Viren-Thriller "Faktor 8": So drastisch wie dämlich

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Wehe, wenn das Virus kommt. Zum Thema Schweinegrippe fällt ProSieben Apokalyptisches ein. Der trashige Pandemieschocker "Faktor 8" ist ideal für alle, die sich schon immer fragten: Soll man Seuchen-Jets abschießen, Hunderte Kranke deportieren oder ganze Inseln einfach mit Napalm ausrotten?

"ThrillTime"-Film: Trashfaktor 8 Fotos
ProSieben

Letzter Ausweg Google: Eigentlich soll der Airbus, der mit einer Ladung verseuchter Urlauber aus Fernost in Deutschland eingetroffen ist, in wenigen Minuten von einem Spezialkommando der Bundeswehr eliminiert werden. Denn die Forschung schaut vollkommen ratlos auf das aggressive Virus, das die Menschen an Bord befallen hat und das bei Untersuchungen unterm digitalen Vergrößerungsglas immer wieder in den grellsten Farben mutiert. Doch dann surft einer der Helfer bei Google Earth herum und stöbert dort eine unbewohnte Insel auf: Hey, warum nicht einfach alle Infizierten dahin ausfliegen?

Das sind die Lösungsvorschläge, die ProSieben für uns zum Thema Pandemie bereit hält. Gerade hatte Regisseur Rainer Matsutani ("Das Papstattentat") im vergangenen Frühjahr mit dem Dreh seines Viren-Thrillers begonnen, da sorgte die Schweinegrippe für erste Schlagzeilen. Der fertige Film wird nun vom Sender ohne jede Ironie als Prophetie verkauft.

Um die Ernsthaftigkeit des Unterfangens zu untermauern, schickt man im Anschluss an die heutige Ausstrahlung sogar noch ProSiebens Wissenschaftsbeauftragten Aimann Abdallah mit einem "Galileo Special" an den Start. Der Zuschauer wird also dazu aufgefordert, "Faktor 8" an der Wirklichkeit zu messen; das kann für diesen Beitrag aus der Reihe "Thrill Time" nicht gut ausgehen.

Campingdusche statt Strategien à la Dienstwagen-Ulla

Denn während der Rest der Welt gerade sehr sachlich über das Für und Wider der H1N1-Impfungen diskutiert, die diese Woche beginnen sollen, wird bei ProSieben versucht, die Influenza-Panik zu befeuern. Die Bilder, die man dafür gefunden hat, sind so drastisch wie dämlich: Die Übertragung eines obskuren Erregers führt dazu, dass irgendwo über den Wolken zwischen Fernost und Deutschland ein Fluggast nach dem anderen elendig ausblutet. Und während sich die nicht infizierten Passagiere mit Kotztüten vor dem Gesicht und Bordbesteck in der Hand vor den Infizierten abschotten, macht man sich unten am Boden so seine Gedanken über die Eindämmung der Pandemie.

In Thailand wurde kurzerhand die Insel, von der die Verbreitung des Virus ausgegangen sein soll, mit Napalm abgefackelt. Die deutsche Politik zeigt sich indes von zivilrechtlichen Skrupeln behindert. Der Vorschlag der Bundesgesundheitsministerin, die Maschine unauffällig über dem Meer abschießen zu lassen, wird jedenfalls mehrheitlich abgelehnt. Statt auf die Stressvermeidungsstrategien irgendeiner Dienstwagen-Ulla einzusteigen, betreibt man erstmal lieber Quarantäne auf die ganz harte Tour und zwingt die Maschine zur Zwischenlandung in einem Fliegerhorst in Oberbayern, wo man sie samt Passagieren luftdicht in Plastikfolie verschweißt. Dann nehmen Wissenschaft und Bundeswehr mit Computertürmen und Kampfgerät Aufstellung. Als Schleuse zur Desinfektion bringt man eine Vorrichtung an, die wie eine Campingdusche aussieht.

Es ist aber gar nicht so sehr die durch und durch trashige Anmutung, die einen so gegen diese Mixtur aus "Outbreak" und "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug" aufbringt, schließlich kommen ja die klügsten Horror-Gesellschaftsbilder oft in bizarrer B-Movie-Ausführung daher. So gesehen hätte auch "Faktor 8" ein billiges, aber treffsicheres Paranoia-Szenario werden können. Für Bestürzung sorgt vielmehr, dass die Macher offensichtlich den Figuren irgendwann jene irren Monologe geglaubt haben, die diesen so leichtfertig in den Mund gelegt wurden - also ergoogelte Ausführungen über Spanische Grippe, Virenmutation und Impfgebräu.

ProSieben impft Fernseh-Deutschland

Als Zuschauer mag man all diesen vor sich hin dozierenden Stereotypen des Katastrophenfilm-Genres beim besten Willen nicht folgen. Die hier auftretenden schönen Frauen mit zu großen Brillen (Gesine Cukrowski als "Frau Professor" vom Robert-Koch-Institut), vernarbte Männer mit zu großen Gewehren (André Hennicke als Bundeswehr-Terminator) und patenten Muttertiere mit zu großen Herzen (Muriel Baumeister als fröhlich mit Bluter-Medikamenten vor sich hin spritzende Beinahe-Ärztin) rufen einfach nur drastische Abwehrreaktionen hervor.

