Wallraff bei RTL: Der Enthüller schickt sein Patenkind

Von Mathias Zschaler

Wallraff bei RTL: Der Enthüller und sein Patenkind Fotos
RTL

Im Auftrag von RTL enttarnt Günter Wallraff Missstände beim Einsatz von Putzkräften in Luxushotels. Der Undercover-Experte hält sich im Hintergrund, die Enthüllung übernimmt eine junge Reporterin - und die macht ihren Job erstaunlich gut.

Günter Wallraff geht auf die 71 zu und könnte es eigentlich langsam genug sein lassen. Aber das ist natürlich leichter gesagt als getan für jemanden, dem das investigative Enthüllen von Missständen derart zur Mission geworden ist. Aus dieser Rolle seines Lebens findet er offenbar nicht mehr so leicht heraus - zumindest nicht, solange es noch irgendwo unentdecktes Unrecht gibt.

Kleinlich in der Wahl der Mittel war Wallraff nie, getreu seiner Devise: "Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden." Und womöglich findet er, dass einer wie er sich um der guten Sache willen auch in ein mediales Milieu begeben darf, das auf den ersten Blick nicht unbedingt wie die ideale Plattform für diese Variante von Gesellschaftskritik anmutet.

Ein bisschen erstaunlich kann man es als Zuschauer allerdings schon finden, wenn ausgerechnet bei RTL nun zwischen dem Auftritt des Restaurantfachmanns Rach und Birgit Schrowanges bunt-menschelndem "Extra"-Magazin das "Team Wallraff" in Aktion tritt - mit einem eigenen Format, das der Kölner Kommerzsender jetzt erstmals präsentierte, nachdem es bereits im vergangenen Jahr zu einer Kooperation mit dem Enthüller gekommen war.

Im Hintergrund, als "Pate"

Anders als seinerzeit, da er noch selbst in die Rolle eines Paketboten geschlüpft war, agiert er nun als Teamchef vornehmlich im Hintergrund, als "Pate", wie man es bei RTL anlässlich der Pilotsendung formulierte, in der es um die Ausbeutung von weiblichen Reinigungskräften in Luxushotels ging. Nur einmal spielte er kurz einen angeblichen Hotelchef, um die Seriosität einer Putzfirma zu testen.

Die Funktion des wallraffschen "Patenkindes", um in der dramaturgischen Diktion zu bleiben, also der Undercover-Rechercheurin, übernahm Pia Osterhaus, eine junge Reporterin aus der Schrowange-Redaktion. Gemeinsam lieferte das Team ein Stück respektabler, solider journalistischer Aufklärungsarbeit ab. Vom Niveau und Erkenntnisgewinn war die Recherche vergleichbar mit dem ARD-Beitrag, der vor einiger Zeit Einblick in das Leiharbeiter-Unwesen bei Mercedes gewährte.

Über Monate hinweg hatte sich die "Extra"-Reporterin unter falschem Namen als Zimmermädchen in Hotels verdingt, darunter das Kempinski und das Waldorf Astoria in Berlin, und dabei Erfahrungen mit dem gemacht, was sich hinter den schicken Fassaden täglich für jene abspielt, die in der Rangordnung der Dienstleistenden ganz unten zu schuften haben.

Pranger für "Minderleister"

Es waren Erlebnisse in einer fremden, bösen Welt, die von den Verantwortlichen der Beherbergungsbetriebe mit Hilfe von Fremdfirmen, Subunternehmen und Scheinselbständigkeit der meist ausländischen Beschäftigten sozusagen ausgeblendet wird aus dem sichtbaren Alltag. Eine Welt der empörend erbärmlichen Bezahlung durch systematisches Unterlaufen des Mindestlohns per verbotenem Akkord, der willkürlichen Lohnkürzungen, eines Klimas des Drucks und der Angst und der gezielten Entwürdigung durch einen Pranger für "Minderleister".

Um die Anklage gegen dieses schmutzige Geschäft juristisch abzustützen, gab es dann auch noch die passenden Kommentare des "Team"-Anwalts Rüdiger Knaup. Der monierte jede Menge Verstöße gegen das Arbeitsrecht. Die Besetzung dieses Parts gerade mit ihm war insofern bemerkenswert, als er sich seinen Namen eigentlich als harter Kündigungsexperte in Arbeitgeberdiensten gemacht hat. Das verlieh seinem Wort in diesem Kontext umso mehr Gewicht. Aber da einer wie er zugleich ziemlich exakt in jenes Feindbild passt, an dem sich "Team"-Chef Wallraff üblicherweise abzuarbeiten pflegte, wirkte es auch ein bisschen bizarr.

