Reise-Doku mit Gérard Depardieu Grunzend durch Japan

Ein staunender Klotz blickt auf die Welt: Arte ist "Unterwegs mit Gérard Depardieu". In fünf Folgen erkundet der Schauspieler Japan - simpelmütig, aber halbwegs manierlich.

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Das Langweiligste, das man in Japan essen kann, ist Fugu. Vielleicht nicht für den Verzehrer, der gerade kurz davor steht, sich den in Teilen hochgiftigen Kugelfisch tatsächlich einzuverleiben, aber doch für den Zuschauer, dem die brisante Speise schon in 100 fauldramaturgischen Japan-Kulinarik-Reportagen vorgekaut wurde: Leber, Eierstöcke und Blut des Fugu sind giftig, kennt man, weiß man, und dass Gérard Depardieu auf seiner fünfteiligen Arte-Reise durch Japan nun ausgerechnet als erstes dieses Klischee-Mahl zu sich nimmt, ist tatsächlich ziemlich fad.

"Das Gift lähmt die Atmung, nicht nur das Herz", wird er vor dem ersten Bissen noch belehrt, "A oui, oui, oui!", malmt Depardieu verständig, fragt nochmal nach, "die Leber ist tödlich?", fantasiert ein bisschen, wie eine böse Hausfrau damit ihren Mann vergiften könnte: "Und dann Sayonara, Sayonara!" Dass Depardieu in Paris ein japanisches Feinkostgeschäft besitzt, würde man nicht unbedingt ahnen.

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Depardieu in Japan: "Den fängt man im Meer?"

"Jedes Land, das ich besuche, atme ich ein", salbadert der Schauspieler zu Beginn seiner Reise aus dem Off, und angesichts seiner wenig zierlichen Physiognomie kann man sich an dieser Stelle schon nicht der kleinen Gargantua-Fantasie erwehren, sich das buchstäblich und bildlich vorzustellen. Doch Depardieu (der sich derzeit wegen Vergewaltigungsvorwürfen verantworten muss, die Anschuldigungen aber bestreitet) ist ein appetitlicher Esser. Zwar trinkt er nach einem Fugu-Mahl das Servierschüsselchen aus und griffelt darin ungut mit den Fingern nach etwaigen Restchen, ansonsten gibt er sich weitgehend manierlich. Na gut, einmal grunzt er beim Fischverzehr behaglich und schweinös.

"Ich reise immer ohne Koffer"

Sein toter Freund Kuroda, mit dem er eigentlich auf diese Reise durch Japan gehen wollte, habe ihm ein Büchlein mit Reisenotizen hinterlassen - eine kleine Kladde, die so requisitös aussieht, dass Kuroda ein tiefes Verständnis für visuelle Dramaturgie gehabt haben muss, hüstel. Mit dem Büchlein als Leitfaden reist Depardieu als staunender Klotz durch das Land und kommentiert, was er sieht, in Simpelworten: "Die Schrift ist sehr schön", "diese Fischhaut ist sehr schön", "das Papier ist schön, gute Arbeit."

Wenn er Nachfragen stellt, sind sie fast kindlich unterkomplex. Wird ihm ein Krebs serviert, fragt er: "Den fängt man im Meer?", instruiert ihn ein Mönch im Kloster, den Meditationsraum mit dem linken Fuß zuerst zu betreten, echot Depardieu: "Mit dem linken Fuß zuerst?". Das wirkt umso drolliger, da er zwischendurch aus dem Off immer wieder fast wikipediahaft über die Themen wie die Grundlagen des Buddhismus doziert.

"Ich reise immer ohne Koffer", sagt die Depardieu-Erzählstimme am Anfang der Reise, und zwischendurch muss man gelegentlich an diesen Satz denken und wüsste schon ganz gerne, wie er das genau bewerkstelligt. Papierne Wegwerf-Unterhosen? Besonders saugfähige Hemden? Vom logistischen Teil seines Unterwegsseins bekommt man aber leider nicht wirklich viel mit, man hört nur ein paar ausgesucht belanglose Smalltalkkrümel mit, die er mit der befreundeten Schauspielerin führt, die ihn im Auto herumkutschiert: Da muss es sein, halt ein, nein doch nicht, also komm, fahr!

