US-Serienphänomen "Glee": Glückselig machender Gesangverein

Von Nina Rehfeld

Hier prallt "High School Musical" auf "The Office". Die erfolgreiche US-Fernsehserie "Glee" erzählt singend und tanzend die Geschichte eines Musical-Clubs - und prangert fröhlich Popularitäts- und Perfektionssucht an. Jetzt startet das Phänomen endlich in Deutschland.

US-Serie "Glee": Die wichtigsten Charaktere Fotos
Super RTL/ FOX

Mit Musicals ist das so eine Sache. Alle paar Minuten gibt es einen dramaturgischen Nervenzusammenbruch, und dann werden plötzlich kitschige Regenbögen in die Luft gewischt und Köpfe an Schultern gelehnt. Manchen überkommt das große Seufzen. Nicht aus Rührung, sondern aus Ekel.

So könnte es passieren, dass so mancher Musical-Verächter glatt an der Fernsehserie "Glee" vorbeischaltet, wenn hier das Wort "Musical" fällt. Aber was für ein Fehler wäre das!

"Glee", die Geschichte eines Highschool-Lehrers, der einen Musical-Club zu neuem Leben erweckt, stammt nämlich aus der Feder von Ryan Murphy, der die Fernsehwelt zuletzt mit dem abgründigen Schönheitschirurgen-Drama "Nip/Tuck" beschenkt hat. Murphy inszeniert eine Art "High School Musical" im Tonfall von "The Office" mit dem Herzen von "My Name is Earl" und der Musik von Beyoncé, Lady Gaga und Kanye West. Diese Kombination klingt gewagt, gehört aber zu den erfolgreichsten US-Fernsehformaten der vergangenen zwei Jahre - und kommt nun auch ins deutsche Fernsehen. Der eigentlich auf Kinderformate abonnierte Minisender Super RTL zeigt das poppig bunte, aber durchaus hintersinnige Schulspektakel ab 17. Januar immer montags zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr.

Murphy hat seine Serie in der "New York Times" als "postmodernes Musical" beschrieben. Er habe keine Lust auf ein Stück gehabt, in dem die Akteure plötzlich in Gesang ausbrechen. Gesungen und getanzt wird hier strikt im Rahmen von Proben und Vorführungen - oder in der Phantasie der Akteure.

"Shock and awe" mal anders

Natürlich geht es auch in "Glee" um den ewigen Kampf gegen das Vorurteil, dass Singen und Tanzen irgendwie schwul ist. Aber hier erhalten nicht nur Außenseiter - die pummelige, stimmgewaltige Mercedes (Amber Riley), der Rollstuhlfahrer Artie (Kevin McHale) und der heimlich homosexuelle Kurt (Chris Colfer) - eine Chance, sie selbst zu sein, sondern auch der linkische Football-Quarterback Finn (Corey Monteith) und die von Ehrgeiz zerfressene Rachel (Lea Michele). Zu den besten Szenen der ersten Staffel zählt jene, in der das Football-Team der Schule mitten auf dem Platz aus lauter Verzweiflung über ein fast verlorenes Spiel in eine hysterische Performance von Beyoncés "Put a ring on it" ausbricht. "Shock and awe" mal anders.

Es gibt noch andere Gründe, die Augen zu verdrehen. Denn "Glee" spielt im Highschool-Milieu, wo der Popularitätswahn zwischen Cheerleadern, Sportskanonen und Geeks, den unbeliebten Außenseitern, die weder durch aufregendes Aussehen noch durch sportliche Top-Leistungen zu bestechen wissen, erste hässliche Knospen treibt. Und Drama an der Highschool ist bei Murphy nicht auf den Hormonsturm der Kids beschränkt, es ist auch institutionell verwurzelt. Die William McKinley Highschool steht derart unter finanziellem Druck, dass Rektor Figgins (hinreißend: Iqbal Theba) die Aula an Treffen der Anonymen Alkoholiker vermietet und seinen Schülern hin und wieder Ankündigungen wie diese macht: "Liebe Kinder, wer heute die Ravioli gegessen und keine aktuelle Tetanus-Impfung hat, meldet sich umgehend bei der Krankenschwester."

