettnässer und Sexualstraftäter Benni (Theo Trebs) genauso wie der Junkie Paawo (Tómas Lemarquis), der nur noch irre mit den Augen rollt und mit dem Revolver fuchtelt, nachdem er ein paar frisch im Wald gepflückte Magic Mushrooms eingeworfen hat. Und Lena Odenthal? Kümmert sich bald um alle rührend, während sie hofft, dass Kollege Kopper (Andreas Hoppe) bald mit der Kavallerie anrückt.
Eine Polizistin zwischen Stockholm-Syndrom und Schnitzeljagd: Regisseur Ed Herzog, von dem vor drei Wochen der RBB-"Polizeiruf" aus dem Spreewald lief, hat einen weiteren Natur-Thriller gedreht: 1800 Quadratkilometer Buchen und Eichen, dazwischen Burgruinen und Bergseen - das ist das Areal, auf dem sich Entführer und Entführte ein psychologisches Duell liefern.
Gewaltmarsch ins dramaturgische Neuland
Für einen Fall mit Lena Odenthal, wo die Grenzen zwischen Gut und Böse meist sehr schlicht gezogen sind, hält dieser Krimi vor Naturkulisse einige echte moralische Grauzonen parat. Die Gefangene und ihre Peiniger rücken unter den Strapazen der Flucht eng zusammen, unter der extremen Anspannung offenbaren sich tragische Lebensgeschichten. Das Wissen verbindet, auf einmal scheinen alle Beteiligten aufeinander angewiesen.
Letztendlich treibt in diesem Extrem-Trip - wie in einem Verfolgungs-Western von Anthony Mann ("Nackte Gewalt") - alles auf den Augenblick zu, in dem der Gefangenen die Handschellen aufgeschlossen werden, auf dass die Zwangsgemeinschaft optimal funktionieren kann. Kontrolle ist gut, Vertrauen besser. Und unerlässlich.
Eine interessante Ausgangssituation, die Drehbuchautorin Dorothee Schön ("Frau Böhm sagt nein") hier entworfen hat, und Regisseur Herzog setzt das dichte und flächendeckende Grün des Pfälzerwaldes ganz gekonnt als Wechselspiel aus Licht und Schatten, aus Horror und Selbsterkundungstrip in Szene. Doch auf dem Gewaltmarsch ins dramaturgische Neuland des Ludwigshafener "Tatort" macht der Zuschauer bald schlapp. Denn die Spannung erlahmt, je mehr die Charaktere ausrasten, das psychologische Interesse ermüdet in dem Maße, in dem Ermittlerin Odenthal ihren fünf Peinigern ihren mütterlichen Schutz aufdrängt.
Stockholm-Syndrom auf die anrührende Tour: Da schrumpft das Gewaltverbrechen doch glatt zum Jungenstreich.
"Tatort: Der Wald steht schwarz und schweigt", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
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