Mystery-Serie "The Leftovers" Wenn Trauer zu Terror wird

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HBO

Da hilft nicht die Ratio und auch keine Religion: In "The Leftovers", der neuen Serie von "Lost"-Schöpfer Damon Lindelof, verschwinden zwei Prozent der Menschheit spurlos. Die Zurückgebliebenen ringen um eine Erklärung - und um ihren Verstand.

Das schreiende Baby auf dem Arm, das Handy am Ohr, nebenbei noch schnell ein paar Sachen in den Warenkorb klauben: Die junge Frau im Supermarkt spricht es nicht aus, aber man kann ihre Gedanken an ihrem erschöpften Gesicht ablesen: "Kann das Balg nicht einfach mal die Klappe halten?" Wenige Minuten später, als die Frau in ihrem Auto sitzt, verstummt der Kleine tatsächlich, doch die wohltuende Ruhe ist trügerisch.

Baby Sam ist verschwunden, einfach weg. Zusammen mit zwei Prozent der Weltbevölkerung. 140 Millionen Menschen, jeder 50. Erdbewohner, Alte wie Junge, Kranke wie Gesunde, Frauen wie Männer, der Papst ebenso wie Jennifer Lopez oder Salman Rushdie, wurde von einem Moment auf den anderen aus seinem Leben und sozialem Umfeld gerissen, ohne erkennbares Muster, ohne Erklärung, scheinbar ohne jeden Sinn.

"The Leftovers", basierend auf dem gleichnamigen Roman von Tom Perotta ("Little Children"), der auch am Drehbuch mitschrieb, erforscht, wie die Gesellschaft mit der Unerklärlichkeit des menschlichen Verlustes umgeht. Man ahnt: Sie beginnt, sich an den Ränder aufzulösen, die nicht durch Religion oder Ratio zu stillende Trauer verwandelt sich in Terror, einem Gift des existenziellen Zweifels, unter dessen Einfluss sich der soziale Zusammenhalt einer Kleinstadtgemeinde aufzulösen beginnt.

Schauplatz der Handlung ist das fiktive Örtchen Mapleton im US-Bundesstaat New York, wo Polizeichef Kevin Garvey (Justin Theroux) die Gedenkfeier zum dritten Jahrestag des großen Verschwindens überwachen soll. Die Menschen seien bereit, sich endlich besser zu fühlen, schwört die engagierte Bürgermeisterin ihr Festkomitee beim letzten Meeting ein, doch Garvey hat eine düstere Vorahnung: "Niemand ist bereit, sich besser zu fühlen", unkt er, "die sind eher alle bereit, zu explodieren."

Der Heldentag wird zum Gemetzel

Wie einst Chief Brody in "Der weiße Hai" ist Garvey zunächst der Einzige, der spürt, dass die Bestie bereits ihre Kreise zieht. Besorgnis hat sich tief in seine Züge gegraben. Auch seine eigene Familie ist nach dem Ereignis zerbrochen. Was mit seiner Frau (Amy Brenneman) geschah, ist unklar, auf jeden Fall ist sie abwesend, weshalb sich seine Teenager-Kinder entfremdet haben: Tochter Jill (Margaret Qualley) wurde an der Schule zur latent aggressiven Außenseiterin, die sich auf Partys mit fatalistischem Gleichmut sexuellen Partyspielen hingibt; Sohn Tom (Chris Zylka) hat sich der Sekte des Wunderheilers Wayne (Paterson Joseph) angeschlossen, der vorgibt, Trauernde von ihrer Last befreien zu können.

Garvey selbst hat Visionen von einem jungen Hirsch, der ihm auf offener Straße vors Auto rennt oder über Nacht die Küche verwüstet. Nach Feierabend gibt er sich in der Kneipe dem Suff hin, während im Fernseher über der Bar religiöse Fanatiker mit Wissenschaftsvertretern um eine Erklärung ringen. Selbst eine staatlich eingesetzte Kommission, lernt der Zuschauer aus einem dieser TV-Schnipsel, kommt nach jahrelanger Ermittlung zu dem Schluss: "Wir wissen es einfach nicht."

