Wahlkampf bei Jauch: Unverschämt im Endspurt

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Endspurt im Wahlkampf mit Jauch: Polit-Entertainment vom Feinsten Fotos
DPA

Bei Günther Jauch geht der Wahlkampf auf die Zielgerade, und Sie entscheiden: Im Angebot sind das Proll-Chamäleon, die höhere Tochter, der Gespenster-Beschwörer, die Totalverbürgerlichung und die Aufrechteste aller Aufrechten. Die Zeit läuft... ab jetzt!

Inhalte! Die Menschen wollen Inhalte! Nur noch eine knappe Woche bis zur Bundestagswahl, jetzt muss endlich mal Schluss sein mit den Fragen nach irgendwelchen Gesten und den Fotos davon. Wir haben doch kaum noch Zeit! Und jetzt wieder diese Stinkefinger-Sache? Nein, so möchte Ursula von der Leyen nicht diskutieren. Aber Günther Jauch lässt nicht locker.

"Wäre so ein Bild auch von Ihnen denkbar?", fragt er scheinheilig die Arbeitsministerin. Scheinheilig darum, weil er genau weiß, dass es genau dieses Bild bereits gibt, aus dem Jahr 2007, aus dem SZ-Magazin, aus derselben Interviewreihe ohne Worte, in der auch Peer Steinbrücks berüchtigte Geste erschienen ist. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass von der Leyen diese Debatte jetzt nicht nur deshalb sofort abwürgen will, weil sie dringend noch einmal schnell die zentralen Inhalte des CDU-Wahlprogramms referieren möchte, sondern weil sie verhindern will, dass Jauch dieses Foto zeigt. Und wohl deshalb wedelt sie jetzt mit Inhalten wie eine gestrenge Lehrerin mit dem Zeigefinger. Hilft ihr natürlich nichts, Jauch zeigt das Foto trotzdem.

Aber vielleicht hat von der Leyen ja recht. Wäre es nicht höchste Zeit, jetzt, nach der Wahl in Bayern, und so knapp vor der Bundestagswahl, so richtig inhaltlich zu werden, Sachpolitik zu debattieren, zur Aufklärung und Meinungsbildung der Bürger beizutragen?

Im Eifer des Endspurts

Haha, reingefallen, nur ein Scherz, schließlich befinden wir uns hier am Sonntagabend im Gasometer zu Berlin bei Günther Jauch, und das bedeutet: Polit-Entertainment vom Feinsten für alle, die nach dem Tatort noch nicht ins Bett mögen. Und bitte nicht enttäuscht sein, schließlich stand im Fernsehprogramm nicht "sachbezogene Diskussion wichtiger Inhalte", sondern "Endspurt im Wahlkampf - wer kann jetzt noch punkten?".

Tja, wer? Und wie? Aufeinander losgelassen und im Eifer des Endspurts sind bei Politikern mitunter bezeichnende Verhaltensweisen zu beobachten, die, insbesondere in der knappen Zeit einer Talksendung, stärker meinungsbildend wirken können als Wahlprogramme. Und man muss sagen: Günther Jauch hat sich recht aussagekräftiges Anschauungspersonal eingeladen.

Zum Beispiel Sigmar Gabriel, den womöglich einzigen Sozialdemokraten, der noch prolliger auftritt als sein Kanzlerkandidat. Das ist als Kompliment zu verstehen. Denn es ist schon beeindruckend, wie der SPD-Chef es augenscheinlich mühelos vermag, zwischen staatsmännischer Seriosität und deftiger Macker-Attitüde zu changieren. Zunächst attestiert er Horst Seehofer abgeklärt, sich ziemlich geschickt angestellt zu haben. Der habe die enttäuschten CSU-Wähler wieder zur Urne gebracht und so die Wahl gewonnen - so wolle es auch die SPD machen.

"Jetzt werden Sie nicht unverschämt"

Dann kann man ihn rauflustig beobachten, wie er seine Tirade gegen die Regierungsfrau von der Leyen und deren Arbeits- und Sozialpolitik nur kurz unterbricht, um sich quasi nebenher schnell mit Sahra Wagenknecht über die Koalitionsfähigkeit der Linken zu streiten. Dann zurück zu von der Leyen, schließlich sei es doch Steinbrück gewesen, der das Land durch die Finanzkrise gebracht habe, nicht Merkel. Einmal pflaumt er die Ministerin jugendaffin an, sie habe wohl etwas geraucht, worauf diese indigniert antwortet: "Jetzt werden Sie nicht unverschämt."

Und von der Leyen? Ist ganz die höhere Tochter. Deutschland gehe es gut, man dürfe das Land nicht schlechtreden, die Menschen wüssten das. Man kennt das. Am ansprechendsten ist die Szene, als es um mögliche Zweitstimmenhilfe für die FDP geht. "Da muss ich dem Daniel Bahr mal Mut machen", sagt Ursula von der Leyen, wendet sich dem per Dativartikel zum kleinen Jungen degradierten Kabinettskollegen zu. Bahr kann ihrem tröstenden Tätscheln nur entkommen, indem er seinerseits schnell und als Erster von der Leyen die Hand auflegt, alter Politikertrick. Kaum zu glauben: Ursula von der Leyen geriert sich tatsächlich noch mütterlicher als das virtuelle Wahlkampfgeschöpf Angela Über-Merkel in ihrer monströsen Plakatwerbung. Doch bei aller Mutterliebe - Zweitstimmen gibt es leider nicht geschenkt von der CDU.

