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Unfall bei "Wetten, dass..?": Die Schattenseite des Quotenkampfs

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Hat das ZDF zu hoch gepokert? Ein "Wetten, dass..?"-Kandidat verletzte sich schwer, jetzt thematisiert sogar Thomas Gottschalk die Quotenjagd seines Senders - und den Konkurrenzkampf mit RTL. Vor Mitarbeitern sagte er, schlimmstenfalls könne man nicht "mit der gleichen Unbedarftheit" weitermachen.

"Wetten, dass..?"-Unfall: Missglückter Stunt Fotos
REUTERS

Hamburg - Der schwerste Moment in der Geschichte von "Wetten, dass..?" ist nur für den Bruchteil einer Sekunde im Fernsehen zu sehen, dann dreht die Kamera pietätvoll ab. Doch ein Fotograf hat den Moment festgehalten, Sonntagszeitungen haben ihn gedruckt, so konnten Millionen Menschen das Unglück sehen.

"Wetten, dass..?"-Kandidat Samuel K. liegt regungslos da, die Hüfte verdreht, mit dem Gesicht zum Boden. Die überdimensionalen Sprungfedern, mit denen er Salti über fünf Autos schlagen wollte, stehen unförmig von seinen Füßen ab. Moderatorin Michelle Hunziker steht neben K., die Arme verschränkt, sie drückt sich selbst mit der rechten Hand die Kehle zu.

Es ist 20.39 Uhr, Samuel K.s Salto-Wette ist in einem schrecklichen Unfall geendet, der 23-jährige Schauspielstudent hat sich schwer verletzt. Laut "Bild am Sonntag" hat es eine Kernspin-Untersuchung gegeben, nach Angaben des Krankenhauses liegt K. inzwischen auf der Intensivstation.

Moderator Thomas Gottschalk bemühte sich am Samstagabend um Schadensbegrenzung. "Es ist nichts passiert, wo man sagen könnte, es ist eine Lähmung", sagte der Moderator dem Publikum, kurz bevor er die Sendung abbrach, das erste Mal in ihrer 29-jährigen Geschichte. "Hoffentlich tritt das auch nicht in den nächsten Tagen ein."

Ist das Unglück dem Quotenkampf geschuldet?

Doch auch wenn sich der Zustand des Kandidaten - hoffentlich - bessert: Konsequenzen wird der Unfall auf jeden Fall haben. Das hat Gottschalk selbst angedeutet - in einem internen Briefing für die gut 200 Mitarbeiter der Show, die sich um kurz vor 23 Uhr auf der Publikumstribüne versammelten, nachdem der Moderator die Sendung abbrechen musste.

In seiner Ansprache ging Gottschalk nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen genau auf jene Fragen ein, die sich nach dem Unfall viele stellen. Hätte das ZDF ahnen müssen, wie groß die Unfallgefahr bei der Wette war? Wollte das öffentlich-rechtliche Fernsehen dem RTL-Erfolg "Das Supertalent" etwas besonders Spektakuläres entgegensetzen?

"Es ist ein Unfall passiert", sagte Gottschalk den ZDF-Mitarbeitern, sichtlich um Fassung bemüht. "Es ist deswegen so furchtbar, weil wir in einer Konkurrenzsituation sind." Dabei habe er gedacht, er habe für die Sendung "genau das Paket, um gut auszusehen".

"Eine Wirklichkeit, um die du nicht rummoderieren kannst"

Gottschalk begegnete dem Thema mit schonungsloser Ehrlichkeit: "Der erste Reflex ist: Jetzt stehe ich das professionell durch und moderiere das weg", sagte er seinen Mitarbeitern. "Nur, er ist mir im Grunde quasi vors Gesicht gefallen. In diesem Moment tritt eine Wirklichkeit ein, um die du nicht rummoderieren kannst."

Dann hadert der Moderator mit sich selbst. Hätte er gewarnt sein müssen? War das Risiko zu groß? "Wir haben ihn auch bei den Proben hinfallen sehen", gibt Gottschalk zu. Aber da sei der Wettkandidat gleich wieder aufgestanden. Kurz zuvor hatte der Moderator noch vor Publikum gesagt: "Er hat's bei den Proben jedes Mal geschafft."

