AfD und Kirche Gottes rechte Hand

Religiös, rechts, zornig: Die SWR-Dokumentation "Wahre Christen oder böse Hetzer?" nähert sich dem schwierigen Verhältnis von Kirche und AfD.

SWR

Christian Hermes ist keiner, sieht aber aus, wie man sich einen Jesuiten vorstellt. Der Stadtdekan von Stuttgart ist asketisch in der Physiognomie, streng im Urteil und engagiert in der Flüchtlings- und Medienarbeit. Wer sich als Christ bezeichne, aber alles Fremde verachte, wird von ihm kurzerhand exkommuniziert: "Ich erlaube mir dann auch zu sagen, vom Evangelium her, dass sie keine Christen sind." Klipp und klar.

Ganz so klipp und klar ist die Trennschärfe zwischen "den Christen" und den neuen Rechten nicht, wie Thomas Leif mit seiner außergewöhnlichen SWR-Dokumentation "Wahre Christen oder böse Hetzer?" zeigt. Wer das pathetische Intro mit verdunkeltem Kölner Dom zu den Klängen von "Also sprach Zarathustra" und gespaltenen Holzkreuzen übersteht, wird mit nüchternen Einsichten in widerstreitende Gedankenwelten konfrontiert.

Allzu hoch gegriffen wirkt der Untertitel ("Spaltet die AfD die Kirchen?"), doch er verweist auf ein klassisches Problem, das auch dem großen Schisma von 1054 zugrunde lag - die Christenheit konnte sich, abgesehen von theologischen Fragen, buchstäblich nicht mehr auf eine gemeinsame Sprache einigen.

Heimatvertriebene im Geiste

Vergleichbare Tendenzen sind auch heute beim Umgang der Kirchen mit der AfD erkennbar. Während Erzbischöfe und Ratspräsidenten um deutliche politische Abgrenzung bemüht sind, befragen Laienverbände und Gläubige nach christlicher Sitte ihr Gewissen - und finden dort bisweilen ganz andere Antworten.

Joachim Kuhs beispielsweise, der "aus Sorge um unsere Kinder", nicht nur seine zehn eigenen, der Partei beigetreten ist. Als stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung "Christen in der AfD" (ChrAfD) bemüht sich der Sechzigjährige, vor allem seinen familienpolitischen Vorstellungen mehr gesellschaftliches Gewicht zu verschaffen.

Damit gehört Kuhs, wie der katholische Publizist Andreas Püttmann erklärt, zu jenen überzeugten Christen, die sich von den alten Rechten im Stich gelassen fühlen und bei entscheidenden Fragen seit Jahren "von Niederlage zu Niederlage" geeilt sind. Es sind Heimatvertriebene im Geiste. Kuhs Borniertheit hält sich im szenetypischen Rahmen. Er empfängt Leif bei sich zu Hause, wo sein minderjähriger Sohn genervt die Anfeindungen referiert, denen er als Sohn eines AfD-Kandidaten in der Schule ausgesetzt ist. Das Gefühl der Verfolgung ist eben auch ein urchristliches, die AfD allerdings keine besonders heimelige Katakombe. Eine Kraft sind die ChrAfD hier nicht, im Gegenteil.

Mit Armin-Paul Hampel fordert kein Geringerer als der Landesvorsitzende der niedersächsischen AfD "die Christen" zum Austritt auf: "Ich möchte sie nicht als Interessengruppe organisiert innerhalb der Partei haben." Und so treffen sich die ChrAfD eben klandestin außerhalb der Partei, zum Beten und Singen und Verfassen von Grundsatztexten. Im Vorstand sitzen Vertreter des rechten Flügels der rechten Partei - darunter Schatzmeister Hardi Helmut Schumny, dem seine Mitchristen eine Parteispende (40 Euro 2009) an die NDP längst vergeben haben.

"Ich würde die auch geistig züchtigen"

Auf diese Weise bietet der Film intime Einblicke in Motive, Weltbilder und auch Ängste von Menschen, die sich nicht erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil "nicht mehr mitgenommen" fühlen und dieses Gefühl zelebrieren. Zu sehen sind gealterte Zausel privat, wie sie zwischen einsturzgefährdeten Bücherwänden und ausgedrucktem Internet (unter anderem "Mein Kampf" im Aktenordner) das Netz nach Gefahren scannen - aus ihrer Sicht: Überfremdung, Islam, Genderquatsch.

