WDR-Chefredakteurin "Authentizität ist unser höchstes Gut"

Ellen Ehni ist seit September Chefredakteurin des WDR. Im Interview nimmt sie Stellung zu den Fehlern in Dokus des Senders und sagt, wie künftig solche Fälle verhindert werden sollen.

WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni
Linda Meiers/ WDR /dpa

WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni

Ein Interview von


Zur Person
    Ellen Ehni, Jahrgang 1973, ist seit dem 1. September 2018 Chefredakteurin Fernsehen des WDR und Leiterin des Programmbereichs Politik und Zeitgeschehen. Nach dem Volontariat beim NDR wurde sie Redakteurin bei "NDR aktuell" und Reporterin für Tagesschau und Tagesthemen. 2004 wechselte sie zum WDR nach Köln, wo sie als Redakteurin der Programmgruppe Wirtschaft und Recht und als Fernsehkorrespondentin im ARD-Studio Paris arbeitete. 2012 wurde Ellen Ehni Chefin der Programm­gruppe Wirtschaft und Recht und leitete ab 2016 die Programmgruppe Zeitgeschehen, Europa und Ausland.

SPIEGEL ONLINE: Der WDR hat sich in den vergangenen Wochen mit den teilweise fehlerhaften Dokumentationen der Sendereihe "Menschen hautnah" beschäftigt. Was hat die interne Prüfung ergeben?

Ehni: Wir haben intensiv mehrere Filme der Autorin überprüft und dabei festgestellt, dass es bei zwei weiteren Filmen Fehler bei Altersangaben und Zeitbezügen gibt. Allerdings gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass weitere Protagonisten über ein Vermittlungsportal wie Komparse.de gekommen wären oder es weitere unzulässige Zuspitzungen gegeben haben könnte. Wir werden die Fehler, die wir festgestellt haben, transparent machen und die Filme korrigiert in die Mediathek stellen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Vorgang damit abgeschlossen?

Ehni: Die Überprüfung ist abgeschlossen, aber die Angelegenheit beschäftigt uns weiter. Wir werden jetzt über die redaktionellen Konsequenzen sprechen. Wie können wir gemeinsam mit der Redaktion und den Autoren dafür sorgen, dass so was bei "Menschen hautnah" nicht noch einmal vorkommen kann?

SPIEGEL ONLINE: Welche Maßnahmen sind beabsichtigt?

Ehni: Wir haben bereits beschlossen, das Vieraugenprinzip und die Gegenrecherche zu mehreren Zeitpunkten während der Entstehung eines Filmes auszuweiten, von der Konzeption über den Dreh bis zum Schnitt. Wir werden außerdem schriftlich genau festhalten, wann und wie Protagonisten akquiriert wurden. Weitere Maßnahmen werden wir im April bei einem Workshop mit der Redaktion und den Autorinnen und Autoren erarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie investieren also in das Format?

Ehni: Weder Stellen noch Geld fallen vom Himmel. Wenn wir am Ende aber sehen, dass wir dafür etwas umschichten müssen, werden wir das auch tun. Aber wir investieren in dieses Format, weil wir es für ein herausragendes dokumentarisches Format in der Fernsehlandschaft halten. Alle Beteiligten wollen die Geschichten so erzählen, wie das Leben auch wirklich gespielt hat.

SPIEGEL ONLINE: Hatten sie externe Prüfer?

Ehni: Wir haben das intern geprüft.

SPIEGEL ONLINE: Welche zeitliche und inhaltliche Tiefe hatte die Überprüfung?

Ehni: Es ist unmöglich, die Filme der vergangenen fünf, zehn oder fünfzehn Jahre in jedem Detail zu überprüfen - und es gibt auch keinen Anlass dafür. Wir sind, neben den Filmen der konkreten Autorin, stichprobenartig vorgegangen. Und da ist, nach dem derzeitigen Stand, alles ordnungsgemäß verlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn eine Protagonistin mit einem Alter von 50 statt 56 Jahren ausgewiesen wird, ist das schon Lüge? Oder unsaubere Arbeit?

Ehni: Eine Lüge ist es für mich, wenn man eine falsche Behauptung mit Absicht in die Welt setzt. Das ist hier nicht geschehen, das war unsorgfältige Arbeit. Aber wenn ich einen Fakt berichte, muss er stimmen. Stimmt er nicht, ist er falsch. Das kann man auch nicht schönreden.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ehni, Sie haben eine juristische Ausbildung und selbst im Fernsehen mit wirtschaftlichen und politischen Themen reüssiert. Könnte es sein, dass gerade das "Weiche" an Formaten wie "Menschen hautnah" Probleme geradezu heraufbeschwört?

Ehni: Richtig ist, dass man es in der Gefühlswelt mit subjektiven Einschätzungen zu tun hat. Ich bin dagegen, weiche gegen harte Themen auszuspielen. Grundlage des journalistischen Handwerks ist für mich, dass harte und weiche Geschichten absolut wasserdicht recherchiert sind - beim "Weichen" ist eine harte Recherche der Fakten natürlich schwieriger. Sie sind aber für sehr viele Menschen relevant, weil sie ihr eigenes Leben berühren. Wie geht man zum Beispiel damit um, wenn das eigene Kind stirbt? Wie geht es einem jungen Mann, der Priester werden will? Solche Geschichten müssen ebenso wasserdicht recherchiert sein wie ein "Monitor"-Beitrag oder eine hart recherchierte, investigative Story.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprachen von einer "unzulässigen Zuspitzung". Was wäre denn eine zulässige Zuspitzung?

