Olli Dittrichs "Frühstücksfernsehen": Deutscher Humor

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Gute Laune, aber sofort! Öffentlich-rechtliches Frühstücksfernsehen ist eine Qual - wenn es nicht von Olli Dittrich parodiert wird. Der TV-Künstler hat endlich ein neues Format, hat neue Figuren und schöne Ideen. Und was haben wir? Das Glück, zusehen zu dürfen.

Dittrichs neue Figuren: Alle echt Fotos
WDR/ Dietmar Seip

Es ist schlicht schrecklich. Wer den schweren Fehler begeht, frühmorgens das Fernsehgerät einzuschalten, landet unversehens in der TV-Hölle. Zwanghaft gut gelaunte Menschen versprühen künstlichen Charme, informieren service-journalistisch bis zum Abwinken über interessante Therapiemethoden, verlosen hässliche Kaffeetassen und lassen am Ende einen Künstler sein neuestes Erzeugnis in die Kamera halten. Im Hintergrund krabbelt irgendwo ein süßes Tier herum - und nie fehlt der Hinweis auf die nächste öde Themenwoche. Was das öffentlich-rechtliche Fernsehen am Morgen bietet, verdirbt die Freude am Aufstehen. Nach dem Frühstücksfernsehen kann man sich nur noch krank melden, wieder ins Bett gehen und die Decke über den Kopf ziehen: Der Tag ist gelaufen.

Und dann kommt Olli Dittrich - und alles ist anders. Sein ARD-"Frühstücksfernsehen" läuft am späten Abend, es ist selbstverständlich eine Parodie, es ist endlich, endlich wieder ein neues Format für diesen ausnahmetalentierten Künstler, und tatsächlich: "Frühstücksfernsehen" mit Olli Dittrich gibt dem Zuschauer für eine halbe Stunde den Glauben an das öffentlich-rechtliche Fernsehen zurück.

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Olli Dittrich: Das Multitalent

Denn es scheint beim produzierenden WDR (wo auch "Dittsche" läuft) immer noch verantwortliche Redakteure zu geben, die wissen, was Humor ist, die wissen, welch ein Glück sie haben, Olli Dittrich ins Programm heben zu dürfen, und die darauf vertrauen, dass liebevoll gemachte Unterhaltung ohne große Effekthascherei ihr Publikum finden wird.

Unaufgeregt präzise

Das Besondere an "Frühstücksfernsehen" ist seine unaufgeregte Präzision. Wenn Dittrich als besinnungslose Moderationsmaschine "Sören Lorenz" dauergrinsend und ahnungslos vor sich hin plappert, dann ist das entlarvender als jeder Feuilleton-Text über das legendär gewordene "DAS!"-Interview-Desaster mit Katja Riemann und die Frage, welchen Grad der Dummheit man sich als Prominenter gefallen lassen muss, wenn man im Fernsehen auftritt.

Wenn Dittrich als christsoziale Bürgermeisterin "Ingrid Höffelhuber" ihre ganz eigene Lösung für das kommunale Lärmproblem präsentiert (mit freundlicher Unterstützung der Baufirma ihres Gatten), dann kann man mehr über Weltbild und Denkungsart der CSU lernen als bei der Lektüre gepfefferter Kommentare über die Spezlwirtschaft und Amigo-Kultur im Freistaat.

Und wenn Dittrich als sächselnder ARD-Außenreporter "Sandro Zahlemann" von einem nicht stattgefundenen Chemieunfall berichtet, steckt darin mehr Wahrheit über den sinnentleerten Nachrichtenwahn unserer Zeit als in jedem medienethischen Vortrag.

Schon die Namen erzählen Geschichten

Olli Dittrich übertreibt nie, er sieht einfach nur genau hin. Er reproduziert die Realität und offenbart so ihre Absurdität. Anders als "Kalkofes Mattscheibe" oder "Switch reloaded" geht "Frühstücksfernsehen" dabei weit über die reine TV-Parodie hinaus - es ist Gesellschaftskritik im Kleid einer TV-Parodie. Wahrscheinlich gibt es im gesamten deutschen Sprachraum heute niemanden, der dieses Handwerk besser beherrscht als Olli Dittrich.

