Umgang mit Vergewaltigungsopfern Doppelt traumatisiert

Wenn man im Gerichtssaal den eigenen Missbrauch auf Video anschauen muss: Eine Doku begleitet Frauen, die Anzeige gegen ihre Vergewaltiger erstatteten. Was muss sich ändern, damit keine zweite Tortur ansteht?

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"Ich wusste nicht, was richtig und was falsch ist und ob ich das Richtige tue." So beschreibt die Zeitsoldatin Nora in der WDR-Doku "Vergewaltigt. Wir zeigen an!" ihren Zustand, nachdem ein Offizier sie auf ihrer Stube missbraucht hat und sie ihn anzeigt. Warum weiß eine Frau nach einer Vergewaltigung nicht mit Sicherheit, dass es richtig ist, wenn sie sich an den Polizei wendet?

Die wenigen Studien, die es gibt, legen zumindest nahe, dass die große Mehrheit schweigt: Eine repräsentative Befragung des Familienministeriums von 2004 kam zu dem Ergebnis, dass von den Frauen, die angaben, sexuelle Gewalt erlebt zu haben, nur fünf Prozent Anzeige erstatteten.

Bestimmt hat sich seitdem einiges geändert, zuletzt durch die Verschärfung des Sexualstrafrechts im Jahr 2016 und ganz aktuell durch die #MeToo-Debatte - aber vermutlich ist es auch noch immer nur ein Bruchteil der Frauen, die sich zu diesem Schritt entscheiden.

Denn er ist immer noch mit Scham und Traumatisierung verbunden. Hinzu kommt ein sehr genaues Bewusstsein darüber, was es zu verlieren gibt, wenn man den Missbrauch öffentlich macht. Der Vergewaltiger stammt in den meisten Fällen aus dem eigenen sozialen Umfeld, das nun ins Wanken gerät, vielleicht ganz zerbricht. Wer sich wehrt, hält seinem Umfeld vielleicht auch den schwer erträglichen Spiegel vor, nicht richtig hingeschaut zu haben.

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Doku über vergewaltigte Frauen: "Ein Thema, das will keiner"

Das Gefühl der Hilflosigkeit wird verdoppelt

Der Titel der WDR-Doku "Vergewaltigt. Wir zeigen an!" klingt missverständlich nach Empowerment, als wolle sie zu mehr Mut aufrufen - tatsächlich zeigt Filmemacherin Nicole Rosenbach aber sehr schmerzhaft auf, was alles passieren kann, wenn sich Vergewaltigte an Behörden wenden.

Da ist die Soldatin Nora, die von einem Mann K.o.-Tropfen verpasst bekommt. Der tut am nächsten Morgen so, als wäre alles einvernehmlich gewesen. Ihr Vorgesetzter wird ihr erst eintrichtern, sie zerstöre das Leben eines Kameraden, und die Kriminalbeamten werden sie danach fragen, ob sie zu "freizügigem Verhalten" neige: "Wenn mein Partner nicht draußen gewartet hätte, wäre ich zur nächsten Brücke und runtergesprungen." Da ist Lisa, die einen Mann im Internet kennenlernt und dann missbraucht wird. Später erfährt sie, dass er wegen versuchten Totschlags verurteilt und schon mal wegen Vergewaltigung angezeigt wurde - ihr Fall ist auch dreieinhalb Jahre nach Anklageerhebung noch nicht verhandelt.

Da ist auch Anna, 19, die von zwei Bekannten vergewaltigt wird, die Täter filmen den mehrfachen Missbrauch. Die Verteidigung pocht darauf, sie habe freiwillig mitgemacht. Obwohl ihre Anwältin vorträgt, dass das zu einer erneuten Traumatisierung führen könnte, ordnen die Richter an, dass Anna sich die Szenen mit Anwälten und Tätern im Gerichtssaal noch mal anschaut. Sie bricht zusammen.

Das Gefühl, sie müsse für sich selbst vorsorgen

Solche Erfahrungen verdoppeln das Gefühl der Handlungsunfähigkeit. Was helfen kann? Rosenbach lässt Anwältinnen und Verbandssprecherinnen zu Wort kommen. Während es in vielen Dokus und Talkshows häufig eine klare Männermehrheit gibt, sind es hier übrigens mehrheitlich Expertinnen, die sich öffentlich äußern - hier wird klar, dass Gender für Verständnis und Engagement für Vergewaltigungsopfer noch immer eine große Rolle spielt.

Sie fordern unter anderem: Schulungen für Richterinnen und Richter für den Umgang mit Traumatisierten, um deren Glaubwürdigkeit angemessen einschätzen zu können, statt stereotype Verhaltensweisen zu erwarten. Und vor allem im ländlichen Raum eine bessere Versorgung mit Beratungsstellen und mehr Kommunikation über die rechtlichen Möglichkeiten nach einer Vergewaltigung - damit sich die Opfer nicht verkriechen und erst nach Tagen zur Polizei gehen, wenn sich die Spuren schon verflüchtigt haben; K.o.-Tropfen etwa sind oft nur wenige Stunden im Blut nachweisbar.

Auch wenn die Doku szenisch manchmal sehr öffentlich-rechtlich-plakativ in schummeriger "Aktenzeichen XY..."-Optik Übergriffsszenen nachstellt, zeigen vor allem die Interviewsequenzen - die Schilderungen der Opfer und die Einordnung der Expertinnen - dringend nötige strukturelle Veränderungen auf.

Durch diesen Ansatz versachlicht "Vergewaltigt..." jenseits von Schuldzuweisungen eine Debatte, die stark von Tabuisierung und erschreckenden gesellschaftlichen Vorstellungen von Mann, Frau und Sexualität geprägt ist. Eine Prägung, die sich vermutlich auch darin niederschlägt, dass das Thema von Politik und Gerichten lange Zeit nicht angemessen ernst genommen wurde - und wird.

Noras Vergewaltiger wurde aus der Bundeswehr entlassen und zu einer milden Strafe verurteilt, zu zwei Jahren auf Bewährung. Der Vorgesetzte, der ihre Mitschuld nahelegte, ist noch immer im Dienst. Ob sie eine berufliche Zukunft bei der Bundeswehr hat, weiß sie nicht.

Annas Vergewaltiger wurden zu fünf Jahren Haft verurteilt. Sie hat sich einen Hund angeschafft. Anna hat das Gefühl, sie müsse für sich selbst vorsorgen, wenn die beiden entlassen werden.


"Vergewaltigt. Wir zeigen an!" läuft am Montag, 28.5., um 20.15 Uhr in der ARD



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