ARD-Doku "Vier Wochen Asyl" Sie sind es uns nicht wert

Zu Gast im Asylbewerberheim: Die ARD-Doku "Vier Wochen Asyl" hätte ein oberflächlicher Versuch werden können, sich in das Elend der Heimbewohner einzufühlen. Tatsächlich ist den Reportern jedoch ein bewegender Einblick ins Leben der Geduldeten gelungen - schonungslos, auch gegen sich selbst.

rbb

Wer für einen Selbstversuch mal schnell seine Hände im Elend baden will, der darf sich nicht wundern, wenn das Ergebnis schmierig wird. Wie soll das auch gehen, besuchsweise Unglück zu erleben? Was soll es nützen? Zumal auf die Reporter, wie übel die Zustände vor Ort auch sein mögen, anders als für die echten Asylbewerber am Ende des Ausflugs eben doch wieder das eigene Leben mit seiner gediegenen Gutbürgerlichkeit in der sanierten Altbauwohnung wartet. Dennoch hat ein zweiköpfiges Reporterteam des RBB-Politikmagazins "Kontraste" das Dilemma nicht gescheut und sich offenen Auges in die Falle begeben, für einen Monat in einem Asylbewerberheim in der hessischen Provinz zu leben.

Zu Beginn scheint "Vier Wochen Asyl - Ein Selbstversuch mit Rückkehrrecht" die Befürchtungen zu bestätigen. Die Kamera inspiziert gerade den Schimmel an der Decke, als es aus dem Off heißt: "Das Gemeinschaftsbad ist nicht gerade einladend", was womöglich in der Natur eines Gemeinschaftsbads liegen könnte. Und kaum hat Reporterin Caroline Walter ihr neues Zimmerchen bezogen, das sie sich auch noch mit anderen Menschen teilen muss, barmt sie in die Kamera: "Ich sitze jetzt auf meiner neuen Matratze. Die ist superweich. Ob ich da schlafen kann, weiß ich noch nicht." Ach Gottchen. Erst später sehen wir, dass auch andere Insassen lieber auf ausgehängten Türen vom Sperrmüll schlafen, statt sich weiter dem rückenschädigenden Lager auszusetzen.

100 Menschen aus 13 Ländern sind in der Bruchbude im Industriegebiet eingepfercht, viel mehr als Ställe sind die überfüllten Zimmer wirklich nicht. Manchmal kommt der Hausmeister und kümmert sich, manchmal hält der Kontaktbeamte zu den Obrigkeiten Hof und verkündet, wessen Antrag abgelehnt, angenommen oder noch immer nicht bearbeitet ist. Menschen gibt es hier, die hängen seit zwei Jahren hilflos in einem Limbus aus Langeweile oder, wie Hamid aus Afghanistan sagt: "Ich fühle mich immer müde hier, immer. Ich habe keine Arbeit und nichts zu tun. Immer das Gleiche, was du machst, immer essen und trinken und schlafen, immer Fernsehen, jeden Tag." Die Reporterin fragt: Was macht das mit einem? "Also, wenn Sie noch bleiben einen Monat hier, Sie verstehen es selbst."

Mit 196 Euro im Monat auskommen

Wir lernen Leute kennen wie die kleine Sara aus Iran, die noch zur Schule geht und stolz ihr Zeugnis vorzeigt: Deutsch: ausreichend. Kunst: sehr gut. Ein Buch über Picasso hat sie gelesen und sich daraufhin selbst kubistisch porträtiert. Sie findet es im Heim "warm, zu eng, zu laut" und kann nicht schlafen. Später sehen wir die Reporterin im Dunkeln liegen, sich erst den Arm, dann die Bettdecke über den Kopf ziehend - aber die Geräuschkulisse aus plärrenden Fernsehern und lautstarken Gesprächen will einfach nicht verschwinden. Als nach zwei Wochen eine sichtlich gezeichnete Caroline Walter ihrer Kamera gesteht: "Mir geht's im Moment nicht so gut", da glaubt man es ihr sofort und versteht auch, warum.

Auch sie muss mit 196 Euro im Monat auskommen. Weil Fahrräder verboten sind, wird der weite Weg zum Supermarkt oft über Bahngleise abgekürzt, auf denen D-Züge daherrauschen. Und als berge das Beisammensein von teilweise schwer traumatisierten Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen nicht schon genug Konfliktpotential, werden im Heim auch noch deutsche Obdachlose untergebracht, die ihre ausgewachsenen Alkoholprobleme mitbringen.

