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WDR-Intendantin Piel: Die Herrscherin tritt ab

Von Daniel Bouhs

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dapd

WDR-Intendantin Piel: Rückzug aus privaten Gründen

Monika Piel hat ihren Rücktritt angekündigt, möglichst bald will sich sie von der Spitze des WDR zurückziehen. Was bedeutet das für den Sender? Bilanz einer Intendantin, die keine Reformerin war - aber allemal eine Taktikerin.

Vieles spricht dafür, dass Monika Piel völlig überstürzt gehandelt hat. In ihrem Sender, dem WDR, waren die Mitarbeiter jedenfalls am Freitagabend baff, als sie einem Dreizeiler ihrer Intendantin entnehmen mussten: Piel, die vor nicht mal einem Jahr ihren mit jährlich 308.000 Euro dotieren Vertrag bis 2019 hatte verlängern lassen, will sich zurückziehen - und das so schnell wie möglich.

Auch leitende Mitarbeiter waren nicht vorgewarnt. Piel hat ihr elektronisches Rundschreiben offenbar in solcher Eile abgesetzt, dass sie sich vertippte. Die 61-Jährige bittet ihre Belegschaft um Verständnis, "dass sich Sie in diesem für mich sehr schwierigen Moment nur in aller Kürze informiere".

Nachlässigkeit zählt nicht zu Piels Schwächen. Im Sender wussten die Mitarbeiter daher: Der Job muss für ihre Intendantin völlig überraschend zur Nebensache geworden sein. Der Grund bleibt ihr Geheimnis. Wie üblich hütet sich Piel davor, ihr Privatleben nach außen zu kehren. Aber ihre Devise ist klar: Bloß raus hier!

Mit Piel tritt eine Anstaltsleiterin ab, die durch und durch öffentlich-rechtlich ist - im Guten wie im Schlechten. Die Karriere der Rheinländerin, die beim Hörfunk begann, ist von maximaler Treue zum Westdeutschen Rundfunk geprägt. Sie startete einst als Redaktionsassistentin, wurde später Hörfunkdirektorin, 2007 schließlich Intendantin.

Piel kämpft gegen den Quotendruck

Die großen Fußstapfen ihres Vorgängers Fritz Pleitgen füllte sie gut, aber nicht völlig. Verdienste hatte sie vor allem als Hörfunkchefin. Damals nahm sie etwa das "kosmopolitische Integrationsradio" Funkhaus Europa in Betrieb, das heute sogar in Berlin weitab der Kölner WDR-Zentrale sendet.

Ihre Entscheidung die Kulturwelle WDR 3 umzubauen, bescherte ihr im vergangenen Jahr Kritik. Mehr als 18.000 Hörer protestierten per Unterschrift gegen die geplanten Einsparungen, die einer "Entwortung" gleichkämen.

Beim WDR-Fernsehen zeichnete sich Piel nicht durch besonderes Interesse an der Detailarbeit aus. In kleineren Sitzungen war sie nicht wirklich präsent, anders als etwa NDR-Intendant Lutz Marmor. Ihn lieben seine Mitarbeiter dafür, dass er auf Augenhöhe agiert. Piels Sache war das eher nicht.

Piel stärkte den Programmmachern im Kleinen immer dann den Rücken, wenn es um die Frage ging, ob Quotenzwänge das journalistische Profil der Sender dominieren sollen. Im WDR ist bekannt: Ginge es nach Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff, wäre das Dritte "durchformatiert". Einige Sendungen, die unbequem sind aber nicht viel Publikum bringen, hätten es schwer.

Was Piel als Kind des Systems in ihrer knapp sechsjährigen Amtszeit mitschleppte, war die Attitüde einer Herrscherin - bei weit mehr als 4000 festangestellten Mitarbeitern kein Wunder. Zuletzt spotteten einige im Sender darüber, dass Piel, die doch so sehr vom Sparen sprach, es sich nicht nehmen ließ, höchstpersönlich beim Stabwechsel im Washingtoner ARD-Büro vorbeizuschauen - ein Zimmer im noblen Ritz Carlton inklusive. Ein leuchtendes Vorbild in Sachen Genügsamkeit war sie nicht.

Gottschalk war ein großes Projekt - es wurde zum Desaster

Zuletzt war Piel zwei Jahre lang auch Vorsitzende der ARD. Zwei Jahre sind in dem föderalen und damit arg komplizierten, da stets auf Ausgleich bedachtem Verbund von immerhin neun Programmhäusern freilich kein großzügiger Zeitraum. Piel hatte sich viel vorgenommen, unterm Strich aber bemerkenswert wenig erreicht.

Die Intendantin wollte den Streit mit den Verlegern schlichten, doch die Lage eskalierte. Die Verlage klagten gegen die "Tagesschau"-App, die aus ihrer Sicht den Zeitungen zu viel Konkurrenz macht, und gewannen vorerst. Piels WDR beendete eine aussichtsreiche Kooperation mit der WAZ-Gruppe. Um einen Burgfrieden kümmert sich nun Piels Nachfolger Marmor.

