TV-Dokumentation zu Antisemitismus Mit Elan ins Minenfeld

Übten Arte und WDR Zensur, als sie entschieden, eine Dokumentation über Antisemitismus nicht auszustrahlen? Kaum - der Film hat schlicht handwerkliche Mängel. Die Lösung von Bild.de, ihn unfertig doch zu zeigen, ist keine.

Stern der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Halle/Saale
DPA

Stern der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Halle/Saale


"Glauben Sie alles, was Sie im Internet sehen?", fragt der Reporter einen zauseligen Verschwörungstheoretiker, der eben noch über die "Protokolle der Weisen von Zion" referiert hat und nun abwehrend die Hände hebt: "Nein, das wäre ja schlimm!"

Inhaltliche Schwächen, handwerkliche Fehler, redaktionelle Bedenken aller Art - wenn öffentlich-rechtliche Sender eine bestellte und gebührenfinanzierte Dokumentation nicht ausstrahlen, kann das viele Gründe haben, gute wie schlechte.

Die durchtriebenste Annahme aber ist jene, mit der Bild.de für 24 Stunden einen Leak von "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf die Juden in Europa" präsentiert: "Der Verdacht liegt nahe", heißt es da, "dass die Dokumentation deshalb nicht gezeigt wird, weil sie ein antisemitisches Weltbild in Teilen der Gesellschaft belegt, das erschütternd ist".

Womit unterstellt wäre, Arte und WDR hätten der Öffentlichkeit willentlich die sensationelle Selbsterkenntnis vorenthalten, dass die Öffentlichkeit antisemitisch ist. Auch hatten die betreffenden Sender, wie für Behörden dieser Größe üblich, auf kritische Fragen denkbar täppisch reagiert. Und je länger der ohnehin schon brisante Film im Giftschrank lagerte, umso brisanter wurde er.

Tatsächlich wirkte, was nun zu sehen war, wie ein unfertiges Produkt. Entlarvende Ausschnitte aus dem arabischen Fernsehen sind noch nicht untertitelt, maliziöse Kommentare wären womöglich noch einer weiteren Bearbeitung zum Opfer gefallen. So heißt es, nachdem Annette Groth von der Linken den Israelis mal eben die Vergiftung der Brunnen, pardon, die Einleitung toxischer Chemikalien ins Meer zum Vorwurf gemacht hat: "Schade um das schöne Mittelmeer, wir haben es so sehr gemocht".

Oder, nach der Aussage einer wirren Protestantin auf dem Kirchentag: "Dieser Holocaust-Vergleich wurde Ihnen von 'Brot für die Welt' präsentiert". Solcher Wertungen hätte es nicht bedurft. Aber sie zeigen die Galle, die den Machern (Sophie Hafner und Joachim Schroeder) bei den Recherchen völlig zu Recht hochgekommen sein muss. Sie haben sich mit philosemitischem Elan in ein Minenfeld gestürzt - und die Minen sind alle hochgegangen.

Arte hatte offenbar in Auftrag gegeben, dem Antisemitismus in verschiedenen europäischen Ländern nachzuspüren. Das haben die Autoren getan - und darüber hinaus im Nahen Osten. Beim Grenzübergang nach Gaza können sie sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: "Jürgen Todenhöfer beschreibt seine beschwerliche Einreise nach Gaza durch einen Tunnel der Hamas. Wir entscheiden uns für die Tür", die allerdings ein wenig klemmt. O-Ton: "Man muss einfach drücken, glaube ich".

Komischer wird's nicht. Nur komplizierter. Anhand von Archivbildern und Zeitzeugen wird die ganze leidige Geschichte des Konflikts entfaltet, von seinen Anfängen bis in die Gegenwart, es gibt eine kleine Kulturgeschichte des europäischen Antisemitismus in komprimierter Seminarform. Vor allem aber nimmt der Film die französischen und deutschen Unterstützer der "palästinensischen Sache" scharf in den Blick - unter denen antisemitische Kontinuitäten in neuem Vokabular weiterwirken, gerade bei jungen Leuten.

Und da stehen dann vor Ort junge Palästinenser und klagen über das korrupte Regime einer Hamas, die einer diffusen Querfront aus rechten und linken Aktivisten in Europa noch immer als Befreiungsorganisation gilt. Vorgerechnet wird, wie viele Spendengelder in dunklen Kanälen versickern und auch, wie sehr ausgerechnet palästinensische Arbeitnehmer in den besetzten Gebieten von Israel-Boykott-Initiativen wie BDS leiden.

So tadellos manche Aspekte recherchiert sind, so leichtfertig werden andere Aspekte abgehandelt. So hat Joachim Schroeder die NGOs vermutlich zu Recht angeklagt, sie zu seinen Vorwürfen aber keine Stellung beziehen lassen. Er habe nicht erwartet, "dass diese Organisationen mir etwas Originelles dazu sagen können". Wenn das kein handwerklicher Fehler ist, gibt es kein Handwerk.

Christliche Organisationen sollen Geld an die Hamas abgezweigt haben, heißt es mit Blick auf prachtvolle Moscheen und Villen in Gaza: "Das könnte manchen Prachtbau erklären", der freilich auch mit Geld aus den Emiraten oder Saudi-Arabien finanziert sein könnte. Oder, an anderer Stelle: "Die Dichte an NGOs wird als überproportional angesehen". Von wem?

Auch fällt auf, dass der Film sich seine Schurken nicht suchen muss. Sie fallen ihm in den Schoß. Ausnahmslos alle Araber grinsen provokante Fragen orientalisch weg oder geben unkommentiert entsetzlichen (eben: antisemitischen) Quark von sich. In seine Helden dagegen ist der Film so verliebt, dass er sie spürbar anschmachtet. Da ist dann der greise zionistische Untergrundkämpfer "ein Urgestein", der jüdische Gendarm "eine Legende".

Und da genügt es auch nicht, dass der wackere Bürgermeister von Sarcelle (wo 2014 ein arabischer Mob ein Pogrom gegen seine jüdischen Mitbürger vom Zaun brach) als Repräsentant der Zivilgesellschaft vorgestellt wird. Nein, er sieht auch noch "wunderbar altmodisch aus, wie eine Figur aus einem Jean-Pierre-Melville-Film".

Es ist von keinem richtigen Journalisten zu verlangen, über gezielten Hass und traditionelle Dummheit "ausgewogen" zu berichten. Er sollte dann aber nicht fahrlässig Lücken lassen, durch die der Zweifel einsickern kann. Was stimmt, das muss auch sitzen. Seine Unschärfen sind es, mit denen der Film im Eifer des Gefechts seine eigene Haltung schwächt. Deshalb ist es kein Verdienst, dass diese Dokumentation nun über Umwege doch gezeigt wurde. Mit ein wenig mehr Arbeit hätte sie wesentlich mehr Wucht entfalten können.

In ihrem gegenwärtigen Zustand ist sie nur etwas, das man im Internet sehen, das man glauben kann oder auch nicht. Und das ist schlimm.



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