Zum Ende von Viva Peinlich. Aber eben auch geil

Für manche war Viva Pflichtprogramm, andere fühlten sich schon immer zu cool für deutsches Musikfernsehen. Klar ist aber: Wer in den Neunzigern aufwuchs, kam an Viva nicht vorbei. Wir erinnern uns.

Viva-Moderatoren Phil Daub (v.l.), Heike Makatsch, Nils Bokelberg
ullstein bild/ Tele-Press

Viva-Moderatoren Phil Daub (v.l.), Heike Makatsch, Nils Bokelberg


Raus aus der Kleinstadt

Ein Teenagerdasein Anfang der Neunzigerjahre in der Nähe von Köln. Die Schule so langweilig, die Kleinstadt so eng - einziges Highlight: Musikfernsehen. Ich war Dauerkonsumentin. Kam mittags aus der Schule und blockierte stundenlang Fernbedienung sowie Telefon, um mit Freundinnen live zu kommentieren. Vor mir lagen VHS-Kassetten, beschriftet mit "Prince" und "Madonna", deren Video-Oeuvre ich archivierte. Einige Jahre musste ich vor MTV ausharren, doch kurz vor meinem 17. Geburtstag bekam ich ein Geschenk: VIVA. Ich konnte endlich zweigleisig fahren. Zwar feierte VIVA hartnäckig deutsche Musiker wie Snap, Marusha und Lucilectric, aber darüber zappte ich großzügig hinweg. Bald nutzte ich meine Videotapes, um nachts die Sendung "Housefrau" mit den Techno-DJs Sabine Christ und Mate Galic aufzuzeichnen, Letzterer war gerade mal so alt war wie ich selbst. Too cool for school. Carola Padtberg


Zu cool für Viva

Es mag herzlos klingen, aber der Tod von Viva lässt mich ziemlich kalt. Der Musiksender meiner Wahl war MTV. MTV - das war cool, international und irgendwie ein bisschen schmutzig. Der deutsche Gegenentwurf? Zu bunt, zu poppig und immer so übertrieben gut gelaunt. Das passte nicht zu meinem trübsinnigen Teenager-Dasein in Doc Martens und gedeckten Farben. Ich war eindeutig zu cool für Viva. Schaltete einer meiner Freunde in meiner Anwesenheit den Sender ein, verdrehte ich die Augen und versuchte, desinteressiert zu wirken. Klar, kannte ich Mola, Daisy Dee und Co. Und vielleicht war ich auch ein bisschen verknallt in Tobi Schlegl. Wurde allerdings auf dem Schulhof über Viva gesprochen, stellte ich mich unwissend. Tobi wer? Ich hatte ja schließlich einen Ruf zu verlieren. Anna-Sophie Schneider

Mein kleiner Bruder

Mein Bruder ist zwei Jahre jünger als ich, aber in Sachen Musik war er schon immer weiter vorne. Er hat vor mir Hip-Hop entdeckt und vor mir angefangen, Viva und MTV zu gucken. Zu Hause hatten wir lange Zeit keinen Kabelanschluss und konnten nur die öffentlich-rechtlichen Sender, RTL und Sat.1 sehen. Deshalb war es ein Fest, wenn wir bei unseren Großeltern waren, die Satellit hatten. Vor allem hatten sie zwei Fernseher, einen davon in einem kleinen Zimmer im oberen Stockwerk, da konnte man sich gut verkrümeln und alles gucken, was zu Hause nicht lief, wie "Viva Interaktiv" oder "MTV Most Wanted". So passierte es oft, dass mein Bruder plötzlich weg war. Ich fand ihn in dem kleinen Zimmer, wo er auf den Bildschirm starrte, und kauerte mich dazu, während unten unsere Oma durchs Haus lief und nach uns rief. Katharina Schipkowski


