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"Unser Star für Baku": Ganz schön fiese Blitztabelle

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Keine Atempause, Tabelle wird gemacht: Unter dem Druck eines fiesen Blitz-Rankings müssen die Kandidaten bei "Unser Star für Baku" gegen das Sperrfeuer einer Dauerabstimmung per Telefon ansingen. Das Publikum war abgelenkt, die Jury hatte Schwierigkeiten, souverän zu bleiben.

"Unser Star für Baku": Sind so große Eier Fotos
DPA

Wer hätte gedacht, dass es so einfach ist, Lena Meyer-Landrut vergessen machen zu lassen? Noch nicht einmal einen talentierten Sänger oder eine talentierte Sängerin brauchte es dafür. Nein, das Kunststück gelang am Donnerstagabend allein durch die Einführung der wohl miesesten Erfindung des deutschen Fernsehens der letzten Jahre - der Blitztabelle im Casting-Format.

Schlechter hätten die Startbedingungen für das Eurovision-Casting "Unser Star für Baku" wahrscheinlich nicht sein können. Einerseits sind Castingshows zurzeit auf allen Kanälen zu sehen, sowohl "Deutschland sucht den Superstar" als auch "The Voice of Germany" laufen parallel. Andererseits lassen beide Formate trotz sehr unterschiedlicher Tonalitäten quotenmäßig gerade Federn. Dass sich "Unser Star für Baku" eine ganz eigene Nische würde erkämpfen müssen, war damit klar. Doch die Idee, das Abstimmungsverhalten der Zuschauer durch eine sogenannte Blitztabelle während der gesamten Sendung abzubilden, erwies sich ab der ersten Minute als ärgerlich bis erniedrigend.

Kaum hatten sich die ersten zehn von insgesamt zwanzig Kandidaten vorgestellt, sollten die Zuschauer schon per Telefon-Voting ihren ersten Eindruck kundtun und entscheiden, in welcher Reihenfolge die Talente singen sollten. Da hatte wohlgemerkt noch niemand auch nur einen Ton gesungen. Stattdessen wurde flugs darüber abgestimmt, wer hübsch anzusehen ist - und schon fand sich Sängerin Katja auf dem letzten Platz in der "Sympathietabelle", wie sie Co-Moderator Steven Gätjen (ProSieben) mitleidlos nannte, wieder. Richtig gute Voraussetzungen also, um gleich als erste singen zu müssen. Wer am unsympathischsten rüberkam, durfte nämlich die Show eröffnen.

Das Publikum abgelenkt

Dass sowohl Katja als auch die anderen von den hinteren Plätzen ihre Auftritte souverän meisterten und es manche von ihnen sogar in die nächste Runde schafften, ändert nichts an der Ekelhaftigkeit dieser Abstimmung. Warum den Kandidaten einen solchen künstlichen Makel verpassen? Muss die Auslieferung ans abstimmende Publikum wirklich so weit gehen?

Zum Glück blieb es in den folgenden knapp drei Stunden bei einer einzigen "Sympathietabelle". Mit Beginn der Auftritte rückten die vier Sänger und sechs Sängerinnen in den Vordergrund - oder versuchten es zumindest. Ein Viertel des Bildschirms war nämlich fortan mit dem Echtzeit-Ranking der Kandidaten gefüllt. Das lenkte zu Hause vorm Fernseher von den Auftritten ab, weil der Blick immer wieder auf den linken Rand des Bildes und die wuseligen Veränderungen dort glitt. Es lenkte aber auch das Live-Publikum im Kölner Studio ab, denn das verfolgte an Bildschirmen ebenfalls die Blitztabelle und bejubelte lautstark Zwischenergebnisse, die oft nichts mit dem Menschen auf der Bühne und seiner Leistung zu tun hatten.

Damit immer noch nicht genug: Selbst die Jury um Präsident Thomas D nahm in ihren Einordnungen immer wieder Bezug auf die Tabelle. Und Co-Moderatorin Sandra Rieß vom Bayerischen Rundfunk ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, die Kandidaten nach ihren Auftritten sofort auf ihre aktuelle Platzierung anzusprechen. "Du bist ja momentan auf Platz sechs und damit nicht in der nächsten Runde." Nicht mal die kleinste Verschnaufpause nach dem ersten großen - und für die Hälfte der Kandidaten auch einzigen - TV-Auftritt war ihnen vergönnt. In jeder Minute sollte hier klar sein, dass es sich um einen Wettbewerb handelte und man unter konstanter Bewertung stand.

Unangenehmer Nachgeschmack

Zugegeben: Diese Atemlosigkeit hatte durchaus zur Folge, dass sich "Unser Star für Baku" trotz gleicher Länge weniger dahinzog als zuletzt etwa "The Voice of Germany", das mit den vergangenen Ausgaben deutlich an Dichte verloren hat. Doch der beständige Drill, der von der Blitztabelle ausging, dieses Motivationsangeschnauze vom Bildrand, ließ auch die Stärken der Sendung in den Hintergrund treten.

Alina Süggeler, Sängerin der Deutschpop-Band Frida Gold, erwies sich nämlich als kluge Jurorin, die freundlich kritisierte, ihr Lob aber auch wohl dosierte. Jurypräsident Thomas D zeigte seinem HipHop-Hintergrund entsprechend Wortwitz in seinen Kommentaren und war auch souverän genug, um Co-Juror Stefan Raab in seine Grenzen zu verweisen, als dieser sich plötzlich bei Thomas D für dessen Unterstützung bedanken wollte - obwohl Raab doch selbst auf den Vorsitz verzichtet hatte und sich nur durch die Hintertür plötzlich wieder auf einen Jurorensitz gemogelt hatte.

