Vielfalt im Kinderfernsehen Die Sendung mit dem Mann

Warum sich so wenig Mädchen für Naturwissenschaften interessieren? Gucken Sie ein paar Stunden Kinderfernsehen: weibliche Vorbilder? Fehlanzeige!

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Zur Autorin
  • Heike Kleen ist freie Journalistin und TV-Autorin für Talkshows in ARD, ZDF und NDR. Ihr Sachbuch "Das Tage-Buch" über weibliche Sexualität erschien 2017 im Heyne Verlag - darin will sie mit verbreiteten Vorurteilen aufräumen.

"Frag doch mal die Maus" könnte die perfekte Show für ein gemütliches Familienlagerfeuer sein. Doch die Mischung aus "Wetten, dass..?" und "Sendung mit der Maus" vermittelt Kindern nicht nur Wissen, sondern zementiert auch Geschlechterstereotype. Das Wissens-Quiz müsste korrekterweise "Frag doch mal den Mann" heißen - denn im Namen der Maus erklären in der aktuellen Ausgabe ausschließlich Herren die Schöpfung.

Männer erforschen Instrumente, Männer bilden Hunde aus, Männer testen Sportgeräte unter Wasser, Männer fliegen Drohnen, Männer erklimmen einen Turm - und ein Junge gewinnt einen Besuch bei einem Herrn Professor. Ein Sport-Moderator kommentiert all diese Männer-Wettbewerbe - und es ist müßig zu erwähnen, dass auch die Moderatoren im Studio allesamt männlichen Geschlechts sind: Eckart von Hirschhausen, Armin und Christoph als Urgesteine der "Sendung mit der Maus", die wie die "Muppets"-Opas Waldorf und Statler auf Ecstasy keinen Spaß auslassen. Und Ralph Caspers als perfekter Kinderinterviewer.

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Kinderfernsehen: Frag doch mal den Mann!

Es wird Zeit, den Begriff "Mansplaining" mit Anlauf in diese Männerrunde zu werfen, im Aufklärungs-Duktus der "Sendung mit der Maus" (Armins Stimme denken wir uns schnell dazu) klingt das ungefähr so: "Mansplaining ist, wenn Männer ununterbrochen alles erklären. Das meinen sie gar nicht böse, sie glauben einfach, dass sie klüger sind als Frauen. Klingt albern? Stimmt, aber das merken sie meist gar nicht."

Die Männer der "Maus"-Show machen ihren Job fabelhaft - aber fällt ihnen wirklich nicht auf, dass sie ein männliches "Könner-Kind" nach dem anderen auf die Bühne holen, das kluge Fragen stellen oder besondere Fähigkeiten unter Beweis stellen darf? Ein Mädchen lernt beim Zuschauen vor allem eins: Jungs können und dürfen alles, Männer haben tolle und wichtige Berufe.

Fernsehen als Identitätsstifter

Kinder entwickeln ihre Geschlechtsidentität durch Beobachtungen und Erfahrungen, und sobald sie wissen, ob sie Junge oder Mädchen sind, identifizieren sie sich vorrangig mit Gleichaltrigen und Erwachsenen des eigenen Geschlechts. Die entsprechenden Vorbilder finden sie in der Familie, in Erziehungseinrichtungen und in den Medien.

Bei aller Kritik am Fernsehen muss man ihm zugute halten, dass es Wissen vermitteln, Vielfalt zeigen und den Horizont erweitern kann. So hat das Medium die Chance, neue Rollenbilder zu etablieren - doch die nutzt es hierzulande nicht, im Gegenteil: Eine von der Schauspielerin Maria Furtwängler initiierte Studie zur Ermittlung von Geschlechterdarstellungen in deutschen TV- und Kinoproduktionen zeigte 2017 auf, dass im Kinderfernsehen eine von vier Hauptfiguren weiblich ist. Bei Fantasiegestalten kommt auf neun männliche Figuren sogar nur eine weibliche, und bei Informationssendungen moderieren zu zwei Drittel Männer.

ARD-Vorsitzende Karola Wille und KiKA-Programmgeschäftsführer Michael Stumpf setzten sich kritisch mit der Studie auseinander und gelobten gerade in Hinblick auf Wissenssendungen Besserung, doch das aktuelle Programm zeigt, dass Vorbilder für Mädchen hier nach wie vor fehlen: Von Fritz Fuchs ("Löwenzahn") über "Willi Wills Wissen" bis hin zu "Checker Tobi", der im Wechsel mit Checker Can oder Checker Julian Fragen beantwortet - von einer Checkerin fehlt jede Spur, weit und breit darf keine Frau durch Wissen und Intellekt überzeugen. Das Entdeckermagazin "Pur Plus" moderiert ein Eric, "Erde an Zukunft" ein Felix.