Sue Sylvester, die das Cheerleader-Team coacht, feuert ihre "Darstellerinnen" mit Worten an wie: "Ihr findet das hier hart? Versucht's mal mit Hepatitis C - das ist hart!" Und Rachel, eine Oberschülerin, die ihr beachtliches Talent mit bebenden Nasenflügeln zelebriert, sagt todernst: "Heutzutage ist Anonymität noch schlimmer als Armut. Ruhm ist das Allerwichtigste in unserer Kultur."

Oh Gott, kommt Justin Bieber?

"Glee" hingegen ist ein gelungenes Gegengift zum enervierenden Ruhmgeheische von Sternchenmaschinen wie dem DSDS-Pendant "American Idol". Es ist übrigens kein Zufall, dass der Sender Fox, der den Quotenknüller "American Idol" im Programm hat, "Glee" nur wenige Stunden nach Ryan Murphys Präsentation eingekauft hat.

Man muss Murphy dafür lieben, dass er die Geltungssucht auf der Bühne von der hellen Freude am Singen und Tanzen trennt, dass er Musik und Tanz als Ausdrucksform des Innenlebens, nicht bloß als Vehikel für Reichtum und Popularität zurückerobert. Und dass er Kreativität nicht als Turnübung oder angesagte Freizeitbeschäftigung definiert, sondern als reine Lust, sich künstlerisch zu verwirklichen. Ein "Glee Club" wäre in Deutschland wohl ein schnöder Gesangverein, doch das amerikanische Wort "glee" übersetzt man am besten mit überbordender Fröhlichkeit, sich Bahn brechender Glückseligkeit. Keine Spur von angestrengter Kunstsinnigkeit.

Schon mit der ersten Staffel - in den USA läuft derzeit die zweite - ist die Serie zu einem solchen Kultphänomen geworden, dass Musikstars wie Coldplay und Billy Joel den Machern der Show inzwischen freimütig bis aufdringlich ihre Songs zur Verfügung stellen. Britney Spears und Gwyneth Paltrow haben vielbeachtete Gastauftritte bei "Glee" absolviert. Paltrow, die eine Aushilfelehrerin namens Holly Holliday spielte, musste sich in der betreffenden Episode von einem Clubmitglied anmaulen lassen: "Du bist über 40. Was weißt du schon von Musik?" Britney Spears erscheint den Kids in einer Episode im halluzinatorischen Rausch, den ein Zahnarztbesuch hervorruft. Seit ein paar Wochen fachen Gerüchte, Teenie-Star Justin Bieber plane einen Gastauftritt, das "Glee"-Fieber neu an.

Größer als Fernsehen

Die Serie ist mehr als Wohlfühl-TV oder harmlos-amüsantes Teenager-Drama. Sie richtet den Blick durchaus auf die Bigotterie und den Perfektionswahn der US-Gesellschaft. Finns Freundin Quinn (Dianna Agron) ist Vorsitzende des Keuschheitsclubs, reizt ihn bei gemeinsamen Kuscheleien aber derart, dass der sich nur mit der Verbildlichung eines schrecklichen Autounfalls zu helfen weiß. Die Schulpsychologin Emma (Jayma Mays) leidet unter einem Reinlichkeitssfimmel, der die Phobien von Tony Shaloubs Detektiv Monk aus der gleichnamigen Serie lächerlich erscheinen lässt, will sich das aber nicht eingestehen. Und Terri (Jessalyn Gilsig), Ehefrau des Lehrers Will Schuester, steigert sich unter dem Druck ihrer eigenen Heile-Welt-Ansprüche in eine Scheinschwangerschaft. Als der Arzt ihr eröffnet, dass ihre Gewichtszunahme "wahrscheinlich vom Essen kommt", beschließt sie, die Lüge weiterzuleben um damit Will unter Druck zu setzen.

