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03. September 2018, 16:01 Uhr

Reise-Doku mit Gérard Depardieu

Grunzend durch Japan

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Ein staunender Klotz blickt auf die Welt: Arte ist "Unterwegs mit Gérard Depardieu". In fünf Folgen erkundet der Schauspieler Japan - simpelmütig, aber halbwegs manierlich.

Das Langweiligste, das man in Japan essen kann, ist Fugu. Vielleicht nicht für den Verzehrer, der gerade kurz davor steht, sich den in Teilen hochgiftigen Kugelfisch tatsächlich einzuverleiben, aber doch für den Zuschauer, dem die brisante Speise schon in 100 fauldramaturgischen Japan-Kulinarik-Reportagen vorgekaut wurde: Leber, Eierstöcke und Blut des Fugu sind giftig, kennt man, weiß man, und dass Gérard Depardieu auf seiner fünfteiligen Arte-Reise durch Japan nun ausgerechnet als erstes dieses Klischee-Mahl zu sich nimmt, ist tatsächlich ziemlich fad.

"Das Gift lähmt die Atmung, nicht nur das Herz", wird er vor dem ersten Bissen noch belehrt, "A oui, oui, oui!", malmt Depardieu verständig, fragt nochmal nach, "die Leber ist tödlich?", fantasiert ein bisschen, wie eine böse Hausfrau damit ihren Mann vergiften könnte: "Und dann Sayonara, Sayonara!" Dass Depardieu in Paris ein japanisches Feinkostgeschäft besitzt, würde man nicht unbedingt ahnen.

"Jedes Land, das ich besuche, atme ich ein", salbadert der Schauspieler zu Beginn seiner Reise aus dem Off, und angesichts seiner wenig zierlichen Physiognomie kann man sich an dieser Stelle schon nicht der kleinen Gargantua-Fantasie erwehren, sich das buchstäblich und bildlich vorzustellen. Doch Depardieu (der sich derzeit wegen Vergewaltigungsvorwürfen verantworten muss, die Anschuldigungen aber bestreitet) ist ein appetitlicher Esser. Zwar trinkt er nach einem Fugu-Mahl das Servierschüsselchen aus und griffelt darin ungut mit den Fingern nach etwaigen Restchen, ansonsten gibt er sich weitgehend manierlich. Na gut, einmal grunzt er beim Fischverzehr behaglich und schweinös.

"Ich reise immer ohne Koffer"

Sein toter Freund Kuroda, mit dem er eigentlich auf diese Reise durch Japan gehen wollte, habe ihm ein Büchlein mit Reisenotizen hinterlassen - eine kleine Kladde, die so requisitös aussieht, dass Kuroda ein tiefes Verständnis für visuelle Dramaturgie gehabt haben muss, hüstel. Mit dem Büchlein als Leitfaden reist Depardieu als staunender Klotz durch das Land und kommentiert, was er sieht, in Simpelworten: "Die Schrift ist sehr schön", "diese Fischhaut ist sehr schön", "das Papier ist schön, gute Arbeit."

Wenn er Nachfragen stellt, sind sie fast kindlich unterkomplex. Wird ihm ein Krebs serviert, fragt er: "Den fängt man im Meer?", instruiert ihn ein Mönch im Kloster, den Meditationsraum mit dem linken Fuß zuerst zu betreten, echot Depardieu: "Mit dem linken Fuß zuerst?". Das wirkt umso drolliger, da er zwischendurch aus dem Off immer wieder fast wikipediahaft über die Themen wie die Grundlagen des Buddhismus doziert.

"Ich reise immer ohne Koffer", sagt die Depardieu-Erzählstimme am Anfang der Reise, und zwischendurch muss man gelegentlich an diesen Satz denken und wüsste schon ganz gerne, wie er das genau bewerkstelligt. Papierne Wegwerf-Unterhosen? Besonders saugfähige Hemden? Vom logistischen Teil seines Unterwegsseins bekommt man aber leider nicht wirklich viel mit, man hört nur ein paar ausgesucht belanglose Smalltalkkrümel mit, die er mit der befreundeten Schauspielerin führt, die ihn im Auto herumkutschiert: Da muss es sein, halt ein, nein doch nicht, also komm, fahr!

Depardieu, das wird in dieser halbstündigen ersten Exkursion schnell klar, ist nicht Anthony Bourdain, seine Entdeckerlust und sein Reflektionsvermögen ist überschaubar. Tatsächlich fühlt man sich, wenn man ihm ein paar Minuten bei seiner Sitzmeditations-Übung zuschaut, allerdings fast so, als hätte man den eigenen Geist gerade kurz durchgespült. "Es ist sehr erholsam, das liegt an der Leere", sagt Depardieu: "Die Leere wirkt erholsam."


Die erste Folge "Unterwegs mit Gérard Depardieu" läuft am Montag, 3. September, um 17.10 Uhr auf Arte und ist schon jetzt in der Mediathek zu sehen.

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