Tatsächlich kommt es beim Festakt zum Desaster: Mitglieder der sogenannten Guilty Remnants (etwa: die schuldigen Hinterbliebenen) stören die rührselige Gedenkveranstaltung, indem sie Transparente hochhalten, auf denen die Bürger aufgefordert werden, "nicht mehr ihren Atem zu verschwenden". Der Tag wird zum blutigen Gemetzel zwischen denen, die noch hoffen und denen, die den Glauben verloren haben.

Die am Sonntag in den USA gestartete Show des Kabelsenders HBO ("True Detective",) greift damit das populäre Thema der postapokalyptischen Sozialstudie auf, das auch in vergleichbaren Serien wie "The Walking Dead" oder "Under The Dome" variiert wird. Fast wirkt "The Leftovers" wie eine invertierte Version der französischen Reihe "Les Revenants", in der die Toten in den Alltag zurückkehren. Auch für Schöpfer Damon Lindelof ist es eine Umkehrung seines letzten großen Serienthemas: Anders als in "Lost" beschäftigt er sich nicht mit den Wenigen, die aus ihrer Existenz gerissen wurden, sondern mit denen, die weiterleben müssen.

Regisseur Peter Berg ("Lone Survivor") lässt sich im Pilotfilm viel Zeit, um die Einzelschicksale der Hauptakteure ohne große Effekthascherei oder allzu viele Serienklischees zu etablieren und unterschwellige Spannung aufzubauen. Allein die aufdringlich-melodramatische Klaviermusik von Max Richter geht manchmal an die Nerven.

Ansonsten schürt der Pilot durchaus Interesse und Lust, in den kommenden zehn Episoden der ersten Staffel schrittweise zu erfahren, was sich hinter dem Mysterium verbirgt. Oder eben auch nicht. Da die Handlung aber durch Perottas Roman vorgegeben ist, bleibt "The Leftovers" eine auf Dauer ermüdende und am Ende implodierende Schnitzeljagd nach "Lost"-Vorbild hoffentlich erspart.


"The Leftovers" ist im englischen Original in Deutschland über Sky Go zu sehen.



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Kiste 01.07.2014
1.
Die genannten Vergleiche "Under the dome" und "The walking dead" sind ziemlich kruder Mist. Daher blicke ich pessimistisch auf die neue Serie. Der Plot hört sich ja auch reichlich bescheuert an.
superluger 01.07.2014
2.
Wenn die erste Staffel ein Erfolg wird kommt halt wie bei LOST Staffel 2, 3, 4, 5 ....... bis man es nicht mehr anschauen kann.
Olaf 01.07.2014
3.
Zitat von KisteDie genannten Vergleiche "Under the dome" und "The walking dead" sind ziemlich kruder Mist. Daher blicke ich pessimistisch auf die neue Serie. Der Plot hört sich ja auch reichlich bescheuert an.
Das ist so eine Grundstimmung. Seit der Jahrtausendwende haben alle immer mehr Angst vor dem drohenden Weltuntergang. Nur die Szenarien ändern sich immer wieder. Klimawandel, Atomkraft, Gentechnik, Fracking irgendwas ist ja immer. Früher war der Spinner mit dem Schild "Das Ende ist nah!" eine häufig verspottete Figur in Witzen. Heute würden sie ihn alle fragen, was sie denn dagegen tun sollen. Wird Zeit, dass dieser Wahnsinn aufhört.
daniel_hübner 01.07.2014
4.
Na hoffentlich geht es weiter. Es wäre wirklich sehr ärgerlich, wenn nach 10 Folgen Schluss wäre ohne wirklich ein Schluß zu bekommen. Einige vielversprechende Serien starben bereits einen frühen Quotentod und liessen die Zuschauer völlig im unklaren. (Surface, Nemesis, ...)
biber01 01.07.2014
5. Diese
Endzeitsehnsucht scheint aber hauptsaechlich ein US-Phaenomen zu sein. Gefuehlte 50 % der US- Dokus bei N24 o. NTV beschaeftigen sich Menschheitsbedrohenden Wetter-, Weltraum-, Meeres-, o Erdkrustenphaenomenen. Auch potentielle Alienattacken werden immer oefter angefuehrt. Und nicht zu vergessen die religiösen Endzeitvisionen.. Die US-Amerikaner scheinem dem Untergang der Menschheit unterhaltsames abgewinnen zu koennen...
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