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15. Februar 2013, 07:02 Uhr

"Unser Song für Malmö"

Marschmusik bleibt Trumpf

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Vorsprung durch Handwerk: Cascada darf mit ihrer Eurodance-Hymne "Glorious" zum Eurovision Song Contest nach Schweden. Beim Vorentscheid in der ARD sahen bajuwarische Ska-Bläser lange Zeit wie die sicheren Sieger aus - doch am Ende siegte, was sich am kräftigsten ins Kurzzeitgedächtnis hämmerte.

Wann wird Anke Engelke eigentlich mal wieder so richtig witzig? Wer sich diese Frage während ihrer Moderation des ESC-Vorentscheids "Unser Song für Malmö" gestellt haben sollte, wird wohl bis zum Ende der ARD-Sendung auf eine Antwort gewartet haben. Andererseits: Was erwartet man beim Warmlaufen für den Eurovision Song Contest? Ein Feuerwerk der Pointen? Dafür gibt es dann doch dankbarere Orte.

Nachdem Anke Engelke vor zwei Jahren den 56. Eurovision Song Contest in Düsseldorf moderieren durfte, scheint sie an der Rolle einigen Gefallen gefunden zu haben. Und immerhin - als sie zu Beginn trocken versprach: "Alle Darbietungen sind live, nur meine Moderationen kommen vom Band", war das tatsächlich komisch, jedenfalls um einiges lustiger als die Talentproben der meisten hoffnungsvollen Bewerber für die Reise nach Schweden.

Mit dem Gastauftritt der Gewinnerin vom Vorjahr, der schwedischen Sängerin Loreen, gab es als musikalischen Auftakt zugleich ein Menetekel: Zum Schluss sollte das Los auf den Beitrag fallen, der sich am stärksten an der Erfolgsformel von 2012 orientierte. Der aktuelle Sieger "Glorious" vom Bonner Projekt Cascada ist, wie zuvor Loreens "Euphoria", präzise verschraubter Eurodance, der zackig geradeaus marschiert und genau weiß, mit welchen Songbausteinen man hochfliegende Hände in der Disco synchronisiert.

Cascada-Sängerin Natalie Horler hatte in einem Präsentationsvideo schon ihren Siegesanspruch deutlich gemacht. "Ich will zum Eurovision Song Contest nach Malmö", hatte sie selbstsicher verkündet, "ich hab richtig Lust drauf", so als ginge es um eine längst gebuchte Urlaubsreise. Der Anspruch sollte sich als begründet erweisen. Irgendwie hatte man das während der diversen Kandidatendurchläufe geahnt. "Glorious" war einfach das einzige Stück mit einem Refrain, der sich zumindest kurzfristig im Bewusstsein festsetzen konnte und nicht schon vor Ende des Songs wieder vergessen war.

Reihenweise sensationell nichtssagende Pop-Stangenware

Andere hatten sich da weniger kräftig ins Zeug gelegt. So gab es reihenweise sensationell nichtssagende Pop-Stangenware, bei der man es nicht einmal groß bemerkt hätte, wenn sie ganz ohne Melodie dahergekommen wäre, Finn Martins "Change" etwa oder Mobilées "Little Sister". Auch die Söhne Mannheims hatten mit dem Nachteil zu kämpfen, dass sie - neben dem Umstand, dass sie nur zu sechst und ohne Xavier Naidoo antraten - ein blasses HipHop- und R&B-Gemisch namens "One Love" ablieferten.

Druckvoll und als Live-Band völlig überzeugend präsentierten sich dagegen LaBrassBanda aus dem Chiemgau mit "Nackert". Unabhängig davon, ob man ihren Blaskapellen-Balkan-Ska-Stil mitsamt unverständlicher Mundart jetzt für großartig oder eher exotisch hält, haben die Bayern als Geheimwaffe eine amtliche Rhythmusgruppe, in der Bass und Schlagzeug so lässig-druckvoll aufeinander reagieren, dass die übrigen Musiker sich fast alle Scherze erlauben können, selbst ohne rettenden Ohrwurm-Refrain.

Wäre es nach dem Votum der Radiohörer gegangen, die zu einem Drittel stimmberechtigt waren, so hätten LaBrassBanda nach Malmö aufbrechen können - mit einem Traktor, wie sie vorab wissen ließen. Die Jury entschied sich hingegen für den an die Achtziger gemahnenden stilbewussten Synthiepop des Hamburger Duos Blitzkids mvt. Ausschlaggebend war schließlich das Zuschauerurteil, und die wünschten Cascada weiter im Wettbewerb. Was insofern konsequent ist, als die Bonner zu den international erfolgreichsten Dance-Pop-Bands zählen.

Nicht, dass es keine interessanteren Alternativen gegeben hätte. Die in Deutschland lebende Schwedin Betty Dittrich ließ in ihrem Beitrag "Lalala" noch einmal den Pop-Optimismus der Sechziger aufleben, und der in Berlin lebende Ben Ivory besang in seiner nuanciert produzierten Elektropop-Nummer so inbrünstig "The Righteous Ones", dass allein schon sein ironiefreies Pathos etwas Anrührendes hatte. Beide landeten lediglich auf den mittleren Plätzen. Stattdessen wird also eine zur Genüge erprobte ESC-Strategie wiederholt. Ob das in Malmö ebenfalls Eindruck machen wird, erfährt man am 18. Mai.

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