ARD-Doku über Waffenlobby: Deutschlands Pistoleros

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Zwischen Schießbude und Bundestag: Die ARD-Doku "Waffen sind mein Leben" geht auf Tuchfühlung mit deutschen Sportschützen und ihren Interessenvertretern in Berlin. In dieser Welt herrscht eine Logik, der zufolge das Ballern sogar bei der Bildung hilft.

ARD-Doku "Waffen sind mein Leben": Anlegen, zielen, debattieren Fotos
WDR

Großkaliber und Gehirntraining - wenn es nach Familienvater Ebenhöh geht, passt das zusammen. Im Keller seines Eigenheims hat er sich eine kleine Patronenwerkstatt eingerichtet, dort stanzt er aus Kostengründen seine eigene Munition, 20.000 Schuss produziert er im Jahr auf diese Weise. In Stahlschränken stehen Gewehre und Pistolen bereit, zehn sind es insgesamt. Und gerade die Tochter, so Erziehungsberechtigter Ebenhöh, habe der Umgang mit den schweren Eisen vorangebracht, die Konzentration und Koordination seien gestärkt worden. Seit das Kind mit einer 9-mm-Pistole schieße, seien die schulischen Leistungen um 20 Prozent gestiegen.

Willkommen in der Welt der deutschen Sportschützen. Die Vehemenz, mit der die hiesigen Waffenfreunde ihre Leidenschaft verteidigen, ist nicht geringer als die ihrer amerikanischen Gesinnungsgenossen. Auf die Idee, den Waffenbesitz an das Recht auf Selbstverteidigung zu koppeln, kommt allerdings keiner von ihnen. Die Deutschen sind in ihrer Argumentation zahlenfixierter, bürokratischer und pädagogischer. Da muss, wie im Falle von Vater Ebenhöh, die Knarre eben schon mal als Kognitionsbeschleuniger herhalten.

Ein gutes Jahr lang haben sich die Filmemacher Julia Friedrichs und Nicol Ljubic für ihre Reportage "Waffen sind mein Leben" unter deutschen Waffennarren und -lobbyisten umgesehen. In einer Gemeinschaft also, die zwar gerne über ihr Hobby spricht, sich aber nicht so gerne bei dessen Ausübung filmen lässt.

Als erstes Fernsehteam erhielten Friedrichs und Ljubic eine Drehgenehmigung für Deutschlands größte private Schießanlage in Philippsburg. Auf einem ehemaligen Kasernengelände steht hier auch ein Parcours für das hoch umstrittene IPSC-Schießen, bei dem die Schützen unter Zeitdruck eine Anlage mit Holzwänden durchqueren müssen. Gezählt werden dabei die Treffer, die im Laufen erzielt werden. Das Ganze sieht ein bisschen aus wie auf dem Übungsplatz vom Kommando Spezialkräfte - nur dass die Hobbyschützen zum Teil Cowboyhüte und stattliche Wampen tragen.

Zehn Millionen legale Feuerwaffen

Geleitet wird die Anlage in Phillipsburg von Friedrich Gepperth, dem Präsident vom "Bund Deutscher Sportschützen", der sie für mehrere Millionen umbauen ließ. Bei einem Verbot von großkalibrigen Waffen müsste er das Gelände wieder schließen. Aber soweit wird es wohl nicht kommen, wenn man der vom WDR für die ARD produzierten Dokumentation Glauben schenkt. Denn Gepperth ist bestens vernetzt in die Politik. Gemeinsam mit Joachim Streitberger vom "Forum Waffenrecht" führt er die Filmemacher in jene Teile des Berliner Regierungsbetriebs, die den Schützen wohlgesonnen sind.

Im Gegensatz zur mächtigen amerikanischen National Rifle Association verfügt das "Forum Waffenrecht" nur über einen bescheidenen Etat, gerade mal 250.000 Euro im Jahr soll der Interessenverband ausgeben. Macht nichts, die wichtige Währung sind nicht Euros, sondern Wählerstimmen. Davon kann im ARD-Film auch ein Politiker berichten: Wer als Abgeordneter zwei Schützenvereine in seinem Wahlkreis hat, der muss sich in der Waffenfrage eben flexibel zeigen, wenn er sein Mandat behalten will. Zehn Millionen legale Feuerwaffen lagern im Land, ihre Besitzer wollen umworben sein. Nur wenn es mal wieder zu einem Amoklauf kommt, so wie 2002 in Erfurt oder 2009 in Winnenden, übt sich die Politik in Aktionismus.