Und nicht zuletzt waren einige Auftritte überaus sehenswert, etwa Katjas charmante Akustikversion von Bruno Mars' "Marry Me" oder Shellys abgeklärt-schnoddriges Cover von "Valerie" von Amy Winehouse. Sie landete auf Platz eins. Zu tosendem Applaus riss der letzte, schließlich zweitplazierte, Kandidat Roman mit dem Song "After Tonight" von Justin Nozuka das Studiopublikum hin. Selbst die Jury sprang begeistert von den Sitzen auf. Dass die Juroren aber am lautesten klatschten, als sie sahen, dass Roman in der Blitztabelle nach ganz vorne schoss, verpasste auch diesem Moment einen unangenehmen Nachgeschmack.

Ob er bis zur nächsten Sendung am kommenden Donnerstag, bei der weitere zehn Kandidaten antreten, verflogen ist? Solang man bei ProSieben und der ARD nicht schnell das Sendungskonzept überarbeitet und zumindest die "Sympathietabelle" kippt - wohl kaum.

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insgesamt 101 Beiträge
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1. SPON kann nur kritisieren...
phizzla111 13.01.2012
Zitat von sysopKeine Atempause, Tabelle wird gemacht: Unter dem*Druck eines fiesen Blitz-Rankings*müssen die Kandidaten bei*"Unser Star für Baku" gegen das Sperrfeuer einer Dauer-Abstimmung per Telefon ansingen. Das Publikum war abgelenkt, die Jury hatte Schwierigkeiten, souverän zu bleiben.* http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,808866,00.html
....ich fand es eigentlich eine ganz gute Sache permanent über Zwischenstände informiert zu sein. Endlich mal was anderes als dieses ewigen ''wer kommt weiter'' gefasel mit den einhergehenden künstlichen Spannungspausen. Aber gut, der Verfasser muss irgednwas finden um es rhetorisch ausschlachten zu können. Es sei ihm gegönnt...
2. Spannend
Herr Hold 13.01.2012
Zitat von sysopKeine Atempause, Tabelle wird gemacht: Unter dem*Druck eines fiesen Blitz-Rankings*müssen die Kandidaten bei*"Unser Star für Baku" gegen das Sperrfeuer einer Dauer-Abstimmung per Telefon ansingen. Das Publikum war abgelenkt, die Jury hatte Schwierigkeiten, souverän zu bleiben.* http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,808866,00.html
Also ich finde,gerade das hat die Sache spannend gemacht. Besser als dieses tausend Mal in die Länge ziehen mit ".. und bevor ich jetzt die Ergebnisse bekanntgebe müssen wir noch schnell mal dies und das". Und die Quote scheint ja (wie man anderen Presseerzeugnissen entnehmen kann) auch nicht schlecht gewesen zu sein.
3. Bohlen lässt grüßen
Dani1987 13.01.2012
Zitat von sysopKeine Atempause, Tabelle wird gemacht: Unter dem*Druck eines fiesen Blitz-Rankings*müssen die Kandidaten bei*"Unser Star für Baku" gegen das Sperrfeuer einer Dauer-Abstimmung per Telefon ansingen. Das Publikum war abgelenkt, die Jury hatte Schwierigkeiten, souverän zu bleiben.* http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,808866,00.html
Gott, waren die *alle* schlecht. Als vor 2 Jahren Lena im Vorentscheid singen durfte, hatte sie richtig gute Konkurrenten, da war es schade mit ansehen zu müssen, das die allesamt ausscheiden mussten. Heute, bzw. gestern abend war dagegen nicht eine Spur von Qualität zu hören. Was noch hinzukommt und die Sendung in meinen Augen nicht mehr sehenswert macht, ist die sehr vulgäre Ausdrucksweise, insbesondere von dem Juror Thomas D., aber auch der beiden Moderatoren, die unreflektiert diesen billigen Sprachstil weiterverwenden , um den Sänger Jan schon beleidigigend zu verabschieden.
4. Schön wenn man lächelnd in die Kreissäge springen kann...
nihilist1982 13.01.2012
Zitat von phizzla111....ich fand es eigentlich eine ganz gute Sache permanent über Zwischenstände informiert zu sein. Endlich mal was anderes als dieses ewigen ''wer kommt weiter'' gefasel mit den einhergehenden künstlichen Spannungspausen. Aber gut, der Verfasser muss irgednwas finden um es rhetorisch ausschlachten zu können. Es sei ihm gegönnt...
Diese ganze Lavalampen-Abstimmung hat allein den Zweck das maximum an Geld rauszuquetschen. Immer wenn einer der 6 oberen Kandiaten fielen, wurde Verwandtschaft und Anhänger animiert nochmal 50Cent nach zu schieben. Das ganze ist so Seriös wie "unabhängige syrische Beobachter" die uns die Medien verkaufen wollen...Wenn die Zeituhr 10 Sec eher abgelaufen wäre, dann hätte es den hochgelobten Roman erwischt, Qualiät der Stimme oder der Auftritt haben doch zu keinem Zeitpunkt was gezählt. (Man bedenke nur den Zeitraum bei dem alle Sechs Kandidaten 14,2% inne hatten). Wie kann man da noch freudig grinsen ob der spannenden Abstimmung? Viel Spaß bei der nächsten Kaffeefahrt wünsche ich!
5. der Moderator
axelkli 13.01.2012
S. Gätjen ist und bleibt als Moderator ein Totalausfall. Uncharmant, unwitzig, unhöflich, hölzern, Fäkalausdrücke verwendend.
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