Doch vermutlich darf man dergleichen nicht allzu eng sehen, wenn das Privatfernsehen seinen Zuschauern investigative Aufklärung der härteren Sorte zumutet, was ja offenkundig machbar ist. Die Frage bleibt nur, ob dazu wirklich noch Günter Wallraff gebraucht wird, der letztlich nicht viel mehr beisteuert als seinen Namen, der zur Marke geworden ist, und der diese Programmform erkennbar auch zur Selbstinszenierung nutzt - als eine Art Super-Nanny der deutschen Arbeitswelt, ohne die es einfach nicht geht.

Der Mann hat ohne Zweifel viel bewegt und manches bewirkt, aber sein Handwerk beherrschen inzwischen auch andere.

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insgesamt 161 Beiträge
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1. Trotzdem: In Bayern zahlen Hoteliers oft nur 600 Euro brutto!
berns 18.06.2013
Nicht nur Zimmermädchen, auch Köche, Rezeptionistinnen, Kellnerinnen oder Angestellte im "Wellness-Bereich". Dabei haben die mit 600 Euro brutto noch "Glück", denn immer mehr werden so genannte "PraktikantInnen" angestellt, die überhaupt kein Geld bekommen. Diese miese Bezahlung gibt es vornehmlich in "besseren Hotels" im Bayerischen Wald. Ich könnte Ihnen konkrete Beispiele nennen. In Bayern gibt es in der Gastronomie und Hotellerie keinen Mindestlohn. Immer mehr Beschäftigte kommen aus Ungarn und aus anderen ehemaligen Ostblockländern, weil Deutsche von so wenig Geld nicht leben können. Zimmermädchen werden hier auch von der "Arbeitsagentur" sozusagen zwangsverpflichtet, für 400 Euro oder gar noch weniger diese Arbeit zu machen. Es gibt Hotels, die ausschliesslich solche Zimmermädchen beschäftigen. Die Initiative des Herrn Wallraff wird die Ausbeuter im Bayerischen Wald kaum beeindrucken. Die machen halt das, was die Gesetze erlauben.
2.
crestwood 18.06.2013
Hätte man diese reisserische Art von Ami-Dokus nicht kopiert, hätte das ganze vielleicht noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Mein erster Reflex war es auch umzuschalten. Dann war die Sendung aber doch ganz ordentlich. Nur die Schrowange war mir dann zu viel. Allein die Begrüßung - als ob sie mit einem Hund redet
3. Wer wird schon wirklich gebraucht?
Das Grauen 18.06.2013
Die Frage des Autors finde ich schon ziemlich merkwürdig. Natürlich wird Wallraff nicht unbedingt gebraucht, aber er kann bei diesem Thema eben vieles an Erfahrung und Idees einbringen. Frau Schrowange wird auch nicht gebraucht, warum wird nicht gegen ihre Mitwirkung protestiert? Übrigens, auch ein Mathias Zschaler wird nicht wirklich gebraucht. Diesenn Artikel hätte auch jemand anders schreiben können, wahrscheinlich sogar mit besserem Ergebnis!
4.
!!!Fovea!!! 18.06.2013
Zitat von sysopIm Auftrag von RTL enttarnt Günter Wallraff Missstände beim Einsatz von Putzkräften in Luxushotels. Der Undecover-Experte hält sich im Hintergrund, die Enthüllung übernimmt eine junge Reporterin - und die macht ihren Job erstaunlich gut. Undercover-Job bei RTL: "Team Wallraff" ermittelt in Hotels - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/undercover-job-bei-rtl-team-wallraff-ermittelt-in-hotels-a-906254.html)
Die Frage ist doch, hat sich seit Wallraff und Konsorten denn etwas in der Arbeitswelt geändert? Wird sich durch solche Sendungen etwas ändern? Peinlich ist doch, wenn RTL dann filmt, das angeblich der Zoll das Hotel überprüft. Interessant wäre gewesen, da angeblich ständig über Scheinselbstständigkeit gesprochen wurde, dass die Reporterin nicht berichtete, was nach der Zollkontrolle geschah. Anscheinend ist der deutsche Zoll "blind, taub & stumm" gewesen..... Ansonsten ist diese Sendung nichts anderes als "Aktenzeiche XY", -neverending Story- So lange die Politik keinen Riegel gegen eine solche Praxis vorschiebt, kann man noch in X-Jahren "Undercover Reporter" auf die Jagd schicken.
5. Luxushotels
klaus meucht 18.06.2013
Weil die zugewiesenen Zeiten pro Zimmer nicht einzuhalten sind, kann es passieren dass in Luxus Hotels der Gast in Bettwäsche des Vorgängers schlafen muss. Ich kann die Hotels nur bitten ihre Reinigungskräfte direkt anzustellen und nicht über Subfirmen. Es ist immer das gleiche Problem. Es entsteht eine ganze Hierarchie von Subfirmen. Das Zimmermädchen ernährt gleich 3 Chefs - und muss sich als Minderleister beschimpfen lassen.
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