Ungleichheit in Deutschland Das Geld aus dem Fenster werfen

Reichtumsporno? Armutsvoyeurismus? Zum Glück nicht. Der ARD-Film "Ungleichland - Wie aus Reichtum Macht wird" ist ein gelungenes Erklärstück zur Globalisierung.

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"Wenn Sie 215 Millionen haben und schmeißen das Geld zum Fenster raus, und dann kommt's zur Tür wieder herein. Sie kriegen es nicht kaputt. Sie kaufen Autos? Das Auto kriegt mehr Wert. Sie kaufen Häuser? Die Immobilien kriegen mehr Wert. Sie gehen in Gold? Das Gold wird mehr wert. Sie können's nicht durch Konsum zerstören, das Geld."

Diese märchenhafte Erkenntnis stammt von Christoph Gröner, den neulich erst die "Zeit" auf ihrer Titelseite in Feldherrenpose präsentierte: "Dieser Mann wird immer reicher". Den Satz denkt Gröner nicht nur, er spricht ihn aus, über den Wolken, in seinem Learjet. Und warum auch nicht? Die Reichen dieser Welt werden tatsächlich reicher. Und die Armen ärmer. Warum?

Ausschnitt "Ungleichland"

Darum geht es in einer multimedialen Groß-, Langzeit- und Querschnittsrecherche, die parallel von Frank Plasberg diskutiert und bei der ARD in der Reportage "Ungleichland - Wie aus Reichtum Macht wird" mündet. Mitproduziert hat die Bild- und Tonfabrik ("Neo Magazin Royale"), verantwortlich für die Opulenz im Look. Das Ergebnis ist weder Reichtumspornografie noch Armutsvoyeurismus, sondern ein ambitioniertes Erklärstück zur Globalisierung, deren Gewinner das "eine Prozent" und die asiatische Mittelschicht sind.

Der soziale Abstieg

Zu den Verlierern der Finanzwirtschaft gehören die Mittelschichten in den westlichen Demokratien, vielleicht sogar die Demokratien selbst. Es erklären nicht Hinz und Kunz, wie Reichtum sich zu Macht verhält, sondern prominente Weltwirtschaftswissenschaftler wie Joseph E. Stiglitz oder Thomas Piketty, dazu Psychologen und Soziologinnen.

Begleitet wird auch, stellvertretend für die Mittelschicht, eine Familie aus Leipzig. Zwei Kinder, Mutter nur Mutter, Vater mit "sicherem Job" bei Siemens. Zu Beginn wollen sie sich noch nach einer größeren Wohnung strecken, finanziell. Am Ende droht, weil der Job doch nicht so sicher ist, der soziale Abstieg. Unverschuldet in die Verschuldung?

Nicht, wenn es nach Gröner geht, der einfach "Gas gibt" und in seinem Leben nur dreimal krankheitsbedingt fehlte (und also einen guten Postboten abgeben würde). Er reißt sich eben, anders als andere, den Allerwertesten auf und zeigt ihn gerne her. Und auch nicht, wenn es nach Christian Freiherr von Bechtolsheim geht. Der Waldbesitzer und Nachfahre der Fugger beschreibt es als seine Aufgabe, das Vermögen vermögender Familien für kommende Generationen zu sichern. Die Frage hingegen, ob er das als Teil des Problems sieht, findet er "frech".

Das Gleichgewicht finden

Genau hier, bei der Anhäufung von aberwitzigem Kapital und dessen Sicherung für die Nachfahren, findet der Übergang von Reichtum zu Macht statt. Aus dem Fenster geworfene Millionen landen nämlich immer häufiger bei Vermögensverwaltern wie BlackRock, die über Beteiligungen wiederum Einfluss auf die "Realwirtschaft" und damit die Politik nehmen, ganze Gesellschaften in Schattenverwaltung halten.

Wer reich genug ist, in Köln ein neues Stadtviertel zu bauen, der hat auch die Macht, die Stadt zur termingerechten Erteilung der Baugenehmigungen zu nötigen. Der Reiche kann aber auch, wenn er mitfühlend ist wie Gröner, den goldenen Fußballschuh von Lionel Messi zugunsten "benachteiligter Kinder" versteigern lassen - und die Charity-Veranstaltung von der Steuer absetzen, also vom Staat finanzieren lassen.

"In einer freien Gesellschaft", so die grundsätzliche Fragestellung des Film, "ist es schwer, das Gleichgewicht zu finden zwischen dem Ziel, Anstrengungen Einzelner zu belohnen und dem Wunsch, alle teilhaben zu lassen. Was ist, wenn das nicht mehr gelingt?" Die Antwort liegt auf der Hand, wiegt aber schwerer, wenn Nobelpreisträger Stiglitz sie gibt: "Wenn es nicht gelingt, einen neuen sozialen Vertrag zu schließen, werden die, die verletzt worden sind, die vielen, vielen Menschen, die verletzt worden sind, rebellieren."

Familie aus Leipzig. Zwei Kinder, Mutter, Vater mit "sicherem Job".
WDR

Familie aus Leipzig. Zwei Kinder, Mutter, Vater mit "sicherem Job".

Dieser Gefährdung der Demokratie (von links durch Rebellion gegen das System und seine Profiteure, von rechts durch Umleitung des Hasses auf die Schwächeren) begegnen die Macher von "Ungleichland" weniger mit erkennbarer Tendenz in der Berichterstattung. Sie greifen, und das ist eine sympathische Pointe, zu basisdemokratischen Mitteln. Auf Facebook, Twitter oder Instagram ist die Öffentlichkeit aufgefordert, mitzureden und sich gewissermaßen selbst herzustellen.

