Von Christian Buß
Letzter Ausweg Google: Eigentlich soll der Airbus, der mit einer Ladung verseuchter Urlauber aus Fernost in Deutschland eingetroffen ist, in wenigen Minuten von einem Spezialkommando der Bundeswehr eliminiert werden. Denn die Forschung schaut vollkommen ratlos auf das aggressive Virus, das die Menschen an Bord befallen hat und das bei Untersuchungen unterm digitalen Vergrößerungsglas immer wieder in den grellsten Farben mutiert. Doch dann surft einer der Helfer bei Google Earth herum und stöbert dort eine unbewohnte Insel auf: Hey, warum nicht einfach alle Infizierten dahin ausfliegen?
Das sind die Lösungsvorschläge, die ProSieben für uns zum Thema Pandemie bereit hält. Gerade hatte Regisseur Rainer Matsutani ("Das Papstattentat") im vergangenen Frühjahr mit dem Dreh seines Viren-Thrillers begonnen, da sorgte die Schweinegrippe für erste Schlagzeilen. Der fertige Film wird nun vom Sender ohne jede Ironie als Prophetie verkauft.
Um die Ernsthaftigkeit des Unterfangens zu untermauern, schickt man im Anschluss an die heutige Ausstrahlung sogar noch ProSiebens Wissenschaftsbeauftragten Aimann Abdallah mit einem "Galileo Special" an den Start. Der Zuschauer wird also dazu aufgefordert, "Faktor 8" an der Wirklichkeit zu messen; das kann für diesen Beitrag aus der Reihe "Thrill Time" nicht gut ausgehen.
Campingdusche statt Strategien à la Dienstwagen-Ulla
Denn während der Rest der Welt gerade sehr sachlich über das Für und Wider der H1N1-Impfungen diskutiert, die diese Woche beginnen sollen, wird bei ProSieben versucht, die Influenza-Panik zu befeuern. Die Bilder, die man dafür gefunden hat, sind so drastisch wie dämlich: Die Übertragung eines obskuren Erregers führt dazu, dass irgendwo über den Wolken zwischen Fernost und Deutschland ein Fluggast nach dem anderen elendig ausblutet. Und während sich die nicht infizierten Passagiere mit Kotztüten vor dem Gesicht und Bordbesteck in der Hand vor den Infizierten abschotten, macht man sich unten am Boden so seine Gedanken über die Eindämmung der Pandemie.
In Thailand wurde kurzerhand die Insel, von der die Verbreitung des Virus ausgegangen sein soll, mit Napalm abgefackelt. Die deutsche Politik zeigt sich indes von zivilrechtlichen Skrupeln behindert. Der Vorschlag der Bundesgesundheitsministerin, die Maschine unauffällig über dem Meer abschießen zu lassen, wird jedenfalls mehrheitlich abgelehnt. Statt auf die Stressvermeidungsstrategien irgendeiner Dienstwagen-Ulla einzusteigen, betreibt man erstmal lieber Quarantäne auf die ganz harte Tour und zwingt die Maschine zur Zwischenlandung in einem Fliegerhorst in Oberbayern, wo man sie samt Passagieren luftdicht in Plastikfolie verschweißt. Dann nehmen Wissenschaft und Bundeswehr mit Computertürmen und Kampfgerät Aufstellung. Als Schleuse zur Desinfektion bringt man eine Vorrichtung an, die wie eine Campingdusche aussieht.
Es ist aber gar nicht so sehr die durch und durch trashige Anmutung, die einen so gegen diese Mixtur aus "Outbreak" und "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug" aufbringt, schließlich kommen ja die klügsten Horror-Gesellschaftsbilder oft in bizarrer B-Movie-Ausführung daher. So gesehen hätte auch "Faktor 8" ein billiges, aber treffsicheres Paranoia-Szenario werden können. Für Bestürzung sorgt vielmehr, dass die Macher offensichtlich den Figuren irgendwann jene irren Monologe geglaubt haben, die diesen so leichtfertig in den Mund gelegt wurden - also ergoogelte Ausführungen über Spanische Grippe, Virenmutation und Impfgebräu.
ProSieben impft Fernseh-Deutschland
Als Zuschauer mag man all diesen vor sich hin dozierenden Stereotypen des Katastrophenfilm-Genres beim besten Willen nicht folgen. Die hier auftretenden schönen Frauen mit zu großen Brillen (Gesine Cukrowski als "Frau Professor" vom Robert-Koch-Institut), vernarbte Männer mit zu großen Gewehren (André Hennicke als Bundeswehr-Terminator) und patenten Muttertiere mit zu großen Herzen (Muriel Baumeister als fröhlich mit Bluter-Medikamenten vor sich hin spritzende Beinahe-Ärztin) rufen einfach nur drastische Abwehrreaktionen hervor.
Als Debattenbeitrag zum Thema Schweinegrippe, so wie das ProSieben seinem Publikum nahelegt, ist "Faktor 8" deshalb so angemessen wie ein Vampirfilm als Blutspende-Werbespot. Das ist umso enttäuschender, da der Sender ja zur Eröffnung der ambitionierten Eventmovie-Reihe "Thrill Time" mit dem Katastrophenthriller "Crashpoint" einen kleinen und punktgenauen Flugangstthriller vorgelegt hat.
Der Viren-Horror "Faktor 8" aber mit all seinen militanten Parolen ruft unweigerlich drastische Abwehrmaßnahmen hervor: ProSieben in Quarantäne, sofort!
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