Als Debattenbeitrag zum Thema Schweinegrippe, so wie das ProSieben seinem Publikum nahelegt, ist "Faktor 8" deshalb so angemessen wie ein Vampirfilm als Blutspende-Werbespot. Das ist umso enttäuschender, da der Sender ja zur Eröffnung der ambitionierten Eventmovie-Reihe "Thrill Time" mit dem Katastrophenthriller "Crashpoint" einen kleinen und punktgenauen Flugangstthriller vorgelegt hat.

Der Viren-Horror "Faktor 8" aber mit all seinen militanten Parolen ruft unweigerlich drastische Abwehrmaßnahmen hervor: ProSieben in Quarantäne, sofort!


"Faktor 8 - Der Tag ist gekommen", 20.15 Uhr, ProSieben

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
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1. Die Eigenproduktionen von Pro7, Sat1, RTL sind doch sowieso grottenschlecht....
gsfx 05.10.2009
Zitat von sysopSchweinegrippe lässt grüßen: Während in der Öffentlichkeit sachlich über die Impfung gegen das H1N1-Virus diskutiert wird, setzt ProSieben mit dem trashigen Pandemieschocker "Faktor 8" auf Panik. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,653247,00.html
Die Eigenproduktionen der privaten TV-Sender sind grottenschlecht. Die sind doch nur was für Zombies oder Leute, denen man das Gehirn entnommen hat. Wenn so etwas ausgestrahlt wird, schnell wegschalten. Oder viel Alkohol holen, um den Schwachsinn zu ertragen. Ich erinner mich noch immer ungern an den Pro7-Zweiteiler "Das Blut der Templer". Der war so grottig, grottiger gehts schon nicht mehr. Symbolisch für den Film, ein Mädel, dass erst einen osteuropäischen Sprachakzent hatte, hatte zwischendrin auf einmal einen Französischen Sprachakzent. Sauber gemacht! Der Rest war von ähnlicher Qualität. Ungefähr auf dem Niveau einer 5. Klasse. Wobei eine 5. Klasse das sicher noch besser hinbekommt. Mein Fazit: Wer solch einen Schund schaut, ist selber schuld. Also Finger weg!
2. dt. Filme / Serien
Curoi 05.10.2009
Zitat von gsfxDie Eigenproduktionen der privaten TV-Sender sind grottenschlecht. Die sind doch nur was für Zombies oder Leute, denen man das Gehirn entnommen hat. Wenn so etwas ausgestrahlt wird, schnell wegschalten. Oder viel Alkohol holen, um den Schwachsinn zu ertragen.
Allein die Werbung die Pro7 seit Tagen für dieses... Machwerk.. sendet sorgt bei mir schon dafür das ich vor lauter fremdschämen umschalte :D Wobei die öffentlich-rechtlichen ja auch ganz groß im Müll-produzieren sind. Tatort kann man sich ja auch kaum mehr ansehen... so eine konstruierte Schei*e.... Und pseudo-gesellschaftskritisch bis zum erbrechen. Billigste Dialoge mit übertriebener Mimik und versucht-Emotianal rübergebracht.. Zum Glück gibts gute US-Serien / -Filme auf DVD -_-
3. Apokalypse- Film-Privatfernsehen
Tesla2000 05.10.2009
Wenn eine Apokalypse stattfindet, dann wohl eher leiser, lautlos, in dem Fall einer wahren Pandemie eher klein in der Auswirkung-groß in der Wirkung. Die wahre Apokalypse ist lautlos genauso wie die allgemeine Verblödung durch PRO7 Eigenproduktionen, klein, scheinbar unbedeutend aber groß in der allgemeinen Wirkung. Oder wie der alte S. Lem meinte, daß die Dummheit wohl die schlimmste Krankheit wäre die nicht auszurotten sei. Mir tun immer die Schauspieler und Kameramänner leid, selbst die Drehbuchautoren, denn diese Leute müssen auch überleben (Aha Leistungsträger...) verdienen soo viel.und werden durch korrumpierbar. Für so einen Schrott seine Reputation herzugeben und sie zu ruinieren, na ja aber dummerweise muß man ja Geld verdienen. Leute verweigert Euch solchen Machwerken, aber ansonsten bleibt ja immer noch Hartz IV und ein kalter Kohleofen. Niemand sollte sich wundern, daß es in der Zukunft immer mehr von diesen reisserischen Machwerken gibt gibt Dieter Bohlen wird von der Künstlersozialkasse anerkannt...lustig...hat er wohl bisher nicht geschafft als "Komponist". Guten Abend
4. yeah...weltpremiere....!
jamon 05.10.2009
Zitat von gsfxDie Eigenproduktionen der privaten TV-Sender sind grottenschlecht. Die sind doch nur was für Zombies oder Leute, denen man das Gehirn entnommen hat. Wenn so etwas ausgestrahlt wird, schnell wegschalten.
du triffst den nagel auf den kopf. was aber am besten ist, wenn so ein schwachsinn als "weltpremiere" angekündigt wird. ob bei den privaten drogen konsumiert werden?
5. Tja
Bedlam 05.10.2009
Deshalb habe ich als 26-Jähriger schon seit langem keinen Fernseher mehr zuhause stehen. Ich hab einfach mehr davon wenn ich meine Zeit in "richtige" Filmproduktionen investiere.
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