Reality-Show "Unser neuer Chef" "Jetzt hat er Schweinkram gemacht, der Konrad!"

Über den nervigen Chef zu mosern ist relativ einfach. Sich einen neuen Vorgesetzten selbst auszusuchen, schon etwas komplizierter. In "Unser neuer Chef" darf die Belegschaft eines Mittelständlers genau das.

kabel eins

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Die wenigsten Chefs und Chefinnen achten beim Bewerbungsgespräch ja auf die Brustbehaarung ihrer Bewerber. Ein absolutes Versäumnis, findet die Bäckereifachverkäuferin: "Der hat da einen ganzen Urwald, das gehört sich nicht in einer Bäckerei!", zonkt sie den Bewerber weg, der gerne ihr neuer Vorgesetzter wäre. Eine Kollegin bemängelt seine Umgangsformen: "Wenn das unser Chef wär, und der kackt dich so an, na Prost Mahlzeit!". Das Schöne an diesen Bemerkungen: Während es gewöhnlich herzlich egal ist, was das unternehmerische Fußvolk bei einer neuen Personalentscheidung so meint und findet, darf es in "Unser neuer Chef - Jetzt entscheiden wir!" selbst auswählen, von wem es sie sich künftig kommandieren lassen will.

Das Prinzip des vierteiligen Reality-Formats auf Kabel 1: Ein mittelständisches Unternehmen sucht eine neue Führungskraft und lädt dazu drei Bewerber ein. An vier Testtagen müssen sie sich durch die wichtigsten Abteilungen ihres Wunschbetriebs hospitieren, stets beobachtet von Kameras, die sie angeblich für eine Reportage begleiten - in Wahrheit aber Bewertungsmaterial für die Belegschaft liefern, die unbemerkt von den Bewerbern alles beobachtet. Die Jobkandidaten wissen nicht, dass am Ende nicht der Firmenchef entscheiden wird, wer die Stelle bekommt. In der Auftaktsendung sucht ein Bäckerei-Familienbetrieb im Unterfränkischen mit 20 Filialen einen neuen Bezirksleiter, der die Hälfte der Läden betreuen soll.

Es kommt mehr Diversität in die Entscheidungsfindung

Die richtige Stelle für Jessica, die 26-jährige, ehrgeizige Bäckereifachverkäuferin mit Aufstiegsambition, für Karim, den 40-jährigen, von sich leicht über-überzeugten Ex-Franchisechef, oder doch für Konrad, den 56-jährigen Bäckermeister, der in der Stelle des Bezirksleiters die letzte Chance sieht, in seinem Alter noch einmal einen Traumjob zu ergattern?

Leicht überdramatisiert und mit Musik unterlegt, als steche gleich ein festlich aufgetakeltes Schlachtschiff in See, treten die drei zur Probearbeit an.

"Collaborative hiring" heißt die demokratische Anstellungspolitik, bei der Teams mitentscheiden dürfen, wer am besten zu ihnen passt. Der offensichtliche Vorteil daran: Es kommt mehr Diversität in die Entscheidungsfindung, weil eben nicht nur der mittelalte männliche Chef urteilen darf, sondern auch die kecke Auszubildende, der erfahrene Altangestellte, die Quereinsteigerin, die noch einmal ganz anders auf das Unternehmen schaut.

Nach der Vorlage der BBC2-Sendung "Who's the boss?" ist "Unser neuer Chef" nun die deutsche TV-Dramatisierung dieses Prinzips. Interessanter als die ausführlich gezeigten Teigknet-Übungen und Omelette-Testbratereien der Kandidaten ist die Entscheidungsfindung bei der Belegschaft. Obwohl Karim schon bei seinem ersten Vorstellungsgespräch eine eher harte Hand in der Personalführung erkennen lässt und etwa ankündigt, dass er bereits beim zweiten Fehler des Verkaufspersonals eine Abmahnung aussprechen würde - "beim zwote Mal scho!", japsen die Fachverkäuferinnen an ihren Beobachtungsmonitoren - tendieren die meisten zunächst dazu, ihn als geeignetsten Chef zu sehen, weil er alters- und geschlechtsmäßig eben das verkörpert, was sie sich klischeehaft unter einem "Chef" vorstellen. Ist die ambitionierte Jessica nicht doch zu unerfahren, der erfahrene Konrad hingegen zu eingefahren in seinen Methoden?

Die Belegschaft setzt ihre neue Macht weise und menschlich ein

Die Stimmung kippt bei den praktischen Bewährungsproben, als die Kandidaten Brotregale einsortieren und Plunderstückchen bestreuseln müssen. "Jetzt hat er Schweinkram gemacht, der Konrad!", sagt die Kollegin in der Filiale, als der älteste Bewerber die Bratstation mit Eimasse überschwemmt, und doch kann er allerlei Missgeschicke bei den meisten heimlichen Beobachtern mit freundlichem, fairem Umgang wegpunkten. Karim ist schließlich der erste Kandidat, der aussortiert wird, am Ende bekommt Jessica mit einer Stimme Vorsprung die Stelle.

Die Auftaktfolge in der fränkischen Bäckerei wird vor allem von der sympathischen, extrem kollegialen Belegschaft getragen, die ihre neue Macht weise und menschlich einsetzt. Ihr Umgang mit der neuen Entscheidungsgewalt dürfte auch in den weiteren Folgen in den nächsten Betrieben interessanter sein als die Frage, wer am Ende den neuen Chefposten besetzen darf.



insgesamt 3 Beiträge
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tbline67 26.07.2017
1. Danke für die Analyse!
Frau Rützel! Chapeau vor dieser sauberen Analyse dieses Formats. Ich vermisse betrüblicherweise ihre gewohnte Scharfzüngigkeit. Bitte mehr davon !
DieHappy 26.07.2017
2.
Zitat von tbline67Frau Rützel! Chapeau vor dieser sauberen Analyse dieses Formats. Ich vermisse betrüblicherweise ihre gewohnte Scharfzüngigkeit. Bitte mehr davon !
Zu einer "sauberen Analyse" würde für mich allerdings dazugehören, dass man als Journalistin im wichtigsten Nachrichten Portal Europas auch erwähnen würde, dass natürlich Kabel 1, sprich der seriöse Qualitätssender ProSiebenSat.1 Media SE, an der Dramaturgie dieses Käses rum gedreht hat. Sprich, mehr oder weniger scripted reality. Aber das wird Frau Rützel in diesen Journalisten Leben wohl nicht mehr über die Lippen kommen.
thronn 26.07.2017
3. So etwas gibt's tatsaechlich
Ein Freund hatte nach einer Firmenübernahme einen neuen Abteilungsleiter bekommen. Dieser stellte sich in den Punkten Personalführung, Projektmanagement und Reporting mehr als ungeschickt an. Er berichtete dann die offensichtlich unpassenden Entscheidungen seines direkten Vorgesetzten zusammen mit seinen Warnungen vor den Problemen, die dadurch zukünftig auftauchen werden, noch eine Etage weiter nach oben. Als dann etwa acht Monate später die immer massiveren Kundenbeschwerden sich nicht mehr von seinem Abteilungsleiter unter den Teppich kehren ließen und auch bei der Geschäftsführung ankamen, wurde der Abteilungsleiter schließlich ausgetauscht. Zum Zuge kam der Kandidat, der sich ihm in den Vorstellungsgesprächen als fähigster Manager gezeigt hat. Nun läuft wieder alles rund und alle sind sehr zufrieden. So etwas braucht natürlich viel Vertrauen des Chefs in seine Mitarbeiter, hat, wenn richtig gemacht, viel Erfolg.
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