Politshow "Volksvertreter" bei ZDFneo Lass uns mal reden

Wie eine Ausbildungsstätte für Berufspolitiker: ZDFneo rückt mit "Volksvertreter" jungen Parteisoldaten auf die Pelle - und liefert eine pädagogisch wertvolle Dokusoap.

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Markus ist Malermeister aus Bielefeld, Familienvater. Annette führt die Geschäfte eines Kulturzentrums in Stuttgart und erzieht zwei Kinder, allein. Martin studiert Medizin in Witten. Sie sind Bürger, die sich politisch weit rechts oder links der CDU sehen - und denen Paul Ziemiak sich stellen muss. Er ist Vorsitzender der Jungen Union, will für die Christdemokraten in den Bundestag und tut verwirrt: "Ich weiß jetzt nicht, was das Konzept ist. Soll ich euch überzeugen, CDU zu wählen?"

Genau das ist natürlich das Konzept des Politikformats "Volksvertreter", das Donnerstag bei ZDFneo startet.

In jeder Sendung stellt sich der Repräsentant einer Partei jeweils drei Gegnern seiner Politik. Die Idee ist, dass der Hippie mit dem Hardliner in den Plattenladen geht, der Homosexuelle mit der Gegnerin einer Ehe für alle auf dem Markt einkauft, die besorgte Bürgerin mit dem liberalen Grünen die Enten füttert. Nach dem Kennenlernen wird gemeinsam gespeist und diskutiert, am Ende steht die Wahl. Wird es dem Kandidaten in der persönlichen Begegnung gelingen, die Leute von seinen Überzeugungen zu überzeugen?

Die Idee ist volkspädagogisch wertvoll, humanistisch grundiert - nur eben auch wenig originell. Politiker wie Tim Renner (SPD), Konstantin von Notz (Grüne) oder Lencke Steiner (FDP) begegnen Menschen, die anderer Meinung sind als sie selbst, täglich in Sprechstunden, Fußgängerzonen oder Talkshows. Man nennt das Wahlkampf.

Unter dem Brennglas einer Sendung von knapp 45 Minuten ließen sich daraus dennoch Funken schlagen. Wie gestaltet sich der Anprall der Ideologien? Wer lässt sich den Schneid abkaufen? Kann über den Umweg des Menschelns ein politischer Konsens gefunden werden?

Eiertanz um das Adjektiv "lesbisch"

Eingangs holpert's meist gewaltig, weil sich auf Bürgerseite natürlich gerne mal was aufstaut. So auch bei Martin, der "mit zwei Müttern" aufgewachsen ist, was er nur so ausdrückt, "wenn ich das ganz klar so kommunizieren will". Nach einem Eiertanz um das Adjektiv "lesbisch" erkundigt sich der eher konservative CDU-Mann Ziemiak parteiprogrammgemäß: "Vermisst du das Wissen danach, wer der Vater ist?"

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ZDFneo-Show: Wahlkampf light

Die Einzelgespräche sind nur das Warm-up für den Kern der Sendung, das Verspeisen von Pizza aus Pappkartons und die Diskussion, die sich darüber entspinnt. Annette möchte gerne über das Grundeinkommen sprechen, Martin seinen Frust über "Angela" abladen. Und der Politiker, eben noch Mensch, schaltet wieder in den professionellen Modus.

Es ist denn auch dieses Essen, bei dem spürbar die Luft aus dem kompletten Format entweicht. Der Jungpolitiker erkundigt sich, fragt nach, wägt ab, betont, kehrt heraus oder zeigt sich konziliant - gerade so, wie es der Situation und dem Gesprächspartner angemessen ist. Es ist, als würde er viele Bälle jonglieren und darüber ins Schwitzen geraten, eine Szene wie aus einem Assessment Center für angehende Berufspolitiker.