Charlotte Roche
imago/ teutopress

Charlotte Roche

Bastard aus Kinderbetreuung und Marketingmaschine

Popmusik ist eine verdammt wichtige Angelegenheit. Wer es ernst mit ihr meint, kann vor der Kamera auch einen dunklen Anzug tragen - so wie es der Musiker, Garagepunk-Spezialist und Journalist Rocco Clein bei Viva und Viva Zwei tat. Der immer gut informierte, gut gekleidete Brillenträger moderierte Mitte der Neunziger mit der Sendung "Wah Wah" eine Art Anti-Viva-Programm. Zu Wort kamen Indierocker wie Tocotronic oder Tomte, aufdringlich ausgespielte Jugendlichkeit war verpönt, dafür gaben sich Kompetenz und trockener Witz die Hand. Klein machte klar, dass Underground auch Overground sein kann, ohne dass man sich verbiegen muss; als Indie-Betonkopf konnte man von ihm nur lernen. Er spielte das Musikfernsehen der Neunziger, diesen Bastard aus Kinderbetreuung und Marketingmaschine, nach seinen eigenen Regeln. 2004 starb Rocco Clein an einer Hirnblutung. Der deutsche Indierock wäre ohne ihn wohl weniger gut in die Gänge gekommen. Christian Buß


Patrick Lindner statt Viva

Lange erhaschte ich Viva nur bei Freunden, deren Eltern nicht zu pädagogisch für einen Kabelanschluss waren. Ich erinnere nur einen Moderator mit käsigem Gesicht und orangefarbenem Pulli, der oft zu dicht an der Kamera war und über Berti Vogts rappte. Selbst als wir einen lädierten Fernseher von meiner Oma erbten, blieb Viva Verheißung. Das ARD-Musikfernsehen am Nachmittag hieß WunschBox, der Moderator Ingo Dubinski trug Jacketts in Burgund- und Senftönen und zog, wenn ich es richtig erinnere, aus einer Plastikbox Briefe, in denen sich Zuschauer Schlagerclips wünschten. Wenn es gut lief, kam ein Oldie aus den Sechzigern, im besten Fall Trude Herr, die fand ich fetzig. Wenn es schlecht lief, wünschte sich jemand was Aktuelles, sprich: Patrick Lindner. Irgendwann ging auch noch der Anschaltknopf vom Fernseher kaputt, man musste ihn dauerhaft drücken, damit das Bild blieb. In Köln rappte Stefan Raab viel zu nah an der Kamera über Berti Vogts. In Göttingen saß ich viel zu nah vorm Fernseher, um mit dem großen Zeh WunschBox zu sichern. Irre waren wir beide irgendwie. Eva Thöne


Tobias Schlegl
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Tobias Schlegl

Dann kam Viva II und zerstörte die Liebe

Ob es daran lag, dass Minh-Khai Phan-Thi für mich eine Art große Schwester war, die ich niemals hatte? Oder war sie mein erster girl crush? Ich erinnere mich nicht mehr genau, ich war 12, vielleicht 13, aber ich wollte unbedingt ein Autogramm von der Viva-Moderatorin. Es war in Köln, es regnete, irgendein Fest in der Altstadt zwischen Würstchenbuden und Rathaus, sie moderierte, ich wartete im Regen. Stunden später bekam ich mein Autogramm, ein bisschen Smalltalk und schon war es vorbei. Das Autogramm verwahrte ich zu Hause sicher in einer Kiste. Spätestens mit der Einführung von Viva Zwei (1998) und der Sendung "Fast Forward" löste ich mich von Minh-Khai, es war auch meinem Musikwechsel geschuldet - statt Tic Tac Toe eben Fiona Apple. Wir hatten uns auseinandergelebt. Das Autogramm habe ich aber immer noch, es liegt weiterhin in meiner Kiste. Sicher verwahrt. Enrico Ippolito

Sarah Kuttner
Twitter/@KuttnerSarah

Sarah Kuttner

Viva in Düsseldorf

Dezember 1993, Studentenwohnheim Campus Süd in Düsseldorf. Dreier-WG. Techno, Hip-Hop, Grunge und Metal. Deutscher Musiksender mit deutscher Musik? Peinliche Idee. Aber dann: "Zu geil für diese Welt" von Fanta 4, das erste gesendete Video. Auch peinlich. Aber eben auch geil. So wie Viva in den Neunzigern. MTV war natürlich immer cooler, die hatten Ray Cokes mit "MTV's Most Wanted". Viva dagegen "Interaktiv" mit Mola Adebisi, das hielt man nüchtern nicht aus. Mussten wir ja auch nicht. Also waberten die Rauchschwaden und der Trash lief rauf und runter. Manchmal begegnete man Mola in der Altstadt, der fuhr immer auf Roller Blades über die Rheinuferpromenade. Das war dann aber eindeutig zu viel der Nähe. Oliver Kaever


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Kult-Musiksender: Viva liebte dich!