Piel warb Entertainer Thomas Gottschalk an, musste aber zum Ende ihrer Zeit als ARD-Häuptling einräumen, dass dieses Projekt "nicht funktioniert" hat. Es war sogar noch viel schlimmer: ein Desaster. Mit dem Projekt "Gottschalk" stieß Piel dort auf Probleme, wo eine Intendantin eher Gegenliebe suchen sollte: in den Gremien. Erst Anfang dieses Jahres beklagte Rundfunkrätin Andrea Verporten, entsandt von der CDU, Piel arbeite "wenig transparent", Antworten fielen "sehr umständlich" aus.

Zuletzt konnten Beobachter den Eindruck gewinnen, dass sich Piel außerhalb des Senders viel von der Seele reden wollte. In einem ihrer jüngsten Interviews, das im "Stern" erschien und nun wie ein Abschiedsgespräch wirkt, teilte die Intendantin aus. In der ARD wolle "jeder Chefredakteur eines Senders auf den Schirm" - das tue der Markenbildung nicht immer gut. Piel war, das ist ihre Stärke, nie um ein direktes Wort verlegen. Als fast schon hemdsärmelige Macherin wird sie künftig fehlen.

Eine Reformerin war Piel im WDR nicht - eine Taktikerin allemal

Zuletzt rückte sie für einen Kompromiss durchaus von lange festgefahrenen Positionen ab. Einst war sie entschieden dagegen, dass die ARD gemeinsam mit dem ZDF einen Jugendkanal installiert. Im vergangenen Herbst ließ sie sich schließlich erweichen. Ganz Taktikerin sicherte sie sich im Gegenzug, dass nicht der von ihrem Haus betreute Digitalableger EinsFestival dafür geopfert werden muss, sondern der Kanal im Gegenteil noch stärker positioniert wird.

Piel war stets darauf bedacht, nicht allzu viel geben zu müssen. Der Proporz bei den Talks im Ersten musste stimmen: Halten ARD und NDR an "Günther Jauch" und "Anne Will" fest, muss es bei "Menschen bei Maischberger" und "Hart aber fair" vom WDR bleiben. Piel konnte nicht nur herrschen. Sie konnte auch stur sein, vor allem wenn es darum ging, ihren Leuten nichts wegzunehmen.

Eine Reformerin war Piel während ihrer Amtszeit nicht. Sie hinterlässt keine nachhaltigen Neuerungen - dabei tut das Not, wie sie in der aktuellen Ausgabe ihres Hausmagazins sogar selbst notiert. Piel ruft zu einem "umfassenden Selbstvergewisserungsprozess" auf.

Der WDR müsse sich "mehr als alle anderen um Akzeptanz und Transparenz bemühen". Der Rundfunkbeitrag sei schließlich "ein Privileg", mahnt Monika Piel. Doch auch aus diesem Projekt zieht sich die Intendantin nun heraus. Am Montag kommt der Rundfunkrat zusammen. Das Treffen war geplant; nicht aber, dass die Suche nach einer neuen Senderspitze auf der Agenda steht.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. öffentlich rechtliches Profil?!
ProfPedro 26.01.2013
Monika Piel hat den Vorabend mit immer gleichem Krimi-Light-Formt durchformatieren lassen, die unsägliche Talkshow-Vereinheitlichung eingeführt, den Dokumentarfilmsendeplatz gestrichen, überteuerte Sportrechte kaufen lassen, der Radiosender Radio Europa hat Radio Multikulti in Berlin verdrängt und damit auch hier eine pausschale Vereinheitlichung von Programm befördert. Das unsägliche Gottschalkabenteuer war dann der Gipfel er Reduzierung öffentlich-rechtlicher Vielfalt auf formatiertes Fernsehen-light. Der Affront gegenüber den Kreativen, indem sie den Fernsehpreis um die fehlenden Auszeichnugen "unwichtiger" Kreativer verschlankte und damit ihre Missachtung der Notwendigkeit kreativer Arbeit für ein besonderes Programm deutlich Ausdruck gegeben hat. Sie hat eine Menge Sargnägel in den Sarg des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geschlagen. Eine katastrophale Billianz!!
2. intendanten
muske 26.01.2013
Hallo, mich würde mal interessieren, wie viele Intendanten hat das öffentliche Fernsehen und was verdienen diese insgesamt?
3. Zu spät
pefete 26.01.2013
Das Image der ARD ist soooo schlecht geworden, das hätten andere für weniger Geld auch geschafft. Und was den WDR betrifft - er ist ein Kölner Regionalsender, bei dem Bonn, Düsseldorf schon "Ausland" ist. Vom Ruhrgebiet, Sauer-, Siegerland, Westfalen Ostwestfalen ganz zu schweigen ...
4.
iceba 26.01.2013
der wdr ist nicht nur die größte der ard-sendeanstalten, er stellt auch die korrespondenten und korrespondentinnen in vielen auslandsstudios, darunter washington, moskau, paris, new york, nairobi, warschau...
5. Etwas Respekt bitte!
hxk 26.01.2013
Die Frau bekommt mehr Gehalt als Merkel oder Gauck. Also muss sie eine Superleistung als Gegenleistung bringen. ;)
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