Bemerkenswerterweise hat "Frühstücksfernsehen" immer dann kleine Längen, wenn Dittrich sich einmal nicht auf sich selbst verlässt, wenn er Gaststars wie den Schauspieler Ben Becker oder den Literaturkritiker Hellmuth Karasek als sich selbst auftreten lässt: Sie wirken unecht im Vergleich zu den Figuren Dittrichs, aufgesetzt und gekünstelt. Ganz anders übrigens als Dittrichs Mitstreiterin Cordula Stratmann. Als Co-Moderatorin "Claudia Akgün" steht sie Dittrichs "Sören Lorenz" in ihrer unkaputtbaren Frühstücksfröhlichkeit um nichts nach.

"Claudia Akgün", "Sören Lorenz", "Ingrid Höffelhuber" - schon allein die Namen der Figuren zeigen, mit welcher Detailverliebtheit Dittrich ans Werk gegangen ist - sie erzählen bereits ganze Geschichten, ohne dass man sie reden gehört hat. Lange, bevor ihre Texte und (punktuell etwas zu kalauernden) Gags geschrieben wurden, standen diese Persönlichkeiten fest. Mehr als eine taugt für die fortgesetzte Verwendung.

Loriot, Polt, Dittrich

"Frühstücksfernsehen" kommt seltsam gleichzeitig aktuell und zeitlos daher. Dittrichs Beobachtungen sind nicht an das Tagesgeschehen gebunden - und gerade deshalb dauerhaft gültig. Es ist keine anmaßende Prognose, dass man sich das dann hoffentlich in vielen Folgen fortgesetzte "Frühstücksfernsehen" in einigen Jahren so ansehen wird wie heute Loriots gesammelte TV-Sketche oder Gerhard Polts "Fast wia im richtigen Leben": als rare Klassiker des deutschen Humors.

Klar, mancher Witz ist etwas schlicht, oder sagen wir lieber: völlig beknackt, aber aufgewogen wird dieser von hundert anderen lustigen Ideen. Nein, wer am Montagabend nicht herzlich über "Frühstücksfernsehen" lachen kann, hat höchstwahrscheinlich gar kein Herz. Alle anderen können sich danach erschöpft, aber glücklich ins Bett legen: Der Tag ist bestens gelaufen.


"Frühstücksfernsehen", ARD, Montag, 23.30 Uhr

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insgesamt 162 Beiträge
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1. Angst?
derbochumerjunge 06.05.2013
Das Einzige, was mich stört, ist die Sendezeit. Hat die ARD Angst davor, dass die Zuschauer zur Primetime etwas Gutes vorgesetzt bekommen?
2. Genau die passende Sendezeit!
prince62 06.05.2013
Zitat von sysopWDR/ Dietmar SeipGute Laune, aber sofort! Öffentlich-rechtliches Frühstücksfernsehen ist eine Qual - wenn es nicht von Olli Dittrich parodiert wird. Der TV-Künstler hat endlich ein neues Format, hat neue Figuren und schöne Ideen. Und was haben wir? Das Glück, zusehen zu dürfen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/wdr-fruehstuecksfernsehen-mit-olli-dittrich-a-898301.html
Wie ich jetzt so mitbekommen habe, wird die Sendezeit um 23.30 Uhr sein, genau die richtige Zeit, um das arbeitende Volk zu beglücken. Typisch Öffentlich-Gebrechliche Regierungssender, niveau- und gehirnlose Schmonzetten zur besten Sendezeit, wenn dann mal was gutes produziert wird, kurz vor oder nach Mitternacht, da kann man ja immer noch auf diese kulturell hochstehenden Sendungen verweisen, die gesendet werden.
3. Olli Dittrich?!
DocZork 06.05.2013
Ich freu mich drauf!
4. Olli Dittrich...
fotograf-ffm 06.05.2013
...gefällt mir!
5. optional
LapOfGods 06.05.2013
23.30h, vorher kommt wahrscheinlich ne Talk-Show, ein Fernsehfilm mit Senta Berger über junggebliebene Alte, ein Promiquiz oder ein Schwedenkrimi. Oder alles zusammen. Was man so zum Einschlafen braucht.
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