Gesundheitsminister Bahr war am Anfang - da ging es noch um den Stinkefinger Steinbrücks - als einziger mit bürgerlicher Sorge um das Wohl der Republik aufgefallen. Denn im Kanzleramt gehe es ja auch um Schicksalsfragen, da gehe es um Krieg und Frieden, da müsse man sich im Griff haben, aber Steinbrück habe sich nicht im Griff. Trüge Bahr ein Monokel, es wäre ihm bei dieser Gelegenheit gewiss aus dem Gesicht gerutscht. Noch aufgesetzter allerdings wirkt seine Warnung vor der rot-rot-grünen Koalition, die ja drohe, falls die FDP nicht ins Parlament komme.

Bahr sitzt keine drei Meter von Wagenknecht, Gabriel und Göring-Eckardt entfernt. Er kann also direkt sehen und hören, wie sie sich immer wieder zanken, wie Gabriel sowohl eine Koalition mit der Linken als auch eine Tolerierung durch diese ausschließt. Aber Bahr bleibt ganz ernst und sagt: "Ich traue Ihnen nicht." Man darf ihm das nicht übelnehmen. Bahr ist einer von diesen einst hoffnungsvollen smarten jungen Männern, die einmal die FDP erneuern wollten. Jetzt dürfen sie Rainer Brüderle beim Wahlkampf assistieren, und dazu gehört nun einmal die Behauptung, seine Partei sei der einzige Garant gegen das rot-rot-grüne Gespenst. Mal ganz abgesehen davon, dass es Gespenster nicht gibt.

Womit wir bei den Grünen wären, die es im Gegensatz dazu tatsächlich gibt, allerdings in den Umfragen immer weniger. Weshalb Kathrin Göring-Eckardt, die fleischgewordene Totalverbürgerlichung der Alternativen, den Wählern die Ängste nehmen will: Die Grünen wollen nämlich gar nicht die Steuern erhöhen, jedenfalls nicht für 90 Prozent der Bürger, die würden sogar entlastet. Und für die anderen sei es doch auch gut, wenn die Infrastruktur funktioniere und die Straßen repariert werden und so weiter.

Und nachdem Sie, lieber Leser, diese urgrüne Aussage angemessen haben sacken lassen, fragen Sie sich vielleicht, wo Sahra Wagenknecht eigentlich bleibt? Antwort: Die bleibt aufrecht und links, dermaßen unverbrüchlich unbeugsam, dass man sich fragt, warum sie ihre Talkshowauftritte nicht sämtlich im Stehen absolviert, der stets aufrecht zu erhaltenden aufrechten Haltung wegen. Übrigens: Die SPD steht gar nicht für soziale Gerechtigkeit, sondern nur die Linke. Diesen Satz kann man offenbar gar nicht oft genug wiederholen.

Gut so, dient alles der Wahlentscheidung. Und jetzt sind also Sie gefragt: "Wer kann jetzt noch punkten?" Ihre Antwort bitte. Die Zeit läuft... ab jetzt. Aber vielleicht wollen Sie vorher lieber doch noch ein paar Wahlprogramme lesen.

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insgesamt 246 Beiträge
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1. ...!
ckriddle 16.09.2013
Gut geschrieben - eine Politrunde wie im Komödienstadl, Themen wie aus "Frau im Spiegel", ein Moderator wie eine Marionette. Die Sendung hätte den Titel "Wahlendspurt - wer kann sich jetzt nochmal richtig blamieren" verdient gehabt. Ein unerträglich albernes Schauspiel, wie es unsere Volksvertreter leider allzu haufig zum Besten geben....
2. optional
lanzarot 16.09.2013
gut getroffen
3. Gut geschriebener Artikel ...
gullliver 16.09.2013
... jetzt muss ich mir die Sendung doch noch ansehen ...
4. das Ziel und die Zielgerade
sichersurfen 16.09.2013
Zitat von sysopBei Günther Jauch geht der Wahlkampf auf die Zielgerade, und Sie entscheiden: Im Angebot sind das Proll-Chamäleon, die höhere Tochter, der Gespenster-Beschwörer, die Totalverbürgerlichung und die Aufrechteste aller Aufrechten. Die Zeit läuft... ab jetzt! Wahlkampf bei Jauch: Von der Leyen, Gabriel, Bahr und Co. diskutieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/wahlkampf-bei-jauch-von-der-leyen-gabriel-bahr-und-co-diskutieren-a-922379.html)
Tatsächlich biegen einige Kontrahenten jetzt auf die Zielgerade ein. Ganz gelassen im Ziel steht allerdings bereits die Siegerin.
5. rot-rot-grün; schwarz-gelb-blau
kantlesen 16.09.2013
Eigentümlicherweise vergessen worden im Artikel ist die Antwort Sigmar Gabriels auf das aktuelle Schloßgespenst der CDU/JU/FDP: die rot-rot-grüne Regierungsoption. Er verwies neben 3 Argumenten – u.a. den Verhalten der Linken gegenüber Juden –*auf die 150-jährige Geschichte der SPD und die Entscheidung der SPD in Weimar gegen dem Nationalsozialismus – entgegen den damaligen Liberalen und Konservativen. Wenn das kein Inhalt für ein ehemaliges Nachrichtenmagazin ist, sagt das viel über dieses ehemalige Nachrichtenmagazin aus. Man freut sich wirklich auf diese Woche und die nach Art 'von' der Leyens hysterische Regierungsvolksverhetze gegen das rot-rot-grüne Schloßgespenst. Ein Analytiker würde dahinter wahrscheinlich die Abwehr einer Bewußtwerdung der Option schwarz-gelb-blau (AfD) vermuten. Warum redet darüber eigentlich niemand?
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