Friedrich Gepperth weiß, welchen Einfluss diese Amokläufe auf die Meinungsbildung und Gesetzgebung haben. Im Film sagt er offen und ein bisschen ängstlich: "Mehrere Winnenden wird die Gesellschaft nicht mehr vertragen."

Und dann war da auf einmal Utøya. Mitten in die Dreharbeiten zu der Langzeit-Reportage fiel das von Anders Behring Breivik am 22. Juli 2011 begangene Attentat, bei dem auf der Insel 69 Menschen starben. Eine Woche später findet in der Schützenanlage in Philippsburg ein großes Wettschießen statt. Die Stimmung ist am Boden - allerdings, so mutet es im Film zumindest an, weniger wegen der ungeheuerlichen Tat als wegen der Sorge, dass jetzt wieder nach strengeren Waffengesetzen gerufen wird.

Dabei wird die Auslegung dieser Gesetze relativ wohlwollend gehandhabt. Auf der Suche nach Verantwortlichen in Behörden und Politik stoßen Friedrichs und Ljubic auch auf jenen Beamten, der beim Bundesverwaltungsamt die Disziplinen und die dazugehörigen Kaliber der Sportschützen genehmigt. Über dessen Objektivität lässt sich streiten. Der Mann will nicht in seinem Büro gefilmt werden, sondern lieber dort, wo er seine Freizeit verbringt: am Schießstand.


"Die Story: Waffen sind mein Leben", Montag, 22.45 Uhr, ARD

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 635 Beiträge
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1.
Tommy 22.04.2012
Lieber Herr Buß, haben Sie hier jetzt eine Rezension geschrieben oder ihre Abscheu gegenüber den Sportschützen kundgetan?
2.
enrico3000 22.04.2012
Zitat von sysopWDRZwischen Schießbude und Bundestag: Die ARD-Doku "Waffen sind mein Leben" geht auf Tuchfühlung mit deutschen Sportschützen und ihren Interessenvertretern in Berlin. In dieser Welt herrscht eine Logik, wonach das Ballern sogar bei der Bildung hilft. ARD-Doku über Waffenlobby: Deutschlands Pistoleros - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,828351,00.html)
Bei 10 Millionen legalen Waffen alle 10 Jahre mal ein Vorkommnis. Da kann man sehen wie sorgfältig die Waffenbesitzer mit den Waffen umgehen. Täglich passieren allerdings Dinge mit illegalen Waffen die auf ca. 30 Millionen geschätzt werden.
3.
sanhe 22.04.2012
Die Schützenvereine sollten aus meiner Sicht unter 2 Einschränkungen ihrer Tätigkeit weiter nachgehen dürfen: 1. Großkalibrige Waffen werden vollständig verboten. 2. Die Zahl der Waffen pro Person wird auf 1 - 2 limitiert.
4.
Masterchalk 22.04.2012
sind nichts anderes als die Verlängerung eines Gedankens. Sie sind dafür gemacht und man kann sie nicht mehr "entfinden". Das Problem sind nur die Gedanken. Winnenden wäre auch mit einem Schwert passiert.
5.
enrico3000 22.04.2012
Zitat von sysopWDRZwischen Schießbude und Bundestag: Die ARD-Doku "Waffen sind mein Leben" geht auf Tuchfühlung mit deutschen Sportschützen und ihren Interessenvertretern in Berlin. In dieser Welt herrscht eine Logik, wonach das Ballern sogar bei der Bildung hilft. ARD-Doku über Waffenlobby: Deutschlands Pistoleros - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,828351,00.html)
Die geringe Zashl von Mißbrauch der legalen Waffen kann man fast gar nicht mehr in Prozenten ausdrücken. Bei der Vielzahl der Waffen gibt es wohl alle 10 jahre mal ein Vorkommnis. Mit Messern z. B. werden fast täglich Menschen verletzt oder getötet. In Berlin wird sogar mit illegalen Maschinenpistolen geschossen. Die legalen Waffenbesitzer in Deutschland gehen sehr sorgfältig mit den Waffen um und trotzdem werden sie anscheinend immer weiter schikaniert und diffamiert.
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