Von Maximilian Popp
Die Anhänger des Predigers sagen, ihnen sei an Toleranz gelegen, am friedlichen Zusammenleben der Menschen. Doch wenn Journalisten oder Wissenschaftler über die Gemeinde des türkischen Imam Fethullah Gülen recherchieren, über ihre Geschäfte und ihre Ideologie, wird es schnell hässlich.
Im Frühjahr 2011 plante Ahmet Sik, der wahrscheinlich beste türkische Investigativ-Journalist, ein Buch über die Macht der Gülen-Gemeinde herauszubringen. Fethullah Gülen lebt in Saylorsburg, einem Dorf zwei Autostunden westlich von New York. Vor 14 Jahren ist er aus der Türkei in die USA gezogen. Seine Anhänger kontrollieren in mindestens 140 Ländern der Welt Schulen, eine Bank, Medienhäuser, Kliniken.
Autor verhaftet, Verlag gestürmt
In seinem Buch "Armee des Imams" beschrieb Sik erstmals, wie Unterstützer Gülens, die Fethullahcis, Justiz und Polizei missbrauchen, um Gegner einzuschüchtern. Kurz vor der Veröffentlichung wurde Sik verhaftet, sein Verlag wurde von Sicherheitsbeamten gestürmt, Manuskripte von "Armee des Imams" beschlagnahmt. Sik, der einen Großteil seiner Berufslaufbahn damit verbracht hat, gegen korrupte Netzwerke in Politik und Militär anzuschreiben, wurde vorgeworfen, Teil einer Terrororganisation zu sein, die gegen die Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan putscht. Er kam erst ein Jahr später aus dem Gefängnis frei, nach massiven internationalen Protesten.
In Deutschland gab es bislang wenig Kritik an den Aktivitäten der Gülen-Gemeinde. Doch auch hierzulande haben Fethullahcis ein Netzwerk aus Schulen, Medien, Unternehmen, Lobbyvereinen aufgebaut. Sie sind bemüht, sich der Öffentlichkeit als demokratisch, liberal, modern darzustellen. "Streber Allahs", lobte die "Zeit". Der "FAZ"-Journalist Rainer Hermann schwärmte, das Treffen mit Gülen sei der "Höhepunkt" seiner Karriere gewesen.
Machtversessen, nicht tolerant
Im vergangenen Sommer zeichneten Aussteiger im SPIEGEL ein anderes Bild der Gülen-Bewegung. Sie berichteten von einer finsteren Sekte, die Anhänger unter Druck setzte. Gülen sei ein Guru, ein Ideologe, der keinen Widerspruch dulde. Sein Streben gelte Macht und Einfluss, nicht Verständigung und Toleranz.
Nun kündigt der WDR für Montagabend eine Dokumentation an, die das Bild der Gülen-Gemeinde als unschuldige, zivilgesellschaftliche Bewegung weiter erschüttern wird. Mehrere Monate haben die Kölner Journalisten Yüksel Ugurlu und Cornelia Uebel an dem Film gearbeitet. Herausgekommen ist ein beklemmender Film, der zeigt, wie weitreichend der Einfluss der Gemeinde auf Migranten in Deutschland mittlerweile ist - und wie schädlich. Gerade junge muslimische Eliten, so das Fazit, werden von der Gesellschaft entfremdet.
Die Recherche war mühsam. Zwar laden Fethullahcis Medienleute durchaus zu ihren Veranstaltungen ein, doch auf kritische Fragen reagieren sie unwirsch - oder mit Schweigen. "Die Strategie scheint zu sein, Journalisten, die nicht aus dem eigenen Dunstkreis kommen, am besten außen vor zu halten", sagt Cornelia Uebel, Co-Autorin des Films.
Den beiden Journalisten ist es dennoch gelungen, Kontakte sowohl zu Kritikern wie zu Anhängern der Bewegung herzustellen. Der Film zeichnet den Aufstieg Gülens nach und dokumentiert die Anziehungskraft, die der greise Imam auf Millionen Muslime weltweit ausübt. Archivbilder zeigen, wie Gülen während Predigten in Tränen ausbricht - gemeinsam mit seinen ekstatischen Anhängern. Einer seiner Unterstützer bekennt, er halte Gülen für genau so bedeutend wie Gandhi oder Mandela.
Gehirnwäsche in "Lichthäusern"
Dem stellen Ugurlu und Uebel die Aussagen von Opfern der Gülen-Bewegung gegenüber, von Kritikern wie dem verfolgten Journalisten Ahmet Sik. Er sagt dem WDR-Team, die Gülen-Gemeinde sei "keine unschuldige Bewegung". "Sie missbrauchen Religion für politische Zwecke. Je mehr Macht sie haben, desto aggressiver werden sie."
Vor allem aber kommen in der Dokumentation Aussteiger zu Wort, die einige Zeit in einer Gülen-Wohngemeinschaft, einem sogenannten Lichthaus gewohnt haben. Ihren Aussagen zufolge werden dort Kader für die Bewegung herangezogen. "Mein Körper, meine Gedanken - alles hat denen gehört. Ich habe gemacht, was sie wollten", berichtet eine junge Frau.
Die Beschreibung deckt sich mit der Analyse Mustafa Sens, einem Soziologie-Professor aus Ankara. Er schrieb bereits 2007 in der Zeitschrift "Soziale Welt", die von dem Münchner Soziologen Ulrich Beck herausgegeben wird: "Die Lichthäuser werden als einziger Weg gesehen, eine neue Generation zu schaffen und zu trainieren." Der Ton dort sei strenger als in Militärbaracken. Die Hierarchie extrem strikt. Bewohner würden einem Brainwashing unterzogen. "Ihr wichtigstes Ziel ist es, schrittweise sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens zu erobern und transformieren - unter Einsatz jeglicher Mittel."
Deutsche Politiker stehen der Bewegung weitgehend ahnungslos oder naiv gegenüber. Die CDU-Politikern Rita Süssmuth etwa stellt in der WDR-Dokumentation der Gülen-Bewegung einen Persilschein aus. Gülen, sagt die langjährige Bundestagspräsidentin, trete "für Demokratie ein, für Rechtsstaatlichkeit, Bildung und die strikte Ablehnung jeglicher Gewalt." Süssmuth, auch darauf weisen die Filmautoren hin, ist Beiratsmitglied in einem Berliner Lobby-Verein Gülens.
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