Forderung des WDR-Rundfunkrats: ARD soll Talkshows "konsequent reduzieren"
Weniger Sendungen mit klarer unterscheidbaren Formaten: Der Rundfunkrat der größten ARD-Anstalt fordert eine deutliche Reform der abendlichen Talk-Schiene - zu oft glichen sich bislang Themen und Gäste. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann wehrt sich und spricht von "selektiver Wahrnehmung".
Köln/Hamburg - Diesem Ansinnen dürften sich viele Zuschauer anschließen: Der Rundfunkrat des Westdeutschen Rundfunks (WDR) will weniger Talkshows in der ARD. Das Aufsichtsgremium hat in einem Beschluss die "konsequente Reduzierung der Talksendungen" gefordert. Die derzeitige Talkschiene der ARD mit fünf Sendungen pro Woche war erst im Herbst 2011 mit der Verpflichtung von Günther Jauch gestartet. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann will von einer Reduzierung allerdings nichts wissen.
Das Verlangen des Rundfunkrates hat auch deshalb besonderes Gewicht, weil der WDR mit "Hart aber fair" und " Menschen bei Maischberger" selbst zwei der abendlichen Talkshows produziert. "Günther Jauch", "Beckmann" und "Anne Will" entstehen in der Verantwortung des Norddeutschen Rundfunks (NDR).
"Der Rundfunkrat hat ja schon, als die fünf Talkshows gestartet sind, die Sorge geäußert, dass das zu viel sein könnte", sagte die Vorsitzende des WDR-Gremiums, Ruth Hieronymi. "Diese Bedenken haben sich bestätigt." Der "Süddeutschen Zeitung" sagte Hieronymi, der NDR-Rundfunkrat befasse sich parallel ebenfalls mit dem Thema, die Ergebnisse sollten demnach bald zusammengeführt werden.
Konkret verlangt der WDR-Rundfunkrat in seinem jüngsten Beschluss allerdings nicht zwingend die Absetzung eines konkreten Formats. Wie sich die Zahl der Sendungen am besten verringern ließe, müssten die Programmmacher nun selbst prüfen. Es müsse nicht in jedem Fall darauf hinauslaufen, dass ein Format gestrichen werde. Denkbar sei zum Beispiel auch, dass nicht jede Talkshow jede Woche auf Sendung gehe, sondern dass man sich abwechsle. Das sei bei den politischen Magazinen in der ARD ja auch so, sagte Hieronymi.
"Bei den Gesprächssendungen prägen Köpfe das Programm", merkte hingegen Thomas Baumann am Dienstag in München an. "Diese Wirkung droht zu verpuffen, wenn man an der Frequenz unserer Sendungen herumschrauben würde", sagte der ARD-Chefredakteur. Eine solche Rotation bringe zudem keinerlei Einsparungspotential. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Modell bezahlbar wäre", erklärte Baumann.
Dokumentationen oft besser geeignet
Hieronymi begründete die Forderung des Gremiums nicht nur mit der Quantität der Sendetermine, sondern auch mit konzeptionellen Mängeln. Die Zahl der Themen und Gäste gebe so viele Talkshows nicht her, in der Summe sei das einfach zu viel. "Diese Sichtweise erscheint mir sehr wenig differenziert zu sein und sehr stark auf selektiver Wahrnehmung zu beruhen", entgegnete Chefredakteur Thomas Baumann.
In dem Beschluss des Rundfunkrats heißt es außerdem, nach der Reduzierung der Talkshows müssten die verbleibenden Sendungen in Form und Inhalt eindeutig voneinander abgegrenzt werden. "Beispielsweise könnte sich ein Format auf Vier-Augen-Gespräche konzentrieren, ein anderes auf Wirtschaftsthemen." Das "Format Talk" bedürfe insgesamt innovativer Ideen. Oft seien Dokumentationen besser geeignet, Themen differenziert und umfassend zu behandeln.
Zudem kritisierte der Rundfunkrat die Neigung der Talk-Redaktionen, immer nur auf die gerade aktuellsten Themen zu setzen. "Dadurch wird die mögliche Themen- und Gästevielfalt unnötig eingeengt", heißt es in dem Beschluss. Die Redaktionen sprächen sich untereinander nicht genug ab. "Eine Wiederholung der immer gleichen Positionen in minimaler Abwandlung ist zu vermeiden. Die Sendungen sollten einen Mehrwert und Erkenntnisgewinn vermitteln."
"Unsere Sendungen springen keineswegs nur auf vorhandene Themen auf, sie setzen unabhängig von der Nachrichtenlage auch selbst eigene Themen", wehrte sich ARD-Chefredakteur Baumann.
"Zuwächse in der Akzeptanz"
Die Forderung nach einer engeren Abstimmung im Talk-Bereich will das WDR-Gremium dabei nicht auf die ARD-Anstalten beschränkt sehen. Auch zeitliche Kollisionen mit ZDF-Talks sollten vermieden werden. "Eine solche Dopplung ist nicht im Sinne der Gebührenzahler." ARD und ZDF müssten gemeinsam ihren öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllen.
Für eine Reduzierung der Talks sieht Chefredakteur Baumann keine Veranlassung. "Das Publikum jedenfalls scheint von der Qualität unserer Sendungen überzeugt zu sein und beobachtet diese mit zunehmendem Interesse", sagte Baumann. Der ARD-Mann verwies darauf, dass seit der Einführung des neuen Programmschemas vier der fünf Sendungen "teils signifikante Zuwächse in der Akzeptanz" verbuchten.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikel hieß es, der WDR produziere auch die Sendung "Günther Jauch". Diese Information ist falsch. Vielmehr wird "Günther Jauch" vom NDR produziert. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
fdi/dpa/dapd
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