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12. September 2018, 17:29 Uhr

Vorwürfe sexueller Belästigung beim WDR

"Machtgefälle zwischen männlichen Chefs und weiblichen Untergebenen"

Ex-EU-Kommissarin Wulf-Mathies hat den WDR durchleuchtet - und fordert einen Kulturwandel: Hinter Vorwürfen sexueller Belästigung verbergen sich demnach struktureller Machtmissbrauch und Diskriminierung.

Es fehle an klaren Regeln und gegenseitiger Wertschätzung: Für Monika Wulf-Mathies steht fest, dass sich der WDR grundlegend ändern muss, um künftig sexuelle Übergriffe zu verhindern. Die ehemalige Gewerkschaftschefin stellte am Mittwoch in Bonn ihren Bericht zum Umgang des WDR mit Belästigungsvorwürfen vor.

Zu der Untersuchung war sie von WDR-Intendant Tom Buhrow beauftragt worden. Die 76-Jährige forderte einen Kulturwandel bei dem Sender: "Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass das Thema sexuelle Belästigung nur die Spitze des Eisbergs ist, hinter dem sich Machtmissbrauch, vielfältige Diskriminierungserfahrungen und eine Unzufriedenheit mit dem Betriebsklima verbergen." Grundsätzlich attestiert Wulf-Mathies dem WDR "strukturelle Defizite".

Trotz aller Gleichstellungsbemühungen bestehe im WDR noch immer ein "strukturelles Machtgefälle zwischen in der Regel männlichen Chefs und weiblichen Untergebenen", kritisierte Wulf-Mathies. Das betreffe sicher nicht nur den WDR, sondern auch andere Medien- und Kulturinstitutionen. Dass der WDR überhaupt bereit gewesen sei, sich so gründlich durchleuchten zu lassen, finde sie mutig.

Die meisten bisher bekannt gewordenen Belästigungsfälle datierten noch aus den Neunzigerjahren. "Generell lässt sich sagen, dass bei diesen Fällen ein größerer Ermittlungseifer notwendig gewesen wäre", sagte Wulf-Mathies. Inzwischen reagiere der WDR aber sehr viel konsequenter und schneller.

Machtgefälle: Nährboden für Missbrauch

Wulf-Mathies regte eine dauerhafte externe Beschwerdestelle und eine neue Dienstvereinbarung mit klaren Regeln gegen Machtmissbrauch an. Außerdem müsse der Arbeitgeber Vorwürfe "gründlich und proaktiv" untersuchen.

Die dezentralen Strukturen des WDR förderten Seilschaften und Abschottung, kritisierte die ehemalige EU-Kommissarin. Im WDR bestehe ein starkes Machtgefälle nicht nur zwischen der Führungsebene und den Beschäftigten, sondern auch zwischen Festangestellten und freien Mitarbeitern. Das sei ein Nährboden für Machtmissbrauch.

Der Westdeutsche Rundfunk sieht sich seit April mit Vorwürfen sexueller Belästigung konfrontiert. Mehrere Fälle wurden bekannt, unter anderem wird dem ehemaligen Filmchef Gebhard Henke vorgeworfen, Frauen begrapscht und belästigt zu haben. Ihm wurde fristlos gekündigt. Ein Mitarbeiter, dem ebenfalls Übergriffe zur Last gelegt werden, kehrte mittlerweile wieder auf seinen Arbeitsplatz zurück.

kae/dpa

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