SS-Mitglied Horst Tappert "Er war ein einfacher Soldat"

War er freiwillig dabei? Hat er Kriegsverbrechen begangen? War er am Holocaust beteiligt? Im Interview spricht der SS-Experte Jan Erik Schulte darüber, wie "Derrick"-Star Horst Tappert zum SS-Panzergrenadierregiment 1 "Totenkopf" gekommen sein könnte - und was dort womöglich seine Aufgabe war.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Ist dem jungen Horst Tappert seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS vorzuwerfen?

Schulte: Aus den bislang bekannten Unterlagen geht nicht klar hervor, in welchem Zusammenhang Horst Tappert eingetreten ist. Wir wissen nicht, wie viel Druck auf ihn ausgeübt wurde, damit er in die Waffen-SS eintritt. Der Druck vor allem auf junge Männer, Mitglied der Waffen-SS zu werden, war 1943 schon sehr groß.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Schulte: Es gab Veranstaltungen, bei denen Offiziere der Waffen-SS erhöhten Druck auf eine ganze Gruppe von Teenagern ausübten, was dann zu kollektiven Eintritten führte - es gibt auch Belege dafür, dass sich manche Eltern danach über diese Vorgehensweise beschwerten. Sicher ist aber auch, dass der Eintritt in der Regel individuell erklärt werden musste. Und es gab auch 1943 durchaus noch freiwillige Meldungen.

DER SPIEGEL

SPIEGEL ONLINE: Horst Tappert war SS-Grenadier bei der 14. Kompanie des SS-Panzergrenadierregiments 1 "Totenkopf". Was waren die Aufgaben eines Grenadiers?

Schulte: Der SS-Grenadier ist der unterste Soldatendienstgrad. Das heißt, er war ein einfacher Soldat einer motorisierten infanteristischen Einheit. Er hatte wohl im weitesten Sinne unterstützende Aufgaben zu erledigen und mit Flakgeschützen zu tun. Insgesamt umfasste die Kompanie je nach Einzellage wohl 100 bis 200 SS-Soldaten.

SPIEGEL ONLINE: Der Truppenteil Tapperts war 1943 bei Kämpfen in der Ukraine eingesetzt, unter anderem in Charkow. Gilt da noch die Unschuldsvermutung?

Schulte: Der Kriegsschauplatz in der europäischen Sowjetunion war sehr brutal. Völkerrechtliche Regeln wurden hier nicht beachtet. Verschiedene Einheiten der Waffen-SS begingen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch es ist anhand der vorliegenden Dokumente nicht zu klären, wo Tappert als Individuum eingesetzt war - gerade für den Krieg in der Sowjetunion. Auch Art und Umfang seiner Tätigkeit kennen wir nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Deutsche waren 1943 insgesamt Mitglied der Waffen-SS?

Schulte: Anfang 1943, dem Zeitpunkt von Tapperts Zugehörigkeit zur 14. Kompanie des SS-Panzergrenadierregiments 1 "Totenkopf", gab es insgesamt rund 250.000 Angehörige der Waffen-SS.

Das Interview führte Felix Bohr



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 133 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
burggen 26.04.2013
1. Unschuldsvermutung für SPON
Für die SPON-Redakteure gilt ebenso die Unschuldsvermutung: Sie wissen es nicht besser. Wie im letzten Absatz zu lesen, gab es 1943 ca. 250.000 SS-Mitglieder - also 250.000 Verdächtige....
dashaeseken 26.04.2013
2. Mein Gott er war damals 19
und als er 9 war, kam der Führer ins Amt. Heute werden 21jährige nach Jugendstrafrecht verurteilt. Laßt dem Mann seine Würde und Ehre, Verbrechen sind ihm nicht nachzuweisen und er bleibt für mich ewig Derrick...Schütze Arsch in der SS hin oder her. Wäre er SS-Offizier gewesen... aber so ?
kenterziege 26.04.2013
3. Faires Interview
Zitat von sysopDPAWar er freiwillig dabei? Hat er Kriegsverbrechen begangen? War er am Holocaust beteiligt? Im Interview spricht der SS-Experte Jan Erik Schulte darüber, wie "Derrick"-Star Horst Tappert zum SS-Panzergrenadierregiment 1 "Totenkopf" gekommen sein könnte - und was dort womöglich seine Aufgabe war. http://www.spiegel.de/kultur/tv/waffen-ss-mitglied-horst-tappert-interview-mit-historiker-schulte-a-896742.html
Handlungen und Entscheidungsmotive sollte man IMMER von den Umständen der Zeit abhängig machen, in der sie gelebt bzw. getroffen wurden! Jugendlicher Idealismus ist in Diktaturen, die es geschickt anlegen, immer verführbar! Man lese nur DIE WELLE. Ich habe eine Veteranen-Ehrung in Hawai miterlebt: Die waren zufällig auf der richtigen Seite! Vor der Kampfkraft der SS-Divisionen hatten die Alliierten höchsten Respekt! Das waren alles überzeugte und ausgesuchte junge Leute: Elite eben! Wie kann man da nur 70 Jahre später mit den Überzeugungen von heute, Urteile abgeben? Bigott!!
erlenstein 26.04.2013
4. schweigende Generation
Zitat von sysopDPAWar er freiwillig dabei? Hat er Kriegsverbrechen begangen? War er am Holocaust beteiligt? Im Interview spricht der SS-Experte Jan Erik Schulte darüber, wie "Derrick"-Star Horst Tappert zum SS-Panzergrenadierregiment 1 "Totenkopf" gekommen sein könnte - und was dort womöglich seine Aufgabe war. http://www.spiegel.de/kultur/tv/waffen-ss-mitglied-horst-tappert-interview-mit-historiker-schulte-a-896742.html
jetzt schreien sie alle wieder auf, lasst den armen Mann in Frieden ruhen - aber er war in seiner Fernsehrolle ein allseits geachteter Mann des Rechts, der sich auch privat als honoriger Vertreter des deutschen Bürgertums gab. Typischer Vertreter der schweigenden Generation der jungen Kriegsteilnehmer, meiner Elterngeneration. Hätten sie doch mehr gesprochen und getrauert als in dieser steinernen Recht und Ordnung, Aufbau- und Schaffementalität zu verharren!
the_rover 26.04.2013
5.
Ist es wirklich eine Meldung wert, dass ein mittlerweile verstorbener Deutscher des Jahrgangs 1923 (!) einfaches Mitglied der Waffen-SS war?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.