Psychodrama mit Tilda Swinton Mein Sohn, der Sadist

Im Krieg mit dem eigenen Kind: Eine verzweifelte Mutter sucht Zugang zu ihrem Sohn - der später als Teenager eine halbe Schulklasse massakriert. "We Need to Talk About Kevin" ist die grausame Geschichte einer Entfremdung. Ein Gewaltakt von Film mit einer furios aufspielenden Tilda Swinton.

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Das Ding, das andere ihren Sohn nennen, raubt ihr den letzten Nerv. Es lärmt, es sabbert, es saut sich voll. Spricht man es an, dann stellt es sich stur. Für die junge Mutter Eva (Tilda Swinton) ist das Leben eine endlose Wochenbettdepression: Als Baby ist ihr Kevin eine unerträgliche Last, im Teenager-Alter erscheint er ihr endgültig als Ausgeburt der Hölle. Je schlechter es der Mutter geht, desto mehr scheint Kevin das Leben zu genießen. Der geborene Sadist.

Am Anfang sehen wir, wie er als Baby die Windeln voll hat. Eva beschwert sich, dass sie in Paris das Leben genießen könnte, statt ihn hier in einem öden amerikanischen Vorort sauber zu machen. Kaum anzunehmen, dass das Baby die Worte verstanden hat, aber so, wie sich Kevin später verhält, könnte man das glatt annehmen: Als wollte er sich für die Lieblosigkeit seiner Mutter rächen, trägt er auch mit acht Jahren noch Windeln. Und wenn Eva ihm eine frische angezogen hat, grinst er dämonisch, um ein besonders großes Häufchen abzusondern.

Das Mutter-Sohn-Drama "We Need to Talk About Kevin" ist über Strecken inszeniert wie ein Horrorfilm: In der Wahrnehmung der Mutter wirkt der Junge wie die Satansbrut im Okkult-Klassiker "Das Omen". Wie kann man etwas gebären, das einem offensichtlich nur Böses will? Da müssen doch teuflische Kräfte im Spiel sein. Aber das Fremde, es wird von Regisseurin Lynne Ramsey gnadenlos als das Eigene inszeniert: Denn je älter Kevin wird und je unheimlicher ihn die Mutter findet, desto mehr sieht er aus wie sie. Mit 15 scheint er ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Ein perfider Gag der Natur.

Zu diesem Zeitpunkt hat Eva den Kampf gegen ihr Kind schon lange verloren. Kevin treibt sie mit manipulativen Spielen vor sich her, und wenn sie ihm in die Falle gegangen ist, dann setzt er sein eisiges, spöttisches Lächeln auf. In einer Szene durchwühlt Eva das Zimmer ihres Sohnes und findet eine suggestiv beschriftete, selbstgebrannte CD. Etwa ein Sex- oder Gewaltfilm? Sie kann nicht widerstehen und schiebt die CD in ihren Computer. Woraufhin der abstürzt und alle ihre Daten löscht. Ein weiterer Sieg für das pubertierende Ungeheuer: Du willst mich verstehen? Vergiss es!

Überleben als Strafe

Regisseurin Ramsey selbst ist schlau genug, in ihrer Geschichte einer Entfremdung nicht alles erklärbar machen zu wollen. Wie denn auch? Der adoleszente Sadismus ihres Protagonisten steigert sich ins Monströse, das lässt sich nicht so leicht weganalysieren: An einem schönen Tag geht er mit Pfeil und Bogen in die Schule, tötet eine halbe Klasse, auch Vater (John C. Reilly) und Schwester bringt er um.

Ein Amoklauf? Eher das Gegenteil, ein kühl geplantes und ausgeführtes Attentat, das nur einen Sinn zu haben scheint: der Mutter die größtmögliche Verletzung zuzufügen. Überleben als Strafe.

Als Vorlage für Ramseys Gewaltreflexion "We Need to Talk About Kevin" diente der gleichnamige Bestseller der amerikanischen Schriftstellerin Lionel Shriver. Darin wird über Briefe, die die Protagonistin schreibt, das schwierige und fatale Verhältnis zum Sohn rekonstruiert. Ramsay indes tastet sich für ihren Film durch ein komplexes Rückblendengeflecht an den Abgrund.

Die Britin galt nach "Ratcatcher" (1999) und "Morvern Callar" (2002) als eine der hoffnungsvollsten Independent-Regisseurinnen, ging dann in die USA und drohte sich im Kampf mit Hollywoods Produzenten und Big Playern aufzureiben. Insgesamt acht Jahre hat die Herstellung von "We Need to Talk About Kevin" gekostet. Geschadet hat es dem Film nicht: Statt sich in Spekulation zu ergehen, entwickelt sie ihren Film in größter Ruhe und taucht tief ins Zentrum der Gewalt ab.