Tatsächlich gab es noch mehr Hinweise auf die Gefährlichkeit der Wette. Interne ZDF-Unterlagen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, zeigen: Samuel K. selbst schätzte seine Wette als riskant ein. Demnach hatte der junge Mann noch vor dem Sprung gesagt: "Es ist ein ekelhaftes Gefühl, Autos, die auf einen zufahren, entgegenlaufen zu müssen." Es sei schwierig, dass die Sprünge bei jedem Auto unterschiedlich hoch und lang sein müssten. Und der "Badischen Zeitung" sagte K. kurz vor der Sendung: "Bei den Proben am Donnerstag bin ich zweimal schwer gestürzt."

"Man muss sich Gedanken machen, wie verkauft man so was in Zukunft?"

Andererseits war der Salto-Stunt für "Wetten, dass..?"-Verhältnisse nicht übermäßig riskant. "Ich erinnere mich an junge Leute, die Hauswände hochgeklettert sind, und an einen jungen Mann, der mit Skateboards über ein Haus gesprungen ist", sagte Gottschalk im "heute journal". Außerdem wäre die zweite Wette der Sendung vom Samstagabend ein nicht minder riskanter Motorrad-Stunt gewesen.

Gefährliche Wetten gab es immer wieder in der Geschichte von "Wetten, dass..?". Es ist eher erstaunlich, dass Samuel K.s Unglück erst der vierte erwähnenswerte Unfall in gut drei Jahrzehnten Showgeschichte ist. Zwei der Unglücke, die sich bisher ereigneten, trafen die Moderatoren selbst: Im Februar 2005 schlug sich Gottschalk an einem Spielzeuglaster die Lippe auf, im Dezember 2009 stürzte Hunziker mit einem Motorroller. Der schwerste Unfall ereignete sich bislang im Oktober 2008 - seinerzeit versuchte ein Amerikaner, mit einem BMX-Rad über ein Einfamilienhaus zu springen; er stürzte und brach sich das Bein.

Das Risiko war bei "Wetten, dass..?" schon immer da. Die Sendung lebt davon - so wie ein Zirkus von halsbrecherischen Artisten lebt. Und solange alles gut geht, problematisiert niemand das Risiko.

Jetzt aber muss Gottschalk möglicherweise Konsequenzen ziehen. "Man muss sich Gedanken machen, wie verkauft man so was in Zukunft?", sagte er seinen Mitarbeitern. "Sagt man, wir wollen jede Gefahr vermeiden? Dann sind wir bei einem Kindergeburtstag und blasen Kerzen aus. In einer Situation, wo die Konkurrenz größer wird."

Schließlich gibt Gottschalk eine Einschätzung der Lage, die sehr realistisch klingt: Es werde wohl nur Konsequenzen geben, wenn sich die Verletzungen des Kandidaten als dauerhaft schwerwiegend herausstellen sollten.

Wenn die ZDF-Sendung die Zukunft des jungen Mannes nachhaltig verbaut haben sollte, "dann muss man sich ernste Gedanken machen, inwieweit man diese Sendung mit der gleichen Unbedarftheit fortführen kann", sagte der Moderator. Er hoffe, dass dem nicht so ist. "Das Beste, was uns passieren kann, ist, dass er in einem hoffentlich vorzeigbaren Zustand nächstes Mal bei mir zu Gast ist."

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Der TV-Dauerbrenner "Wetten, dass..?"
Die ZDF-Sendung "Wetten, dass..?" gilt als Europas erfolgreichste Fernsehshow. Sie läuft seit 1981, seitdem gab es 192 Ausgaben. Die erste Sendung kam am 14. Februar 1981, präsentiert vom Erfinder der Show, Frank Elstner. Elstner moderierte insgesamt 39 Ausgaben, Wolfgang Lippert neun und Thomas Gottschalk bislang 144 "Wetten, dass..?"-Folgen. Bis zu 350 Menschen sind vor, hinter und auf der Bühne mit der Show beschäftigt. In den Sendungen vor der Unglücksausgabe vom Samstagabend gab es insgesamt 884 Wetten - ohne Saal- und Stadtwetten - mit mehr als tausend Wettpaten (inklusive mehrfacher Auftritte). Der Showteil der Sendung präsentierte bislang 757 Künstler, auch hier gab es mehrfache Auftritte. Nach jeder Sendung gehen bis zu 1500 Wettvorschläge beim ZDF ein. Das Wort Saalwette hat es bis in den Duden geschafft.


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