"Was nun, Herr Wulff?" im ZDF Herr Kaiser vom Schloss Bellevue

Geschmeidig und flexibel präsentierte sich Christian Wulff bei seinem ersten TV-Auftritt als gewähltes Staatsoberhaupt. Das Gespräch im ZDF perlte elegant vor sich hin, der Mann sagt praktisch nie etwas Falsches - was für die Zuschauer hieß: Vor lauter Kopfnicken drohte man fast wegzudämmern.

Von Reinhard Mohr

Wulff im ZDF: Warum gauckt es bei ihm nicht?
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Wulff im ZDF: Warum gauckt es bei ihm nicht?


Und da saß er schon im ZDF-Hauptstadtstudio, der bis eben noch amtierende Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Christian Wulff, 51. Jetzt ist er, nach kurzem, hartem Kampf über drei Runden, Bundespräsident Numero 10.

Der jüngste, den die Republik je hatte. Und wohl auch der geschmeidigste und flexibelste. So, als hätte er nie etwas anderes gemacht, gewollt oder angestrebt. "Was nun, Herr Wulff?", fragten Bettina Schausten und ZDF-Chefredakteur Peter Frey im ZDF - und der Mann antwortete in einer derart hurtig dahinperlenden Selbstverständlichkeit, dass nicht der geringste Zweifel aufkam: Ich kann Bundespräsident.

Womöglich hat er es heimlich geübt. Oder er war es immer schon. Jedenfalls ein Stück weit. Obwohl noch recht jung an Jahren, zumal gemessen an seinen Amtsvorgängern, wirkte er schon am ersten Tage viel sicherer im präsidialen Habitus als Horst Köhler, dem es auch nach fünf Jahren nicht gelingen wollte, die nötige Abgeklärtheit und Selbstsicherheit auszustrahlen.

Fehlte nur noch der Segen Urbi et Jogi

"Muffesausen" vor dem hohen Amt - das ist dem Neuen fremd. Selbstverständlich werde er "viele Helfer" haben, wenn es darum gehe, "Brücken zu bauen" und "andere Meinungen zu hören": "Das Schlimmste ist Altklugheit."

Um es kurz zu sagen: Christian Wulff ist jetzt unser Herr Kaiser von der Hannoverschen Leben & Leben lassen GmbH & Co. KG: Seriös, verständnisvoll, tolerant, weltoffen. Die Brille sitzt gut im wohlproportionierten Antlitz, und wenn er in vollem Ernst Sätze sagt wie: "Das war ein fairer Wettstreit von höchst respektablen Kandidaten", dann ist man beruhigt und fühlt sich gleich besser. Lieb Vaterland, magst ruhig sein. Es fehlte nur noch der Segen Urbi et Jogi.

Aber dazu später.

Ein bisschen Rückblick musste freilich sein. Natürlich seien in diesem "komplexen Verfahren" die "Wahlleute völlig frei" gewesen und hätten "nur nach ihrer Überzeugung abgestimmt". Und, ja, auch Gustav Heinemann und Roman Herzog hatten jeweils erst im dritten Wahlgang die Mehrheit der Stimmen erreicht. Hier vergaß der neue Bundespräsident allerdings zu erwähnen, dass damals die Mehrheitsverhältnisse viel knapper waren als dieses Mal.

Entscheidend is auf'm Platz

Aber Christian Wulff spricht sowieso derart schnell, fehlerfrei und gleichmäßig fließend, dass kleinere Weglassungen gar nicht weiter auffallen. Nein, nun gehe es nicht um "Motivforschung" in den Seelen der Abweichler, sondern darum, dass er selbst sich "im Amt zu bewähren" habe. "Vorschusslorbeeren" seien ihm sowieso nie zuteil geworden, und so werde er ab sofort, "parteilos und parteiunabhängig", - aber auch entschlossen! - allein für das Wohl des Ganzen arbeiten, auch für Migranten und Behinderte.

Ein "Anwalt der Bürger" eben, der "Verständnis für eine Politik in Zeiten der Globalisierung" schaffen wolle.

Im Übrigen habe er durchaus Verständnis für Andersdenkende und anders Abstimmende, aber schließlich sei dies "eine isolierte Präsidentenwahl" gewesen, die er am Ende mit absoluter Mehrheit gewonnen habe. Isoliert? Frei schwebend im Raum? Wulff wollte wohl sinngemäß sagen: Der Ball ist rund, und das Spiel dauert 90 Minuten (plus Verlängerung). Entscheidend is auf'm Platz. Und nach dem Abpfiff wird geduscht.

