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US-Serie "Homeland": Leben und leiden an der Heimatfront

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Eine CIA-Agentin mit Psycho-Problemen, ein Kriegsheld unter Terrorverdacht. Die Serie "Homeland" thematisiert die Schattenseiten von Amerikas "Krieg gegen den Terror". So klar wie kein TV-Format zuvor zeigt der Mehrteiler, was die permanente Paranoia aus dem Land der Freien gemacht hat.

Es ist Vormittag, friedlich scheint die Sonne durch das Fenster auf das aufgeschlagene Buch, gerade ist das Kind zur Schule aufgebrochen, der Mann hat Zeit für ein wenig Morgenlektüre, da zerfetzt der laute Knall einer Explosion die Ruhe. Der Mann springt auf, er rennt hinaus, er sucht das Kind, ruft es verzweifelt, stolpert durch die rauchenden Trümmer, er sieht Leichen und andere Verzweifelte, Zerstörung. Der Mann findet das Kind. Es ist tot.

Wir befinden uns in der Mitte von Folge neun der neuen US-Serie "Homeland", der Mann trägt weinend das tote Kind in seinen Armen, es ist die härteste, brutalste Szene bisher in diesem fortgesetzten Thriller über Amerikas Angst vor einem weiteren Angriff und das Misstrauen gegen die Muslime. Doch das Bemerkenswerte ist: Dieser Anschlag, der erste, der in dieser Serie gezeigt wird, ereignet sich nicht im Herzen der USA, sondern im Irak. Angegriffen haben hier nicht islamistische Terroristen, sondern US-Soldaten.

Wer sind die Guten? Wer die Bösen? Spätestens in dieser Szene ist klar: "Homeland" findet auf solche Fragen eine andere Antwort als jene US-Serien, die sich bislang mit dem Feldzug gegen die Bedrohung von außen beschäftigen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika führen Krieg gegen den Terror, wie man so schön sagt, und im Fernsehen erledigte diesen Job an der Heimatfront bis vor kurzem Kiefer Sutherland als Jack Bauer. Der unbesiegbare Agent fluchte, folterte und forderte einsilbig Vertrauen sowie die Herausgabe von Information und Gegenständen aller Art, ansonsten verweigerte er jede weitere Aussage.

Das Brachialverhör war gestern

Jedes Mittel war ihm recht, einen drohenden Terrorangriff abzuwenden, und seine Zuschauer warteten nur darauf, dass Jack zum Brachialverhör ansetzte. Zu Beginn der siebten Staffel der Serie "24" muss sich Bauer vor einem Untersuchungsausschuss für seine zahlreichen Dienstvergehen verantworten, allerdings nur kurz. Bald schon herrscht mal wieder ein übergesetzlicher Notstand, der Bauers sofortiger Aufmerksamkeit und weiterer rüder Gewaltanwendung bedarf. Verurteilt wird Jack Bauer nie.

Es heißt, reale Soldaten hätten sich auf "24" berufen, als man sie der Misshandlung Gefangener überführt hatte. Die Show war das Fernsehen zur Bush-Ära: Lieber zuschlagen, bevor der andere zuschlägt. Ihre Botschaft: Don't mess with Texas.

Am Ende der finalen "24"-Staffel musste Bauer auf unbestimmte Zeit abtauchen - und es scheint, als habe das US-Unterhaltungsfernsehen in seiner Abwesenheit zu einer neuen Haltung gefunden in der Darstellung des Kriegs gegen den Terror. Eines der Resultate der Trendwende ist "Homeland", die zur Zeit wohl brisanteste, weil schmerzhafteste TV-Auseinandersetzung mit der Frage, was der Kampf der vergangenen Dekade aus denen gemacht hat, die ihn führen - und aus ihrem Land.