Frappierend, wie Ramsey es gelingt, Mutter und Sohn bei allem unverhohlenen Hass in größte Nähe zu rücken. Die drei Darsteller, die Kevin in drei unterschiedlichen Altersphasen spielen (Ezra Miller verkörpert den 15-jährigen Kevin), sind perfekt gecastet, die Ähnlichkeiten zur Film-Mutter erstaunlich. Organischer und suggestiver kann man diese Hölle namens Familie kaum darstellen.

Das Vorstadteigenheim wird in "We Need to Talk About Kevin" zu einem Ort, in dem sich Kränkungen und Verletzungen auf perfideste Weise zufügen lassen. Und Ramsay zeigt die Kränkungsstrategien ihrer Figuren brutal. In einer Szene schlägt die überforderte Mutter ihren Sohn, so dass der sich den Arm bricht. In jedem anderen Film wäre das als häusliche Gewalt inszeniert worden, hier aber wird die Verletzung des Jungen zu dessen Triumph. Still steckt er den Schmerz weg, während er genüsslich zur Mutter schaut, die an ihrer Schuld zu zerbrechen droht.

Nein, gegen das (echte oder vermeintliche) Monster, das Eva ausgetragen und aufgezogen hat, hat sie keine Chance. Nur einmal, ganz am Anfang der Geschichte, als Kevin noch ein Baby ist und von morgens bis abends schreit, sieht man sie einen kleinen Sieg davontragen: Sie steht neben einem Bauarbeiter mit Presslufthammer, neben sich den Kinderwagen. Im Getöse der Maschine entspannen sich plötzlich alle Gesichtszüge von Eva. Endlich ist es nicht mehr zu hören, das Lärmen von dem Ding, das andere ihren Sohn nennen.



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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
voidena 13.08.2012
1. Klingt
sehr interessant!
The Captain 13.08.2012
2.
Zitat von sysopfugu filmsIm Krieg mit dem eigenen Kind: Eine verzweifelte Mutter sucht Zugang zu ihrem Sohn - der später als Teenager eine halbe Schulklasse massakriert. "We Need to Talk About Kevin" ist die grausame Geschichte einer Entfremdung. Ein Gewaltakt von Film mit einer furios aufspielenden Tilda Swinton. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,844338,00.html
Vielleicht ein kleiner Warnschuss vor den Bug jener Alleinerziehenden, die glauben, ein Kind großziehen zu können ohne Vater. Zumindest ist vom Paps des "lieben" Kevin ja keine Rede im Artikel ... ;) Kinder sind schon was schönes ... Ich möcht keins. Aber nicht wegen dem Artikel, sondern generell nicht. Lieber in Paris das Leben genießen ... in meinem Falle eher Florida & Springbreak :D
!!!Fovea!!! 13.08.2012
3.
Zitat von sysopfugu filmsIm Krieg mit dem eigenen Kind: Eine verzweifelte Mutter sucht Zugang zu ihrem Sohn - der später als Teenager eine halbe Schulklasse massakriert. "We Need to Talk About Kevin" ist die grausame Geschichte einer Entfremdung. Ein Gewaltakt von Film mit einer furios aufspielenden Tilda Swinton. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,844338,00.html
In der Vorstellung des Films im SPON - Artikel wird nur einmal der Vater erwähnt, der später ermordet wird. Frage: Ist die Mutter im Film alleinerziehend? Ansonsten ist das Ergebnis, wer Schuld an diesem Kind hat für 99% der Frauen bereits im Vorfeld klar! Der böse Mann, der nur seine Spermweitergabe im Kopf hatte, läßt die arme Mutti alleine mit der Problematik der Kindererziehung, daher ist es ja auch klar, dass das Verhalten des Kindes auf die vaterlose Erziehung zurückzuführen ist, die Mutti nicht kompensieren konnte. Daher ist Mutti sicher nicht Schuld am Verhalten des Kindes. Also, tiefenpsychologisch scheint der Film nur daran interessiert zu sein die Machtkämpfe zwischen Mutter Kind darzustellen, aber vermag nicht Gründe hervorzuheben, was eigentlich dazu führte, dass das Kind so geriet.
daskänguru 13.08.2012
4. Ja ja lesen und verstehen.
Zitat von The CaptainVielleicht ein kleiner Warnschuss vor den Bug jener Alleinerziehenden, die glauben, ein Kind großziehen zu können ohne Vater. Zumindest ist vom Paps des "lieben" Kevin ja keine Rede im Artikel ... ;) Kinder sind schon was schönes ... Ich möcht keins. Aber nicht wegen dem Artikel, sondern generell nicht. Lieber in Paris das Leben genießen ... in meinem Falle eher Florida & Springbreak :D
>>auch Vater (John C. Reilly) und Schwester bringt er um.
typo3 13.08.2012
5. spoiler
ich finds wirklich sehr ungluecklich, das ende des filmes gleich vorwegzunehmen, nicht selten lesen doch menschen so einen artikel vor dem filmschauen. da haette der autor schon drauf achten koennen. es wird ja sogar erwaehnt, dass der film teilweise wie ein horrorfilm inszeniert ist, da ist es doch eingeplant, dass ein wenig spannung erhalten bis zum schluss besteht.
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