In den USA ist "Glee" längst größer als Fernsehen. Im vergangenen Jahr gab es eine Live-Tournee durch vier Städte, die Mitte 2011 in Europa fortgesetzt werden soll, der Soundtrack der Serie ist ein Bestseller auf iTunes. Vier Emmys und einen Golden Globe hat "Glee" schon gewonnen, in diesem Jahr ist die Serie erneut mit Nominierungen überhäuft. Lea Michele, die Darstellerin von Supersternchen Rachel, die sich im vergangenen Herbst unter heftiger Kritik von Amerikas Moralwächtern in Lolita-Pose im Männermagazin "GQ" präsentierte, hofft bereits auf einen Plattenvertrag und eine Filmkarriere.

Und Serien-Schöpfer Ryan Murphy? Der muss sich jetzt Gedanken machen, wie er und "Glee" den enormen Ruhm verkraften sollen. Singen und Tanzen hilft bestimmt.

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1. Werden Serien nur noch in den USA produziert?
README.TXT 16.01.2011
Wieso sieht man hierzulande nix von der BBC oder aus anderen Ländern? Amiserien sind einfach nur öde, egal wie sehr sie von der Presse hochgejazzt werden.
2. wozu Titel?
tsuru 16.01.2011
Zitat von README.TXTAmiserien sind einfach nur öde, egal wie sehr sie von der Presse hochgejazzt werden.
Das ist jetzt dann doch etwas zu pauschal. Dass viel Mist produziert wird, und ich dies hier kaum schauen werde, mag sein, aber das heisst nicht, dass alles, was von dort drüben rüberschwappt, Mist ist.
3. Na...
Gungan 16.01.2011
...endlich. Sie ist endlich da! Endlich, endlich, endlich. Es wäre furchtbar wenn sie unendlich wäre.
4. ...
räbbi 16.01.2011
Naja nix gegen die englischen (IT-Crowd find ich super), is Geschmackssache, aber ich schaue eigentlich gerne und viel amerikanische Serien - aber wenn dann nur im Original. Synchronfassungen hab ich mir abgewöhnt...Filehoster sind ne tolle Sache Zu Glee - die erste Staffel fand ich gut - am Anfang der zweiten ging's imho aber schon deutlich abwärts mit Ideen und Qualität..."it has jumped the shark"...wie der Ami so schön sagt. Wird im deutschen Fernsehen untergehen ohne jemals große Spuren hinterlassen zu haben, wie viele andere gute ausländische Serien auch. Irgendwie funktionieren bein deutschen nur Sitcoms und CSI so richtig gut.
5. .
takeo_ischi 16.01.2011
Zitat von README.TXTWieso sieht man hierzulande nix von der BBC oder aus anderen Ländern? Amiserien sind einfach nur öde, egal wie sehr sie von der Presse hochgejazzt werden.
Glee ist nicht unbedingt mein Fall. Wobei die Rolle der Sue Sylvester von Jane Lynch schon emmyverdächtig gespielt wird. Wenn schon unbedingt Highschool, dann wäre Pretty Little Liars mein guilty pleasure. Sie zeigen mit Ihrem Post aber nur, dass Sie keinerlei Ahnung von der Vielfältigkeit aufwendig produzierter US-Serien haben. In jedem Genre finden sich sehr gute Produktionen. Eine pauschale Abqualifizierung ist da fehl am Platz. Mittlerweile schwappen auch mutigere Serien zu uns ins Frei-TV rüber. So lief schon vor greaumer Zeit z.B. Dexter. Bald läuft z.B. True Blood bei RTL II an. Vor kurzem lief meine derzeitige Nr. 1 Serie Breaking Bad auf arte. Mad Men läuft auf ZDFneo. Man könnte lange noch weiter so Namedropping betreiben. Von der BBC sieht man hierzulande auch schon viel (und es soll noch mehr werden). Torchwood, Life On Mars, Spooks,.... Derzeit läuft auf ARD die sehenswerte Miniserie Yorkshire Killer. Dieses Jahr im Sommer soll auch noch Moffats sehr guter Sherlock kommen.
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