Hauptfigur ist die junge CIA-Agentin Carrie Mathison, dargestellt von der für ihre Leistung gar nicht genug zu lobenden Schauspielerin Claire Danes. Carrie hat in Bagdad einen gefangenen Qaida-Kämpfer verhört, der ihr kurz vor seiner Hinrichtung sein größtes Geheimnis preisgibt: Ein seit Jahren von al-Qaida gefangen gehaltener US-Soldat sei umgedreht worden und habe sich der islamistischen Sache angeschlossen. Einige Zeit später, Carrie ist wegen unsauberer Aktionen strafversetzt in die CIA-Zentrale nach Langley, wird bei einem US-Angriff auf die Residenz eines Terror-Drahtziehers im Irak der totgeglaubte US-Marine Nicholas Brody befreit. Acht Jahre war er verschwunden, jetzt kehrt er als Kriegsheld heim in die USA und zu seiner Familie, er wird gefeiert und verehrt. Allein Carrie ist überzeugt davon: Dieser Mann ist gefährlich. Er ist ein Schläfer.

Carries Problem ist nicht nur, dass ihre Vorgesetzten keineswegs überzeugt sind von ihrem Verdacht, sie kann sich noch nicht einmal sicher sein, ob sie selbst ihrem Urteil trauen kann. Sie leidet unter einer psychischen Krankheit, ist angewiesen auf die regelmäßige Einnahme ihrer Pillen, damit diese nicht ausbricht, und die Pillen muss sie sich illegal über ihre Schwester besorgen. Würde ihre Labilität bekannt, wäre es schnell vorbei mit der Agentinnen-Karriere. Sie ist paranoid wie die gesamte US-Gesellschaft es zu sein scheint - was aber nicht bedeuten muss, dass sie irrt. Diese Spannung macht den großen Reiz der Serie aus.

Bespitzelt beim Sex

"Homeland" basiert auf einer israelischen Fernsehserie über die Heimkehr zweier Soldaten aus der Gefangenschaft. Bemerkenswert ist, dass die US-Version von Howard Gordon und Alex Gansa entwickelt wurde, zwei Drehbuchautoren, die schon bei "24" eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Doch während Jack Bauer als zwar brüchiger aber doch letztlich unantastbarer Superheld gezeichnet war, dessen Brutalität für den guten Zweck vom Publikum jederzeit akzeptiert werden konnte, ist die oftmals irrlichternde Carrie Mathison alles andere als eine originäre Sympathieträgerin. Ganz im Gegenteil: Sie agiert nicht gerade heldenhaft.

Carrie ist, wie die Serie insgesamt, zwar wenig gewalttätig, schert sich aber ähnlich wie ihr Kollege Bauer kaum um Vorschriften, wenn sie ein selbstgesetztes Ziel verfolgt. Weil sie keine Genehmigung bekommt, lässt sie auf eigene Faust die Wohnung des heimgekehrten Gefangenen verwanzen, und es kann einem beim Zuschauen schon etwas übel werden, wenn man sie dabei beobachtet, wie sie ihren ganz persönlichen Verdächtigen bei den privatesten Verrichtungen bespitzelt - bis hin zum missglückten Sex mit seiner Ehefrau.

Der von dem britischen Schauspieler Damian Lewis überzeugend verkörperte Heimkehrer Brody hingegen genießt auch unter stärkstem Verdacht die Sympathie des Publikums: Seine Frau (gespielt von der für ihre Rolle als zweifache Mutter und vermeintliche Kriegerwitwe irritierend attraktiven Morena Baccarin) hat sich zwischenzeitlich mit einem seiner Kameraden eingelassen, er muss seine beiden herangewachsenen Kinder ganz neu kennen lernen, zudem will das US-Militär den Kriegsmüden wieder in seine Dienste locken und als Posterboy zu Werbezwecken einsetzen.

Die Guten, die Bösen: Traurig sind sie alle

In "24" waren die Fronten noch klar geteilt in gute Agenten und böse Terroristen (mal abgesehen von Charles Logan, dem bösesten US-Präsidenten der TV-Geschichte), in der CIA-Verschwörungs-Serie "Rubicon", die nach nur einer Staffel eingestellt wurde, war das Böse schnell im militärisch-politisch-industriellen Komplex verortet.

