Veronica Ferres als Bundeskanzlerin Einigkeit und Sex und Freiheit

Zwischen Staats- und Hormonhaushalt: Im Sat.1-Movie "Die Staatsaffäre" verliebt sich Veronica Ferres als emotional vernachlässigte Kanzlerin in den französischen Staatspräsidenten. Muss das sein?

SAT. 1

Von Peter Luley


Treffen sich die schlaflose deutsche Kanzlerin und der schlaflose französische Staatspräsident beim Europa-Gipfel nächtens in der Hotel-Großküche. Sie holt sich Milch, er macht sich Rührei. Befeuert vom würzigen Geschmack des beigemischten Majorans entspinnt sich eine Amour fou zwischen den Regierungschefs.

Was klingt wie ein bemühter Scherz, ist eine Schlüsselszene aus dem Sat.1-Film "Die Staatsaffäre" mit Veronica Ferres als Bundeskanzlerin Anna Bremer und Philippe Caroit als Präsident Guy Dupont, der am Dienstag bei Sat.1 läuft. Wie um die Realitätsferne des Plots zu betonen, servieren die Drehbuchautoren Don Bohlinger und James Dutcher auch noch eine unglaubliche Vorgeschichte dazu: Die beiden Politiker hatten in der Nacht des Mauerfalls vor 25 Jahren in Berlin einen One-Night-Stand und erkennen sich nun langsam wieder - derweil sie über ein Abkommen zum Atomausstieg verhandeln.

Nun muss eine absurde Handlungsprämisse nicht zwingend Negatives über einen Film aussagen - es könnte sich ja trotzdem um eine funkenschlagende Satire auf die politische Klasse handeln oder um eine romantische Komödie in ungewohntem Setting. Dem jedoch steht hier die Inszenierung von Michael Rowitz ("Das Wunder von Loch Ness") entgegen, die sich für keines der beiden Genres entscheiden kann.

Subventionen fürs David-Hasselhoff-Museum

Los geht die Unentschiedenheit schon mit der Hauptfigur: Einerseits soll diese Anna Bremer als aufopferungsvolle Arbeiterin erscheinen, die quasi mit ihrem Land verheiratet ist und den Beinamen Mrs. Tüchtig trägt. Andererseits sieht man sie kaum je beim Aktenstudium, sondern vor allem repräsentieren, wie eine Pubertierende über ihr Gefühlsleben räsonieren oder im Gehen Schriftstücke abzeichnen. "Was unterschreib ich?", fragt sie dann ihre Assistentin und bekommt Antworten wie "die Überarbeitung der Schifffahrtsverordnung, den Finanzplan für Griechenland und die Subventionen fürs David-Hasselhoff-Museum".

Überhaupt hat der Film eine unklare Haltung zu dem Milieu, in dem er spielt: Zwar sollen die großen politischen Themen (Atomausstieg, Arbeitsplätze, Zukunft) für Fallhöhe sorgen, der Zuschauer soll die zwei Protagonisten in ihren Gefühlen ernst nehmen. Immerhin wird wiederholt in Rückblenden die Romantik jener einen Nacht über den Dächern Kreuzbergs beschworen. Andererseits werden die Figuren mit Slapstick der Lächerlichkeit preisgegeben.

Kostproben: Guy Dupont kommt in Frankreich an die Macht, weil sein Vorgänger vor laufenden Kameras nackt in der Öffentlichkeit randaliert. Beim Gipfeltreffen fällt der italienische Regierungschef, begleitet von zwei Gespielinnen, der deutschen Kanzlerin ins Dekolleté. Als Anna Bremer ihn um Hilfe bittet, lässt er die Hosen runter.

"Dieses Staatsoberhaupt-Ding ist wirklich vertrackt"

Der vulgäre Humor, wie geschaffen, um die #Aufschrei-Bewegung in Raserei zu versetzen, macht indes auch vor der Entourage der Kanzlerin nicht Halt - wobei jeder Gag mindestens zweimal zum Einsatz kommt, quasi an- und abmoderiert wird. So scherzt ihr persönlicher Berater (Martin Brambach) über einen möglichen Wahlspot im Dirndl, da könne sie doch mal zeigen, was sie zu bieten habe - "zwei saftige Argumente". Und der französische Präsident werde sich beim Gipfel schon den "Leitwolf raussuchen, den mit den dicksten…" - "Eiern, wolltest du sagen", vollendet die Kanzlerin. Recht bald geht's dann mit Rührei weiter.

Die politischen Implikationen einer solchen Liaison werden dagegen nur auf erbärmlichem Niveau gestreift: "Dieses Staatsoberhaupt-Ding ist wirklich vertrackt", seufzt die Kanzlerin einmal - verkennend, dass sie diesen Rang gar nicht bekleidet.

Im Vergleich zu thematisch ähnlichen TV-Stücken schneidet "Die Staatsaffäe" schlecht ab. Hätte man Sat.1 nach der konsequent zotigen Guttenberg-Satire "Der Minister" (mit einer famosen Katharina Thalbach als Kanzlerin Murkel) und der betont nüchternen Wulff-Aufarbeitung "Der Rücktritt" durchaus ein Händchen für aktuelle Polit-Stoffe bescheinigen mögen, so setzt diese Klamotte der kleinen Sendertradition wieder ein Ende. Einblicke in die Mechanismen der Macht, wie sie kürzlich der ARD-Film "Männertreu" mit Matthias Brandt zumindest teilweise zu bieten hatte, fehlen völlig.

Und Veronica Ferres? Kämpft sich mit Körpereinsatz durch die krude Geschichte. Bei Bedarf (und vielleicht ein bisschen öfter) liefert die 49-Jährige immer noch naives Mädchen-Glucksen und schmachtende Rehblicke. Aber sie kann natürlich auch Pathos ("Ich muss an mein Land denken") und rotäugige Leidensmiene (wenn ihr die Unvereinbarkeit von Privatleben und Beruf zu schaffen macht).

Am Ende hat ihre Kanzlerin Anna in einer emotionalen Rede noch ein paar Ratschläge fürs Volk parat: "Die Liebe sucht sich immer ihren Weg." Und sie weiß auch, wie das in ihrem Fall funktionieren soll: "Mit Organisationstalent, Kompromissen, Humor, mit harter Arbeit - und mit gutem Sex!". Da lacht zumindest das Publikum im Film und ist begeistert.


"Die Staatsaffäre", Dienstag, 20.15 Uhr, Sat.1

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
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fredadrett 01.09.2014
1. Maschmeyer Seine
Mit der Entscheidung für den windigen Maschmeyer hat sie jegliche Reputation als Schauspielerin verloren. Man merkt es ja an den Rollen das es bergab geht.
schmusel 01.09.2014
2. Boah...
Ist jetzt aber nicht wahr!? Sat1 wieder mal...
aquarelle 01.09.2014
3. Fremdschämen
Der Einspieler ist bereits zum Fremdschämen ('Aber Missjö Le Präsidon....')
nicolai-bruno 01.09.2014
4. Warum ist so ein Film für SPON besprechungsrelevant?
Veronica Ferres hatte ihren schauspielerischen Höhepunkt 1994 als Carmen in "Voll Normaal" mit Tom Gerhardt. Ab da ging es ständig bergab, heutige Filme für Sat 1 etc. sollten eigentlich mit einem öffentlichen Aufführungsverbot belegt werden.
reever_de 01.09.2014
5. Kein Problem ...
Soll sie machen, aber wenn mich Frau Ferres auf der Mattscheibe anlächelt zuckt eh sofort die Hand zur Fernbedienung ...
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