Depardieu, das wird in dieser halbstündigen ersten Exkursion schnell klar, ist nicht Anthony Bourdain, seine Entdeckerlust und sein Reflektionsvermögen ist überschaubar. Tatsächlich fühlt man sich, wenn man ihm ein paar Minuten bei seiner Sitzmeditations-Übung zuschaut, allerdings fast so, als hätte man den eigenen Geist gerade kurz durchgespült. "Es ist sehr erholsam, das liegt an der Leere", sagt Depardieu: "Die Leere wirkt erholsam."


Die erste Folge "Unterwegs mit Gérard Depardieu" läuft am Montag, 3. September, um 17.10 Uhr auf Arte und ist schon jetzt in der Mediathek zu sehen.



insgesamt 7 Beiträge
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dasfred 03.09.2018
1. Gerade noch rechtzeitig gelesen
Ich will ihn Grunzen sehen. Und ich möchte mir hier erstmal selbst ein Bild machen. Diese, doch eher sanfte Rezension von Frau Rützel hat jetzt mein kurzfristiges Interesse geweckt. Ansonsten bin ich ja eher dankbar, wenn sie den TV Trash in morgendliche Unterhaltung verwandelt, aber hier glaube ich, zwischen den Zeilen, etwas zu entdecken, dass mich neugierig macht.
post-postfaktisch! 03.09.2018
2. Was hat die denn geritten...
... dieses in Flugzeug-Gänge urinierende, Putin verherrlichende, Steuern hinterziehende, versoffene Gespenst eines ehemals wunderbaren Schauspielers mit den auf Takt und Würde achtenden Japanern zusammenzubringen? Ist das so eine Art Promi Big Brother á la ARTE???
kajosch55 03.09.2018
3. Zahlen die Franzosen die Hälfte der Kosten
für diese Beschäftigungsmaßnahme für einen völlig abgehlfterten Schauspieler? Oder bleibt diese wunderbar soziale Tat zu 100 Prozent auf den Taschen der deutschen Zwangsgebührenzahler hängen? Es ist auch die Summe der gar nicht mal so kleinen perversen Selbstbedienungen des politischen Klüngels, die die Leute zu potenziellen "Alternativen" treibt.
Marillax 03.09.2018
4. Ist ja nun nicht alles schei*e,
Zitat von post-postfaktisch!... dieses in Flugzeug-Gänge urinierende, Putin verherrlichende, Steuern hinterziehende, versoffene Gespenst eines ehemals wunderbaren Schauspielers mit den auf Takt und Würde achtenden Japanern zusammenzubringen? Ist das so eine Art Promi Big Brother á la ARTE???
... was er gemacht hat. Und wenn jeder eine zweite Chance kriegen sollte, warum dann nicht Gérard Depardieu? Wenn man nicht will, muss man sich ja nicht solch eine Doku ansehen. Es soll aber Menschen geben, die das einer Fußball- oder Volksmusikveranstaltung vorziehen.
markusewitz 03.09.2018
5. Grundgütiger...
Zitat von kajosch55für diese Beschäftigungsmaßnahme für einen völlig abgehlfterten Schauspieler? Oder bleibt diese wunderbar soziale Tat zu 100 Prozent auf den Taschen der deutschen Zwangsgebührenzahler hängen? Es ist auch die Summe der gar nicht mal so kleinen perversen Selbstbedienungen des politischen Klüngels, die die Leute zu potenziellen "Alternativen" treibt.
Nun wischen Sie sich mal den Schaum vom Mund! Können Sie sich in Ihrer maßlosen Wut über die "Zwangsgebühren" und vermutlich alles andere vorstellen, dass es Menschen wie mich gibt, die einem überkandidelten Depardieu gerne zusehen, wenn er eines meiner Lieblingsländer erkundet? Und dafür auch gerne bezahlen? Und deswegen nicht sofort zu den sogenannten "Alternativen" laufen? Ihre Weltsicht ist Gott sei Dank nicht allgemeingültig!
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