"Die passen nicht in unser System"

Niemand sorgt sich in Vollzeit um das Haus oder seine Bewohner, an Wochenenden sind sie völlig auf sich allein gestellt. Die Struktur- und Perspektivlosigkeit hat Methode, wie auch die patente Deutschlehrerin irgendwann resigniert feststellt: "Das sind uns die Leute einfach nicht wert, die hier Bewohner sind". Kontakt mit den Einheimischen gibt es kaum, wohl aber Meinungen der Einheimischen zu den Asylsuchenden: "Die haben halt nicht dieses Niveau, wie wir's eben haben, diese Ausbildung und so weiter", sagt ein Passant: "Es sind zwar gesunde Menschen, wenn man sie so laufen sieht, es ist aber, wie man so sagt … die passen nicht in unser System."

Ins System passt dann schon eher der Arbeitslose vor der Trinkhalle nebenan, der sich ganz klassisch darüber beschwert, dass "die da" es ja wohl "in den Arsch geschoben" bekämen, während "wir Deutsche" für unser Geld arbeiten müssten. Dabei hat erst jüngst das Bundesverfassungsgericht eine Erhöhung der staatlichen Hilfen angeordnet, weil die gewährte Unterstützung für ein menschenwürdiges Existenzminimum nicht ausreicht. Und dabei wollen ausnahmslos alle Insassen arbeiten, Steuern zahlen, sich nützlich machen in einem Staat, der ihnen wenigstens ein Dach über dem Kopf gewährt: "Ich bin hergekommen wegen Problemen", sagt Hamid aus Afghanistan: "Wenn ich keine Probleme hätte, ich wäre in Afghanistan mit meinen Leuten, meiner Familie. In meinem Haus."

Große journalistische und menschliche Leistung

Kurz vor dem Ende des Experiments bemerkt Caroline Walter einen juckenden Ausschlag an ihrem Körper. Der Arzt stellt fest: Milben sind unter ihre Haut gelangt, es ist die Krätze. Weil sie unter den herrschenden Bedingungen unmöglich die erforderlichen hygienischen Maßnahmen ergreifen kann, behilft sich die Reporterin mit einer Creme - und stellt bald fest, dass fast alle Bewohner mit dem gleichen nutzlosen Mittelchen versuchen, die plagende Krankheit loszuwerden. In jeder anderen öffentlichen Einrichtung wäre das ein Fall fürs Gesundheitsamt. Hier werden die Milben geduldet, wie auch die Menschen nur geduldet werden.

Was Caroline Walter und ihr Team in nur knapp 30 Minuten zeigen, ist weitaus mehr, als man erwarten durfte. Eine detaillierte Miniatur staatlicher Teilnahmslosigkeit. Eine große journalistische, eine noch größere menschliche Leistung. Als die Reporterin am Ende auf ihren gepackten Koffern sitzt und gefragt wird, ob sie denn nun fertig sei, ist es, als würde ihr plötzlich die Doppeldeutigkeit der Frage bewusst. Sie wendet sich ab - und weint.



"Vier Wochen Asyl - Ein Selbstversuch mit Rückkehrrecht", 13. September, 21:45 Uhr, ARD