Zu erleben ist aber auch, dass die Kirchen selbst sich um einen menschlichen und eben nicht klipp und klar ausgrenzenden Dialog mit jenen Schafen bemühen, die gerne die Herde anführen würden, aber mental und moralisch längst verloren sind. Sie sehen sich in der Pflicht, weil sie es sind. AfD-Positionen mögen einem aufgeklärten und modernen Verständnis des Christentums zuwiderlaufen. Was in Freikirchen gepredigt wird und auch sonst an vormodernen Ressentiments, Gewissheiten und Befürchtungen mitgeschleppt wird, ist oft nicht weniger religiös bedingt.

Deutlich wird das beim unheimlichen Auftritt von "Vordenker" Wolfgang Ockenfels, Professor, Sozialethiker, Opus-Dei-Freund, Dominikaner und Vertreter jener Christen, denen das C im Namen der CDU viel zu klein ist. Der Führung der Christdemokraten empfiehlt er, in seiner Privatkapelle herumstehend: "Die sollten mal Exerzitien machen der sehr strengen Art, bei Wasser und Brot. Da würde ich mich gerne zur Verfügung stellen. Ich würde die auch geistig züchtigen."


"Wahre Christen oder böse Hetzer?", Donnerstag, 21 Uhr, SWR



insgesamt 67 Beiträge
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carnicle 14.09.2017
1. Demokratie
in einer demokratie hat religion zur gesetzlage überhaupt nichts zu sagen. die läuft lediglich nebenher zum schein.und diese ganzen diskussionen sind total überflüssig.
isi-dor 14.09.2017
2.
Das Christentum beruht auf dem, was ein gewisser Jesus Christus der Menschheit in Form einer gottgegebenen "Heiligen Schrift" hinterlassen haben soll und dessen Kern in der so genannten Bergpredigt enthalten (Matth. 5) ist. Dort heißt es u. a.: "Wer dich bittet, den weise nicht ab", "Wenn dich jemand nötigt, mit ihm eine Meile zu gehen, dann gehe mit ihm zwei", "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet", "Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte". Jetzt kann man drüber nachdenken, inwieweit die Damen Petry und Weidel, oder die Herren Pretzel, Gauland und Höcke, nach diesem Christentum leben.
DerBlicker 14.09.2017
3. völlig klar
AfD und Christentum schließen sich aus, denn die AfD lehnt die Lehren Jesu und des Neuen Testaments rundheraus ab.
marty_gi 14.09.2017
4. Im Suesswarenladen
Diese Christen, die der AfD oder aehlichen rechten Gruppierungen nahestehen, die Republikaner in den USA, die freikirchlichen nahezu ueberall - sie verhalten sich alle wie Kinder im Suesswarenladen, wo sie sich die tollsten und fuer sie schoensten Sachen aus den Glaesern mit 'nem Loeffel rausholen und in ihr Tuetchen schoepfen koennen. Man nehme nur das, was einem schmeckt. Schon bei Leviticus, der ja gerne fuer das eine oder andere rangezogen wird, scheitern sie. Grundsaetzlich. Wenn sie es wirklich ernst meinen wuerden, dann duerften sie naemlich das meiste ihrer Kleidung gemaess Leviticus schon nicht tragen.....aber wie gesagt, man pickt sich ja nur das, was einem passt. Nein - Religionsfreiheit bedeutet auch, dass die Politik frei von Religion zu sein hat. Zu Hause kann jeder treiben und glauben, was er/sie will. Aber nicht andern aufoktroieren.
misterknowitall2 14.09.2017
5. jaja, diese Christen.
Scheinheiligkeit nennt man das glaube ich. Viele von denen, die die afd unterstützen und sich gleichzeitig christ nennen sind nur auf ihren Vorteil bedacht und machen nur Sorgen um sich selbst. Die christliche Lehre haben die nicht ansatzweise verstanden.
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