15. Dezember 2012, 12:54 Uhr

Ex-"The Voice"-Kandidat Jesper

"Ich musste mich übergeben vor Scham"

Er galt als einer der Favoriten bei "The Voice of Germany", dann schied Jesper Jürgens aus. Kurz vor der Entscheidung hat er ein Video ins Netz gestellt, in dem er die Macher der Sat.1-Castingshow scharf angreift und bittet: "Lasst mich frei!" Im Interview spricht er über seinen TV-Horrortrip.

SPIEGEL ONLINE: Herr Jürgens, in einem Video, das Sie auf YouTube veröffentlicht haben, fordern Sie von den Machern der Castingshow "The Voice of Germany": "Lasst mich frei!" Sie sind längst aus der zweiten Staffel ausgeschieden - sind Sie dadurch nicht frei?

Jürgens: Auf keinen Fall. Ich kann durch den Vertrag, den ich zu Beginn der Show unterschrieben habe, nicht die Musik machen, die ich will, und ich kann nicht mit den Leuten zusammenarbeiten, mit denen ich es gerne würde. Details kann ich aus rechtlichen Gründen nicht nennen, aber ich habe während der Show so wenig Geld verdient, dass ich nun Schulden habe. Das ist für mich das Gegenteil von frei.

SPIEGEL ONLINE: Beschwerden von ehemaligen Castingshow-Kandidaten über vermeintliche Knebelverträge sind nichts Neues. Hätten Sie nicht gewarnt sein müssen?

Jürgens: Ja, hätte ich. Aber ich habe das anfangs nur als Scherz begriffen. Schließlich habe ich nur mitgemacht, weil ich eine Wette mit einem Freund verloren habe. Erst als ich immer weiter gekommen bin, habe ich gemerkt: Scheiße, jetzt bin ich auf der anderen Seite des Fernsehers, der Idiot mit dem Knebelvertrag.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie denn während der Show zufrieden damit, wie Sie behandelt wurden?

Jürgens: Nein, ich fand es irgendwann so furchtbar, dass ich schon überlegt hatte, freiwillig auszusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie konkret gestört?

Jürgens: Ich durfte nicht die Songs singen, die ich vorgeschlagen habe und wurde umgestylt, wie es überhaupt nicht meinem Geschmack entspricht. Als ich "Gloria" von Mando Diao gesungen habe, habe ich mich so geschämt - dieser Song, diese Frisur… Ich fand das alles so furchtbar, dass ich mich nach dem Auftritt übergeben musste.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihre Bedenken den Machern der Show mitgeteilt? Oder sogar Ihrem Casting-Coach Xavier Naidoo?

Jürgens: Nicht direkt. Ich bin da ja auch reingeschlittert, habe anfangs einen Teil der Kontrolle abgegeben und erst später gemerkt, was das bedeutet. Xavier hat davon wahrscheinlich kaum was mitbekommen, der hat wirklich viel um die Ohren. Ihm möchte ich deshalb auch überhaupt keinen Vorwurf machen.

SPIEGEL ONLINE: In dem Video erwähnen Sie, dass Sie sich abends im Hotel von Fertigsuppen ernährt haben, weil Ihnen so wenig Geld blieb. Hatten Sie nicht im Vertrag das Honorar nachgeschlagen?

Jürgens: Nein, das habe ich verpennt. Der Vertrag umfasst knapp 60 Seiten, da habe ich den Überblick verloren. Andere, erfahrene Kandidaten waren besser vorbereitet, die hatten Rücklagen, die sie während der Show angebrochen haben. Mein Eindruck ist, dass nach der Show keiner der Kandidaten finanziell besser oder zumindest gleich gestellt ist im Vergleich zum Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich dazu entschieden, Ihre Kritik an der Show in einem Video zu veröffentlichen und nicht auf dem Rechtsweg versucht, aus dem Vertrag herauszukommen?

Jürgens: Mir fehlt schlicht das Geld für einen Anwalt. Außerdem hoffe ich, dass Universal, die Plattenfirma, mit der "The Voice of Germany" zusammenarbeitet, die Lust daran verliert, mit mir mögliche Platten oder Touren zu planen. Ich möchte jetzt wirklich meine eigene Musik mit meinen eigenen Leuten machen.

SPIEGEL ONLINE: "The Voice of Germany" gilt als die andere Castingshow, die ihre Kandidaten besser behandelt und mehr Wert auf die Musik legt. Halten Sie dieses Image nach Ihren Erfahrungen noch für gerechtfertigt?

Jürgens: Ja, das tue ich tatsächlich. Die Unterschiede zu Formaten wie "DSDS" sind noch immer riesig. Die Band bei "The Voice" ist zum Beispiel unglaublich. Mit denen aufzutreten, war eine super Sache.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk


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