Die schwarz-gelbe Koalition allerdings müsse nun endlich "ihre Handlungsfähigkeit beweisen", worauf wir alle uns schon richtig freuen, Stichwort "Gurkentruppe".

Deutlich spürbar war Wulffs Bestreben, nicht als jemand zu erscheinen, der nur eine "Laufbahn" hinter sich habe statt eines gelebten Lebens, wie SPD-Chef Sigmar Gabriel mehrfach ätzte.

Er will nach vorne schauen und richtig loslegen

Mit der Entscheidung für eine Muslima in seinem Kabinett habe er sich durchaus als "unbequem" erwiesen, und auch seine Thematisierung von Demokratieverdruss und mangelnder Chancengleichheit, vor allem bei Einwanderern, soll wohl in ähnlichem Sinne verstanden werden.

Das Problem ist nur: Wulff sagt praktisch nie etwas Falsches oder zumindest etwas, womit er wirklich aneckt. Vor lauter Kopfnicken droht man fast einzuschlafen. Ja, ja, ja. Weltoffenheit, Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand. Erst recht "der Spirit", der "Geist", der unser Land zusammenhalten soll. Das Bewusstsein unserer Geschichte, friedliche Revolution und Wiedervereinigung.

Alles klar, Chef.

Aber warum hinterlässt Wulffs Rhetorik der wohlgesetzten Worte eher Achselzucken, bestenfalls freundliche Gleichgültigkeit? Warum gauckt es bei ihm nicht? Warum zündet da nichts?

Nur einmal kommt er ins Stocken. Er soll den Halbsatz "Am meisten bedaure ich, dass..." vervollständigen, muss aber sekundenlang nachdenken, bis ihm (sinngemäß) einfällt: ...mir unterstellt werden könnte, ich beschäftigte mich immer noch mit den Umständen meiner Wahl. Nein, nun will er nach vorne schauen und richtig loslegen. Am Freitagabend gibt er schon den ersten Sommerempfang im Schloss Bellevue.

Was Urbi und Jogi betrifft: Sollte die deutsche Nationalmannschaft tatsächlich ins WM-Finale (Wunschgegner: Ghana) kommen, ginge seine erste Auslandsreise wohl nach Südafrika statt nach Brüssel. Sicherheitshalber tippte unser Herr Kaiser vom Schloss Bellevue aber nur auf ein knappes 1:0 gegen Argentinien.

Man weiß ja nie.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Gegengleich 02.07.2010
1. War zu erwarten
Das war doch zu erwarten, denn er ist das Gegenteil von uns Baden-Württembergern: Er kann gar nix, außer Hochdeutsch.
Sapientia 02.07.2010
2. Fällt Ihnen denn gar nicht mehr auf?
Zitat von sysopGeschmeidig und flexibel präsentierte sich Christian Wulff bei seinem ersten TV-Auftritt als gewähltes Staatsoberhaupt. Das Gespräch im ZDF perlte elegant vor sich hin, der Mann sagt praktisch nie etwas Falsches. Was für die Zuschauer hieß: Vor lauter Kopfnicken drohte man fast wegzudämmern. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,704192,00.html
Ein Paar profilgeiler TV-Journalisten, beide nicht sonderlich bemerkenswert, laden sich Wulf noch keine 24 Stunden nach dessen Wahl und fragen, was nun? Hat die Infantilisierung der journalistischen Welt bereits so grobe Sprünge gemacht, daß der Bürger nur noch ein Kindertheater am laufenden Bande vorgesetzt bekommen soll? Das was wir dort sehen, ist doch allenfalls der Reifestatus eines 12-Jährigen.
Huuhbär, 02.07.2010
3. So ein Frage - Antwortspiel
war doch schon einmal mit Herr Wulff vor der BP Wahl. Ich meine mich zu erinnern, dass Herr Wulff gefragt wurde: Mein größter Fehler als Politiker war ... ... einer der bisher noch nicht entdeckt worden ist. Na ja, Wulff ist für mich ein blaser Mensch ohne Ecken und Kanten und daran wird sich für mich auch nichts daran ändern.
brigitta b. 02.07.2010
4. Ich habe die Sendung nicht gesehen,
aber hat er wriklich "parteilos" gesagt?? Weiß jemand, ob er schon aus der CDU ausgetreten ist?
klelia 02.07.2010
5. Schade um die Chance
Man darf nun die Verwulffisierung dieses Landes erwarten. Kabarettisten, wo seid Ihr? Ich will wenigstens darüber lachen können. Respektlos. Natürlich.
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