Schnell aber geraten die Bürger einander selbst ins Gehege. Markus ("Ich lebe in Bielefeld und kenne auch nix anderes als Bielefeld") will gerne über die Angst sprechen, seine Tochter nachts allein in der Stadt herumlaufen zu lassen, was Annette "sexistisch" findet und Martin uninteressant, weil dem die gleichgeschlechtliche Ehe am Herzen liegt. Die Gesprächsdynamik gleicht der einer jeden Familienfeier, wo die Tante über Hartz IV klagt, während Opa die Grünen erschießen will und am Ende der Neffe sein Coming-out hat. "Telekolleg: Staatsbürgerkunde" im Gewand einer Dokusoap.

Groll bitte schnell runterschlucken

Mit am Tisch sitzt allerdings, aufmerksam und bestens informiert, Jo Schück ("aspekte") als Moderator. Er lenkt das Gespräch, wie man auch eine Talkshow ohne konkretes Thema lenken würde, mal hierhin, mal dahin - und greift ein, wenn's aus dem Ruder zu laufen droht. "Ihr habt die Länder mit Flüchtlingen geflutet …", schimpft Markus und kommt nicht weiter, weil Schück unterbricht: "Moment mal! Flüchtlinge? Geflutet? Schwierige Begriffslage, würde ich sagen, das sind immer noch Menschen am Ende des Tages. Aber die Länder sind überfordert mit einer großen Anzahl von Menschen, das wolltest du doch sagen, oder?" Darauf Markus, kleinlaut seinen Groll runterschluckend: "Selbstverständlich."

Es hält sich also der Erkenntnisgewinn in engen Grenzen, zumal das Ergebnis schon nach wenigen Minuten auf der Hand liegt. Bestenfalls ist der Typ "so als Mensch" ganz nett, aber CDU, SPD, Grüne, Linke, FDP oder AfD würde man trotzdem nicht wählen. Die erwartbare Erkenntnis von "Volksvertreter" wäre demnach, dass freundliche Menschen fürchterliche Politik machen können. Ob sich mit solchem Politainment die Verdrossenheit abbauen lässt, darf bezweifelt werden.

Auch nährt "Volksvertreter" den Zusatzzweifel, ob ZDFneo wirklich das jugendliche Spielbein ist, als das es mal gedacht war. Eingekaufte Formate ("Volksvertreter" ist dem spanischen "Sleeping With The Enemy" abgekupfert, die Idee zur ähnlich didaktischen "Diktator"-Sendung stammt aus Skandinavien) schärfen nicht gerade das Profil eines Senders als Schmiede für innovative Ideen. Hinzu kommt, dass die Originalformate für den deutschen Geschmack - besser: den Geschmack der öffentlich-rechtlichen Gremien - noch zusätzlich verwässert werden.

Das Ergebnis erscheint dann langweilig und redundant. Wo das Gutgemeinte niemandem wehtun will, wird es als solches erkannt und trägt zur Verstimmung bei. ZDFneo jedenfalls entwickelt eine bedenkliche Schlagseite hin zur Beflissenheit. Selbst ein Jan Böhmermann wird das nicht ewig ausgleichen können.


"Volksvertreter", Donnerstag, 22.15 Uhr, ZDFneo

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loneacit 29.06.2017
1. Wirklich
Die Frau Steiner ist mittlerweile tatsächlich Mitglied der FDP? Oder verwechselt der Autor das bloß? Sie ist damals als Spitzenkandidatin der FDP angetreten OHNE Mitglied zu sein (was ihr auch damals den Arsch gerettet hat, weil sie dies ja immer wieder betonte: sie stehe nur mit der Wirtschaftspolitik der FDP überein, bei dem Rest hat sie eine andere Meinung. - - - - - - Kurzer Blick bei Wiki: "Bei der Wahl zur Bremischen Bürgerschaft am 10. Mai 2015 erreichte die FDP 6,6 Prozent der Stimmen und zog nach vier Jahren wieder ins Parlament ein. Am selben Abend trat Steiner der Partei bei.[9] Beim Bundesparteitag der FDP im Mai 2015 wurde sie in den Bundesvorstand gewählt.[10]" MfG Reaktion Forum
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