Zwei Randgruppen mit einer Klappe

Nur bei "Wissen macht Ah!" taucht neben Ralph Caspers endlich eine Moderatorin auf. Hier zeigt sich ein weiteres spannendes Phänomen: Wenn Frauen im Kinderfernsehen stattfinden, haben sie eine Doppelfunktion in Sachen Vielfalt - das stellen Clari, Shary und Siham unter Beweis. Die Grundidee ist richtig, aber in Produzenten-Köpfen geht vermutlich Folgendes vor sich: "Frau plus Migrationshintergrund, das sind zwei Randgruppen mit einer Klappe, damit haben wir einen Integrationspreis verdient und dürfen wieder mindestens drei Männer besetzen!"

Gegen Ende der "Maus"-Show keimte übrigens plötzlich Hoffnung auf: Nach zwei Stunden und 20 Minuten (das nur nebenbei: Welches Kind ist da noch wach?) hatte man offensichtlich den Schlüssel zum WDR-Frauenverlies wiedergefunden - ein weibliches Könner-Kind wird angekündigt! Und schon schwebt Ricarda herein im hautengen Einteiler auf Rollschuhen und legt eine beeindruckende Kür hin. Kurz darauf kommen noch mehr Frauen ins Bild, bauchfrei mit durchsichtig anmutenden Bustiers - sie tanzen mit Vanessa Mae, die schnell noch ihre Hose gegen Hot Pants ausgetauscht hat (nur fürs Protokoll: die männlichen Tänzer dürfen Schlabberlook tragen).

Jetzt kommt die knallharte Checker-Frage - exklusiv für Männer: Wie wirkt es sich auf das Selbstverständnis von Mädchen aus, wenn alle Fragen eines Wissens-Quiz von Männern gestellt und beantwortet werden, während ihre weiblichen Identifikationsfiguren nur auf die Bühne dürfen, wenn sie sexy Kostüme tragen und tanzen oder singen? Geben wir Mädchen damit das Gefühl, dass ihnen die Welt offensteht? Animieren wir sie, sich für Wissenschaft und Technik zu begeistern? Sind sie anschließend überzeugt, dass sie Professorin, Ingenieurin oder Programmiererin werden können?

Liebe "Checker", "Maus"-Redaktionen und Entdecker-Magazine, macht doch mal ein paar Sendungen zum Thema Stereotype und Geschlechterklischees! Aber wartet nicht zu lange - Kinder haben nicht fünf Jahre Zeit.

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insgesamt 165 Beiträge
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Seite 1
Mehrleser 27.08.2018
1.
Seltsam, trotz häufiger "Sendung mit der Maus" haben wir eine 100%-MINT-Rate bei unseren Töchtern - wie konnte das nur passieren? Darf natürlich nicht an der Persönlichkeit der Kinder oder gar an den Eltern liegen, dann wäre ja nicht mehr die "Gesellschaft" schuld.
wertzu99 27.08.2018
2. Wir sind nicht gleich...
...und werden es niemals sein. Der Versuch eine Utopie alltagstauglich zu machen erinnert mich an die Wirren des letzten Jahrhunderts und endet genauso in einem Identitaetschaos.
rubberducki 27.08.2018
3. Die Sendung mit der Maus ist meine Nr. 1 im TV
Das ist meiner Ansicht nach die BESTE Sendung im TV, die ich jemals habe genießen dürfen. Auch als älteres Semester schaue ich mir dieses lebensfreundliche TV-Format gerne an, wenn es die Zeitplanung zulässt. So simpel bringt sie Weltoffenheit, lustiges Wissen und auch Lebenskultur in jedes Wohnzimmer. Ein großes DANKE an die Macher!
prefec2 27.08.2018
4. Sendung mit der Maus
Bei der Snedung mit der Maus klappt das schon ganz gut. Mit Malin Büttner und Siham El-Maimouni gibt es schon zwei Moderatorinnen. Bei "Frag doch mal die Maus" handelt es sich ja um ein Spin-Off, welches zwei mal im Jahr kommt.
dertreuecharlie 27.08.2018
5. Anna und Paula
Seit Jahren aus Sendung aber offenbar unterhalb des Radars der Autorin: Anna und die wilden Tiere/Haustiere und Paula und die Wilden Tiere. Hebt die Quote zwar nur marginal. Aber Weiblich und ohne Migrationshintergrund.
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