In "Homeland" jedoch kann von solcher Klarheit keine Rede mehr sein. Die Ermittler agieren schmutzig, der Terrorist ist vielleicht gar keiner, traurig sind sie alle, und während in herkömmlichen Serien die Vertreter nicht-amerikanischer Mächte normalerweise als radebrechende, eindimensionale Unmenschen dargestellt werden, trägt in "Homeland" selbst der Chefterrorist die weichen Gesichtszüge eines Humanisten, der den Terror als Notwehr begreift.

Auf welche Seite man auch blickt, es sind gebrochene Charaktere, mit hehren Motiven vielleicht, doch jeder und jede verstrickt in eigene Schuld: Selten hat eine Serie den Krieg so gut beschrieben - obwohl kaum ein Schuss fällt.

In den USA ist "Homeland" auf dem Pay-TV-Kanal Showtime zu sehen. Noch ist nicht bekannt, ob sich ein deutscher Sender die Ausstrahlungsrechte an "Homeland" gesichert hat. Man könnte ihm nur dazu gratulieren.

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1.
pema59 05.12.2011
Zitat von sysopEine CIA-Agentin mit Psycho-Problemen, ein Kriegsheld unter Terrorverdacht. Die Serie "Homeland" thematisiert die Schattenseiten von Amerikas "Krieg gegen den Terror". So klar wie kein TV-Format zuvor zeigt der Mehrteiler, was die permanente Paranoia aus dem Land der Freien gemacht hat. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,801307,00.html
da ich alle folgen (die gesendet wurden)gesehen haben kann ich ihnen nur zustimmen .am anfang habe ich es nicht fuer moeglich gehalten das das eine us serie sein soll. jede rolle ist perfekt besetzt .
2. Paranoia
evi_drin 05.12.2011
Schade, da hätte man im Kontext "Amerika" viele schöne Dinge schreiben können. Insbesondere über Republikaner und ihre Ängste vor allem und jedem ausserhalb ihres Minimalst-Horizontes. Oder grundsätzlich über die Paranoia genetische bedingte Charakteristikum der Konservativen (sonst gäbe es ja keine Konservativen); aber vielleicht denkt man darüber noch an anderer Stelle nach.
3. .
Rooo 05.12.2011
Zitat von pema59da ich alle folgen (die gesendet wurden)gesehen haben kann ich ihnen nur zustimmen .am anfang habe ich es nicht fuer moeglich gehalten das das eine us serie sein soll. jede rolle ist perfekt besetzt .
Ich weiß ja nicht, was Sie bisher für US Serien geschaut haben, aber ich kenne jede Menge gute. Im Durchschnitt sind US Serien vermutlich sogar besser als US Spielfilme. Auch ich habe bisher jede Folge gesehen und muss sagen, dass es mich in den Bann gezogen hat, aber Serien von Showtime sind eigentlich fast immer gut. Die erste Staffel von Dexter halte ich für noch mal deutlich stärker. HBO macht natürlich auch tolle Serien.
4.
b-r-k 05.12.2011
---Zitat--- Noch ist nicht bekannt, ob sich ein deutscher Sender die Ausstrahlungsrechte an "Homeland" gesichert hat. Man könnte ihm nur dazu gratulieren. ---Zitatende--- Schade nur, dass jeder Sender selbst die beste Serie zunächst "kaputt-synchronisiert" bevor er sie dann vielleicht 2013 ausstrahlt. Da kann ich nur all den Leuten die niederländisches TV empfangen können, empfehlen, sich die Sonntage ab dem 1.1.2012 frei zu halten. Da soll die Serie auf NL 3 starten.
5. .
CStonre 05.12.2011
Zitat von sysopEine CIA-Agentin mit Psycho-Problemen, ein Kriegsheld unter Terrorverdacht. Die Serie "Homeland" thematisiert die Schattenseiten von Amerikas "Krieg gegen den Terror". So klar wie kein TV-Format zuvor zeigt der Mehrteiler, was die permanente Paranoia aus dem Land der Freien gemacht hat. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,801307,00.html
In "24" agieren die Ermittler auch schmutzig und der Bösewicht von Homeland hört auf den subtilen Namen Abu Nazi(r). Same procedure as every day...
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