Wie die Dinge waren

Meine pubertäre Abgrenzung zu meinen Freundinnen bestand darin, dass ich Teeniepop eigentlich scheiße fand, aber "Interaktiv" unbedingt gesehen werden musste. Minh-Khai, Nils, Mola, Tobi und vor allem Heike navigierten uns sicher durch die unübersichtliche Welt der frühen Neunziger. Heike sagte, wie Dinge waren. Heike nahm weder sich zu ernst, noch uns. Als Robbie Williams Take That verließ, riet Harald Schmidt schmutzig grinsend: "Von oben nach unten schneiden, liebe Mädels, nicht quer". Heike hingegen hörte sich ruhig an, was die in Tränen aufgelösten Anruferinnen zu sagen hatten, um dann freundlich, aber bestimmt zu sagen: "Hör mal, natürlich hast du Grund, traurig zu sein. Ich hab damals geweint, als John Lennon erschossen wurde. Aber der ist GESTORBEN." Einmal kurz gespiegelt bekommen: "Ja, du trägst gerade das Leid der Welt auf deinen Schultern. Aber..." Wie gut das tat. Ayla Mayer

Video: Stefan Raab im Interview

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Bueckstueck 21.06.2018
1. MTV statt viva
Und zwar wahlweise die US oder UK Variante. viva nein danke.
bammbamm 21.06.2018
2.
Traurig wie sich die Urgeisteine des Musikfernsehens gnadenlos selbst ins Aus geschossen haben. Ob das Klingeltonterror, Bezahlschranken für überall frei zugängliche Videos oder Werbeoverkill waren. Ich bin sicher das Musikfernsehen auch heute noch funktionieren würde, für Kenner, Fans und Liebhaber und nicht für Jugendliche, Themensendungen, Neuheitenbesprechungen, Dj Sets, Live-Mitschnitte usw. Reich würde man vermutlich nicht damit werden, aber über die Runden zu kommen müsste möglich sein, Deluxe Music oder Xite zeigen es ja
madcostelloartist 21.06.2018
3. Eine Ära geht zu Ende
Für mich persönlich befand sich der Musiksender Viva ab 1996 bis 2000 auf seinem qualitativen Höhepunkt. 1997 war ein ganz starkes Jahr. Da liefen die Videoclips "Monkey Wrench" von den Foo Fighters, "Falling in love (is hard on the knees)" von Aerosmith, "The perfect drug" von Nine Inch Nails, "Freak" von Silverchair und "Engel" von Rammstein auf dem Sender. Geile Zeit war das, kurz vor meiner Volljährigkeit. Wenn ich mich an Sendungen wie "Metalla", "Wah.Wah" oder "Interaktiv" erinnere. Über Viva habe ich viele klasse Musiker und Bands entdeckt. In den letzten sechs Jahren hab ich Viva gar nicht mehr empfangen.
loboloco 21.06.2018
4. Die
Beiträge hier zeigen sehr schön warum ViVa für mich nichts wa... spiessige Konsumenten, Spiesser Tv! Selbst zu der bemühten “Skandaleuse“ Sarah Kuttner fiel mir nur ein: nice try - good bye! / off, over & out. ;-]
flo_bargfeld 21.06.2018
5. Rocco Clein RIP
Vielen Dank an Christian Buß für die Erinnerung an den tollen und leider viel zu früh verstorbenen VIVA II-Moderator Rocco Clein. Das waren Sternstunden des TV-Musikjournalismus. So kompetent und seriös ist weder vorher noch nachher je wieder über Popkultur im deutschen TV informiert worden. Alles andere auf VIVA und VIVA II war inhaltlich eher albernes Kinderprogramm. Schade darüber hinaus, dass die politische Dimension von VIVA und VIVA II nicht beleuchtet wird: Der Sender war ja damals ein Lieblingsprojekt des NRW-Ministerpräsidenten Clement und sollte NRW als hippen Medienstandort positionieren. Die von Clement und seinem Spezl Dieter Gorny erwarteten Reichweiten wurden jedoch bei weitem nie erreicht, die meisten VIVA-Mitarbeiter hinter den Kulissen arbeiteten in prekären Arbeitsverhältnissen und bildeten die Avantgarde des heutigen Medien-Proletariats.
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