Viagra-Doku auf Arte: Gefangen im Potenzknast
Für seine launige TV-Doku "Erectionman" hat der holländische Reporter Michael Schaap durchblutungsfördernde Pillen eingeschmissen und unter Produzenten und Konsumenten der Viagra-Industrie geforscht. Rammeln wir uns bald zu Tode?
Auf einmal war es weg, das unangenehme Wort Impotenz. Statt von der Unfähigkeit zum Geschlechtsverkehr sprach man plötzlich nur noch von erektiler Dysfunktion. Was vorher nach irreparablem Schaden im Getriebe klang, nahm sich jetzt eher wie ein kleines technisches Problem aus, das sich durch einen Ölwechsel beheben lässt. 1998 war das, und nicht zufällig verkaufte der amerikanische Pharmakonzern Pfizer in jenem Jahr erstmals seine Viagra-Pille.
Die Fernsehwerbung des Konzerns zeigte eine Frau um die 20, die sich offensichtlich bestens befriedigt in ihren Laken räkelt, um sich dann der Sexmaschine zuzuwenden, die sie in diesen Glückszustand versetzt hat - einem rüstigen Kerlchen um die 60. Das kommerzielle Zielobjekt der Potenzpillenhersteller war also klar: der Mann weit in der zweiten Lebenshälfte.
Gleichzeitig musste der Spot aber auch für jüngere Kerle attraktiv erscheinen: Wer sein Getriebe ordentlich am Laufen hält, dem kann ein Ölwechsel dann und wann auch nicht wirklich schaden. Jedenfalls gehen Experten inzwischen davon aus, dass potenzsteigernde Mittel inzwischen vor allem von jungen Menschen konsumiert werden. Immerhin gibt es offiziell weltweit 50 Millionen Verbraucher, und da der von China und Indien aus kontrollierte Schwarzmarkt statistisch kaum zu fassen ist, dürfte die wahre Zahl noch um ein Vielfaches höher liegen.
Einer dieser Unter-60-Kunden ist der niederländische Reporter Michael Schaap, der zum Ziele der Aufklärung einige Monate lang mit Dauererektion vor der Kamera stand. Eine Sache, die dem so mitteilungs- wie experimentierfreudigen Fernsehmann einerseits große Freude bereitete, andererseits aber auch in die Sinnkrise zu treiben drohte. Denn der Triebabbau gestaltet sich nun mal schwierig, wenn der Trieb sich nach jedem Abbau wieder und wieder aufbaut. Macht schier unerschöpflich erscheinende Potenz wirklich glücklich? Oder wird der Mann durch sie nicht eher zum Abhängigen der eigenen Lust? Gefangen im Potenzknast - so jedenfalls beschreibt Schaap seine Pillensause. Zur Illustration läuft er in seinem Film schon mal wie ein Irrer mit einer ausgebeulten Unterhose durchs Bild.
Als Mischung aus Oswalt Kolle ("Das Wunder der Liebe") und Sacha Baron Cohen ("Brüno") geht der Niederländer auf Recherchereise: In einer Männergruppe, in der bei Trommelübungen zivilisationsgeplagte Büro-Wallache den Hengst in sich wiederentdecken wollen, tut er ungefragt am Lagerfeuer seine durch Viagra entfachten Selbstzweifel kund: "Ist das tatsächlich meine eigene Erektion?" Das könne doch nicht der Sinn der Übung sein: "Ich onaniere zu einem kommerziellen Porno, und das mit Hilfe einer kommerziellen Pille." Die anderen Männer sind ratlos.
Ist Viagra vielleicht das neue Kokain?
Wenig Antworten bekommt der holländische Reporter, der sich wie ein Duracell-Hase durch die wunderbare Welt der Potenzsteigerung trommelt, auch in den USA beim Viagra-Erfinder Pfizer selbst, wo er sich mit dicker Hose und in Michael-Moore-Pose vor der Konzernzentrale postiert. Reden will aber keiner mit ihm - weshalb Schaap dann jenen Wissenschaftler aufsucht, der einst den Begriff "erektile Dysfunktion" zur Markteinführung von Viagra erdichtete. Dieser Wissenschaftler versichert nun, dass mindestens die Hälfte aller Männer, egal ob jung oder alt, unter diesem Problem leide.
Was aber ist denn nun genau eine "erektile Dysfunktion"? Leidet man schon unter einer solchen, wenn der Penis nicht im propperen 90-Grad-Winkel steht oder wenn er schon nach einigen Minuten schlappmacht? Genau in dieser Dehnbarkeit des Begriffs liegt dann wohl auch ein Teil des Erfolgsgeheimnisses des Pfizer-Produkts. Oder wie einer der Redakteure des amerikanischen "Playboys" erklärt: Männer würden einen Porno-Stenz bei seinem wirkungsvoll choreografierten und geschnittenen Akt zuschauen - und ihre eigene Performance dann als "dysfunktional" wahrnehmen. Die Pille erscheine also als perfekte Abhilfe bei einem Problem, das möglicherweise gar keines sei.
Auf einem Techno-Festival trifft Reporter Schaap dann gleich eine ganze Reihe von durchtrainierten Glatzen, die Packungen mit den blauen Pillen bei sich führen. Viagra ist hier das neue Koks. Wenn man Glück hat, wird es einem auch noch vom Doktor verschrieben.
Nichts gegen einen ordentlichen Exzess, und wer die Entfesselung im 24-Stunden-Beischlaf sucht, für den ist Viagra sicherlich eine feine Droge. Die Frage ist allerdings, wie weit dieses noch recht junge Produkt generell die Sicht auf die Sexualpraxis verändert hat. Vielleicht ist es weniger die viel beschworene Pornografisierung der Gesellschaft samt ihrer Bilderwelt, die junge Menschen zur libidinösen und doch oft ganz lustfreien Akkordarbeit anspornt, sondern vielmehr diese Pille. Ein interessanter Gedanke, den dieses über Strecken im erotomanen Kamikazeflug vollzogene Körperkulturfilmchen freilegt.
Michael Schaap guckt am Ende seines lustigen Selbstexperiments jedenfalls ziemlich ernst in die Kamera und malt aus, wie dieses Produkt bald immer mehr die Lebenswirklichkeit der Liebenden bestimmen wird. In sehr naher Zukunft werde Viagra neben den Kondomen im Supermarkt rumhängen, dann gebe es kein Können mehr, sondern nur noch ein Müssen. Die Abwehrformel "Schatz, heute nicht" habe bald keine Legitimation mehr.
Für den am Ende extrem erschlafften Dauerquassler Schaap kein Grund zur Freude, unglücklich prophezeit er in die Kamera: "Wir werden ficken bis zum Umfallen."
"Erectionman", Mittwoch 22.00 Uhr, Arte
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- Mittwoch, 06.10.2010 – 10:14 Uhr
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