Von Christian Buß
Erst kommt der körperliche Gewaltakt, dann der rhetorische: Wer als Opfer einer Vergewaltigung juristische Genugtuung sucht, setzt sich der Gefahr aus, nach der physischen Ohnmacht auch noch eine moralische erleben zu müssen. Auf dem Polizeirevier oder im Gerichtssaal werden möglicherweise Fragen gestellt, die wie eine Verhöhnung des Opfers klingen: Hat man sich gegen den Täter überhaupt gewehrt? Ja, hat man ihn vielleicht gar zur rabiaten Kontaktaufnahme eingeladen? Und gibt es überhaupt Beweise für eine wie auch immer geartete Straftat?
Ein paar der stärksten Justizthriller handeln von diesen Relativierungsprozessen, die oft einer publik gemachten Vergewaltigung folgen. Von Jonathan Kaplans "Angeklagt" (1988) mit Jodie Foster bis zu Dominik Grafs schmerzlich feinnerviger Münchner "Polizeiruf"-Folge "Der scharlachrote Engel" (2005) mit Nina Kunzendorf: Die weiblichen Hauptfiguren geraten während der Ermittlungen in einen Strudel immer neuer Zumutungen.
Das ZDF-Krimidrama "Es war einer von uns", das am Freitag auf Arte als Vorpremiere gezeigt wird, treibt die im Genre übliche Ohnmachtsspirale nun noch ein paar perfide Drehungen weiter: Das Opfer wurde hier mit K.O.-Tropfen außer Gefecht gesetzt; der Peiniger kann nur einer der Gäste der Party gewesen sein, auf der die junge Frau zuvor gewesen ist - und die war ausschließlich von den Leuten ihrer alten Clique besucht. Jeder einzelne ihrer Freunde wird auf einmal zum potentiellen Monster.
Dem brutalen Gewaltakt folgt die subtile Ächtung
Regisseur Kai Wessel, der schon in seinem preisgekrönten Post-DDR-Krimi "Das Geheimnis im Moor" die bösen umfassenden Wucherungen eines Verbrechens nachzeichnete, inszeniert die Vergewaltigung als totale Erschütterung der Lebenswelt der Opfers: Dem brutalen Gewaltakt, böser geht es nicht, folgt die subtile Ächtung.
Zugegeben, nicht immer kommt der Krimiplot mit seinen etwas plump gelegten falschen Fährten (Drehbuch: Astrid Stöher) hinter dem schwierigen Erzählauftrag her. Hauptdarstellerin Maria Simon aber fühlt sich trotzdem mit traumwandlerischer Sicherheit in die Rolle. Simon, die unlängst im ersten deutschen Bundeswehrkrimi "Kongo" zu sehen war und im Frühjahr eine feste Ermittlerinnenrolle im brandenburgischen "Polizeiruf" übernehmen wird, legt sich stets ohne Wenn und Aber in ihre Rollen.
Hier nun verkörpert sie das Gewaltopfer Johanna, das sich mit Aktionismus aus der psychischen Starre zu retten versucht. Weil sie niemandem eindeutig als Schuldigen ausmachen kann, wendet sie sich einfach gegen jeden einzelnen der möglichen Täter: ein Rachefeldzug gegen Unbekannt. Fast eine folgerichtige Entscheidung, wenn man sieht, wie sich die alte Clique unter dem Druck des ungeklärten Verbrechens von der Freundin abwendet. Man wirft liebe Blicke und verteilt ausgiebig Streicheleinheiten, hinterm Rücken aber zeigt man der Versehrten einen Vogel.
Zwischen letzten Vollgaspartys und ersten zähen Familienbrunchs
Illoyalität reiht sich an Illoyalität: Erst steckt Ex-Lover Henning (Hans-Jochen Wagner) der Polizei, dass Johanna in Studentenzeiten gerne mal eine Nase Koks genommen hat und suggeriert damit, dass die K.O.-Tropfen möglicherweise eine weitere selbst initiierte Drogeneskapade darstellen. Dann wendet sich auch noch Busenfreundin Leonie (Anja Kling) von ihr ab, weil Johanna deren Lebensgefährten Björn (Devid Striesow) der Tat verdächtigt. Wie ein Berserker hat der Jungarchitekt für Leonie und die gemeinsame Zukunft geackert, gerade hat man die Verlobung bekanntgegeben. Wer lässt sich schon, Busenfreundin hin oder her, sein Pärchenglück verderben?
In der Beschreibung des zerbrechlichen Mittdreißiger-Kosmos liegt denn auch die große inszenatorische Kunst dieses Krimidramas: Zwischen den letzten Vollgaspartys (oje, schon wieder der abgenudelte "Pulp Fiction"-Soundtrack!) und den ersten zäh sich hinschleppenden Familienbrunchs samt Krabbelkindergenerve, zwischen letzten gierig aufgesaugten Joints und ersten feierlich präsentierten 100-Euro-Weinen träumt ein jeder vom Ankommen und von sicheren Verhältnissen.
Eine Vergewaltigung im allernächsten Umfeld brächte den eigenen Lebensentwurf ins Wanken, ließe die so lange verfolgten Träume platzen. Deshalb wird liebevoll geleugnet, was nicht sein darf. Ganz sanft versucht die Clique ihre Freundin davon zu überzeugen, von der Strafverfolgung abzusehen - wie wäre es stattdessen denn mit einer Therapie?
Unter dem lämmchensanften Gesäusel könnte man leicht übersehen, dass dem Opfer hier ein zweites Mal zugesetzt wird. Es gilt wieder mal: Erst kommt der körperliche Gewaltakt, dann der rhetorische.
"Es war einer von uns", Freitag 20.15 Uhr, Arte
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