Im Film kommt, neben der Familie aus Leipzig, auch ein Pförtner zu Wort, der auf einer von Christoph Gröners Baustellen arbeitet. Ein melancholischer und eloquenter Mann, der keinesfalls tauschen möchte mit dem Chef. 2000 Euro verdient er für seine Tätigkeit. Wenn er sie aus dem Fenster wirft, sind sie weg.


  • "Ungleichland - Wie aus Reichtum Macht wird", 7. Mai 2018, 20.15 Uhr, ARD;
  • im Anschluss dann: hart aber fair zum Thema "Der Club der Reichen - wie viel Ungleichheit verträgt das Land?, 7. Mai 2018, 21 Uhr, ARD.


insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
lachina 08.05.2018
1. Gelungen - sachlich und zur besten Sendezeit....
sehr gut die Probleme benannt. Leider keine Lösung in Sicht für das Hauptproblem: Kann ohne Mittelschicht die Demokratie noch funktionieren? überhaupt keinerlei Lösungsansätze. BGE für alle und outsourcen der Regierung nach China, die uns dann eine perfekt nachgeahmte, preisgünstige "Demokratiekopie" liefern? Dennoch , ich war überrascht, dass das ARD zur besten Sendezeit überhaupt den Finger in die Wunde legt. Dafürdann auch gerne GEZ.
GSYBE 08.05.2018
2. ja, aber....
...das anschliessende `Hart aber Fair´ und sein Moderator waren unterirdisch! Das einzig Unterhaltsame war die (Selbst-)Demaskierung des Immobilienhais...voll der Dampfplauderer.
gracie 08.05.2018
3.
"Wenn Sie 215 Millionen haben und schmeißen das Geld zum Fenster raus, und dann kommt's zur Tür wieder herein. Sie kriegen es nicht kaputt. Sie kaufen Autos? Das Auto kriegt mehr Wert. Sie kaufen Häuser? Die Immobilien kriegen mehr Wert. Sie gehen in Gold? Das Gold wird mehr wert. Sie können's nicht durch Konsum zerstören, das Geld." Dieser Herr glaubt doch nicht wirklich was er da erzählt ? Und wenn ja, ist er völlig abgehoben und Lichtjahre vom realen Leben entfernt, so wie ganz viele Menschen aus seiner Schicht. Er will in die Politik ? Das erstaunt mich nicht, er hat das Geld, damit auch die nötigen Beziehungen die ihm endlich Macht bringen. Später werden diese Beziehungen (die durch die Macht noch erweitert werden) und ein riesigen Haufen Geld an die Nachkommen vererbt, die früher oder später auch nach macht streben werden. Hat man uns irgenwann wieder ins 19. Jahrundert zurückgebeemt und wir merken es erst jetzt ?
Educa15 08.05.2018
4. Schade, dass niemand dem Herrn Gröner erklärt, dass
er mit seinen Immobiliengecshäften auch oder gar nur deshalb so reich wird, weil die Politik den einfachen Leuten ausreichend Mittel zur Verfügung stellt, damit sie sich die Wuchermieten oder Mondpreise seiner Firmen leisten können. Da macht es wenig Unterschied ob es Wohngelder für Hartz4-Empfänger oder günstige Darlehenskonditionen für Immobilienkäufer sind. Von diesen "Geschenken des Staates" profitieren vor allem Leute wie er. Das sollte man ihm mal vor Augen halten. Herr Kühnert war nahe dran, hat zumindest gut Paroli geboten. Hoffentlich wird die Problematik noch häufiger in den Medien diskutiert. Damit die Reichen nicht mehr so einfach wie zur Zeit von der Dummheit der einfachen Leute profitieren können. Und nochwas bzgl. Neiddebatte: Diese wird vor allem von den Reichen geschürt - aus Selbstschutz: Denn die Deutschen sind nicht neidisch auf Quandt und Co, sondern auf den Hartz4-ler, den Renter oder den Beamten mit Kündigungsschutz. Denn solange die breite Masse sich gegenseitig bekämpft, können die ganz oben unbeschwert feiern.
stoertebekker 08.05.2018
5. Argumente statt Emotionen und sachlichere Debatten wären hilfreich
Man mag den Gröner mögen oder nicht – im Gegensatz zum Juso-Chef liefert er Argumente für seine Aussagen. Zu Steuererhöhungen/-senkungen. Zum Ruf nach dem Staat. Der Staat ist im Übrigen die Bildungs-, Gesundheits-, Einwanderungspolitik, der Staat (das Land/die Stadt) sind Stuttgart 21, BER, Elbphilharmonie. Mehr Staat bringt es nicht – wir sollten grundsätzlich mehr Selbständigkeit lernen, Eigenverantwortung übernehmen, uns soziale Absicherung für den echten Notfall leisten und mit viel mehr ökonomischer Grundbildung dafür sorgen, dass Zusammenhänge des Wirtschaftslebens und der staatlichen Möglichkeiten besser verstanden werden. Dann funktioniert Demokratie vielleicht auch wieder besser – weil möglicherweise bei Wahlen die Dominanz der Emotionen über den Kopf zurückgedrängt werden kann. Das ist aus meiner Sicht das größte Problem: weder Politiker noch (viele) Medien erklären die Komplexität der Welt und reduzieren sie auf verständliche Blöcke. Stattdessen appellieren sie an Emotionen und starten laufend Umfragen unter Nichtwissenden, die dann wieder als Argument benutzt werden. Welch ein Unsinn. Ansonsten sollten wir Unternehmer in den Grenzen unserer Regeln machen lassen – die können das besser als der Staat (und im Übrigen meist auch besser als Manager in Großunternehmen). Zudem haben auch sie verstanden, dass ein stabiles Gesellschaftssystem und gute Bildungschancen für alle ihnen mehr nutzt als Unzufriedenheit und Chaos.
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