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Seite 1
Kurbelradio 13.09.2012
1.
Zitat von sysoprbbZu Gast im Asylbewerberheim: Die ARD-Doku "Vier Wochen Asyl" hätte ein oberflächlicher Versuch werden können, sich in das Elend der Heimbewohner einzufühlen. Tatsächlich ist den Reportern jedoch ein bewegender Einblick ins Leben der Geduldeten gelungen - schonungslos, auch gegen sich selbst. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,855577,00.html
Man sollte sich manchmal bewusst machen, wie gut man es hat, in Deutschland geboren zu sein und Arbeit zu haben. (Wenn man welche hat). Bis jetzt jedenfalls noch. Kann man sich vorstellen, fernab von Familie und Heimat, in einem Raum zu hausen, den man mit anderen teilen muss und ohne Perspektive? Ich kann es nicht. Respekt für die Reporter
jan07 13.09.2012
2. Schneller über Asyl entscheiden
Die Asylverfahren dauern viel zu lang. Über so einen Antrag muss maximal innerhalb von 4 Wochen entschieden werden. In der Zeit ist ein Heimaufenthalt für einen Bewerber ja wohl zumutbar. Wer dann akzeptiert wird, soll in die Gesellschaft eingegliedert werden, bis der Asylgrund entfällt. Abgelehnte Bewerber haben aber auch sofort zu gehen. Bewerber, die ihre Identität verschleiern, sowieso. Wer aber asyl gefunden hat, ist Asylant, aber kein Einwanderer. Auch das muss klar sein. Eigentlich einfache Prinzipien, aber nicht in der Bunten Republik Deutschland, in der unter dem Vorwand des Asyls Einwanderung betrieben wird.
mayazi 13.09.2012
3.
Haben Sie beruflich mit Asylbewerbern zu tun? Ich habe es nicht, aber ein Freund von mir, und da höre ich eher, dass die meisten tatsächlich Probleme haben. Es kann allerdings sein, dass sein Klientel nicht dem Durchschnitt entspricht. Ganz unabhängig von Problemen mit Verfolgung etc halte ich persönlich es auch für gerechtfertigt, wegen Hunger oder sonstigen schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen in ein anderes Land ziehen zu wollen. Mir ist jeder willkommen, der sich hier einbrigen möchte, eines Tages meine Rente zahlt und sich fleißig vermehrt. Die Deutschen bringen's da nicht so.
psypunk 13.09.2012
4. ...
...ich wünsche den "Experten" hier, die genau wissen, wer ein "Betrüger" ist einen mehrtägigen Aufenthalt in einer solchen Einrichtung. Den verantwortlichen Politikern natürlich auch!
Nania 13.09.2012
5.
Das ist eine ungeheure Unterstellung an all die Menschen, die hier in Deutschland entweder aus wirtschaftlichen Gründen - und damit meine ich nicht ein paar Euro mehr im Monat, sondern im Vergleich zu Ländern, in denen die Menschen so arm sind, dass sie zu verhungern drohen - oder aus Gründen der Kriegsführung (das braucht nicht weiter erklärt zu werden) Asyl suchen. Es ist Hohn und Spott für diejenigen, die gut ausgebildet aus ihren Heimatländern fliehen, ihr Zuhause und ihre Heimat hinter sich lassen in der Hoffnung auf Frieden und ein tägliches Essen. Es ist beschämend, dass es Leute in Deutschland gibt, die über das Elend dieser Menschen, die nicht besser hausen, als Vieh, hinweg sehen und sagen, dass sie alles Sozialschmarotzer sind. Das ist schlicht und ergreifend Blödsinn. Hier in der Stadt, in der ich wohne, hat mich in den 80er Jahren geschaut, wieviele Asylbewerber tatsächlich Sozialbetrug begehen, z.B. in dem sie häufiger Geld haben wollen. Die beeindruckende Prozentzahl von 1,2% kam dabei heraus. Das sind von 100 Asylbewerbern nicht einmal zwei. Und wegen dieser Wahnsinnszahl wird ein Aufstand gemacht, alle Asylbewohner seien schlecht? Das die Menschen häufig arbeiten wollen und nicht dürfen (und dabei selbst Arbeit machen würden, für die sich andere zu fein sind (Erntehelfer z.B.)), dass sie in verseuchten Rattenlöchern wohnen müssen, häufig mit mehr Leuten als gut ist auf einem Zimmer und unter hygenischen Umständen, die eher zu einem Entwicklungsland als zu einer Industrienation passen, wird schnell mal vergessen weil "die" ja dem Steuerzahler auf der Tasche liegen. Ja, die Steuerzahler kommen auch für das lebensunwürdige bisschen Geld auf, dass diese Menschen erhalten. Aber ist es dass nicht wert? Ist nicht das auch Teil einer Industrienation? Das sie Hoffnung für die Menschen ist, die herkommen? Die Asylbewreber sind wohl kaum an zu wenig Arbeit für die Menschen in Deutschland oder an der finaziellen Misslage auch deutscher Haushalte schuld. Aber dennoch sollten wir uns alle in der Hinsicht an die Nase fassen und mal ganz klar darüber werden, dass es diesen Menschen in Deutschland menschenunwürdig dreckig geht. Nein, das ist nicht tolerierbar. Das hat kein Mensch verdient.
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