Ehni: Zulässig nenne ich es, so sehr zu verknappen, dass nicht jede Wendung im Leben der Protagonisten erzählt wird - denn dafür reichen die 45 Minuten nicht. Im Kern sind aber Sachverhalte korrekt wiederzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Der Ausstoß an Geschichten ist hoch. Der Druck auf die Autorinnen und Autoren auch?

Ehni: Über dieses Thema habe ich intensiv mit der Redaktion gesprochen und danach gefragt, ob es einen besonders großen Druck gab. Sie hat mir gesagt: Nein, so arbeiten wir nicht. Hätte die Autorin mit der Redaktion offen über alle Aspekte der Geschichte gesprochen, hätten wir den Film ohne Probleme so erzählen können. "Menschen hautnah" richtet sich danach, was die Wirklichkeit hergibt. Natürlich gibt es auch finanzielle Erwägungen. Wer den ganzen Film macht, verdient mehr als derjenige, der nur seine Recherchen bezahlt bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Früher waren es bei den Sendern fest angestellte Mitarbeiter, die Geschichten recherchierten. Heute haben sie sich auf externe "Zulieferer" zu verlassen. Führt diese Entwicklung nicht zwangsläufig zu Vertrauensverlust und Qualitätsproblemen?

Ehni: Ich störe mich an dem Begriff "Zulieferer". Den verwenden wir nicht, und so sehe ich auch unsere Autorinnen und Autoren nicht. Sie sprechen da eine generelle Entwicklung an, die es seit Jahren gibt. Allein mit fest angestellten Kräften ist es gar nicht möglich, im aufwendigen Fernsehproduktionsbereich alle Werke selbst herzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Das Grundmodell heute ist, dass freie Mitarbeiter die Filme machen.

Ehni: "Menschen hautnah" gibt es seit einem Vierteljahrhundert, wir arbeiten mit hochprofessionellen und zuverlässigen Autoren und Autorinnen, und es hat auf dieser Basis immer gut funktioniert. Dieser eine Vorfall war die Ausnahme, er ist nicht die Regel. Und wir arbeiten daran, dass das auch so bleibt. Das gelingt nur, wenn und weil es einen sehr engen und vertrauensvollen Austausch zwischen Redaktionen und Autoren gibt. Kann der Redakteur mal mit rauskommen und sehen, was bisher erarbeitet wurde? Wie kann er, wenn er an seinem Schreibtisch bleibt, von den Freien so weit informiert werden, dass beide gemeinsam entscheiden können, wie die Geschichte erzählt wird?

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie das derzeit unter besonderer Beobachtung?

Ehni: Es gibt nicht mehr, wie früher, einen Sender und einen Empfänger. Jetzt haben wir es mit einer Vielzahl von Playern auch in den sozialen Medien zu tun, von denen jeder sein eigener Journalist sein kann. Da gibt es andere Rückkopplungen als noch vor zwanzig Jahren. Wir sind anders herausgefordert. Wenn wir Fehler machen - und wir machen auch Fehler! - müssen wir damit transparent umgehen. Wir müssen ein Fels in der Brandung einer Welt sein, in der es unglaublich viele Fehlinformationen und zweifelhafte Produkte gibt. Authentizität ist da unser höchstes Gut.



insgesamt 6 Beiträge
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vantast64 15.02.2019
1. Meine Frage, warum ich zum Mitmachen gezwungen werde,
hat der WDR durch eine Flut von Falschdarstellungen, Verdrehungen und Lügen beantwortet, da er es mittlerweile besser wissen müßte: Daß es der Wunsch der Politiker nach der unbedingt notwendigen Propagandabühne ist, daß es hier um Macht und sehr viel Geld geht. Wer kennt nicht Merkels Ausspruch während des Wahlkampfes: "Sie kennen mich!" oder die Selbstanbietung des Autoministers Scheuer für das nächste Pöstchen bei den Konzernen.
depribär 15.02.2019
2.
Das nächste üppige Gehalt und die nächste Pension, die wir mit der Zwangsabgabe finanzieren müssen. Klar, der Beitrag muss erhöht werden! Mehr kann ich dem Artikel nicht entnehmen.
lucky.sailor 15.02.2019
3. Volksbegehren jetzt!
Wird Zeit, dass wir die Zwangsabgabe, mit der laut Umfragen ca. 80 Prozent der Beitragszahler gar nicht bzw. nicht in dieser Höhe einverstanden sind auf demokratischem Wege kippen, nachdem die Jurisdiktion hier klar versagt hat. Wer weiß, wie man hierzu Volks- bzw. Bürgerbegehren auf Landes- und/oder Bundesebene initiieren kann. Ich wäre sofort dabei!
ulrics 16.02.2019
4. Das Diesel Desaster
War eine Sendung des NDR, welche eine Fehldarstellung von Fakten darstellt, wundert mich, dass der trotzdem noch gezeigt wird.
Suffiminis splendor 18.02.2019
5. Ja
Authentizität ist eine so offenkundige Konstruktion, dass, wer in ihrem Namen operiert, sofort als Person desavouiert wird, die dieses Schutzschild für Vorhaben instrumentalisiert, die sicherlich ganz authentisch eines nicht sind: unverstellt. Ein schreckliches Buzzword für die eine oder andere Machenschaft auf dem steinigen Weg nach oben.
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