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Neuer Web-Sender dbate: Selfies der Aufklärung

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Websender dbate: Im Kampf gegen Erdogan und Putin Fotos
dbate/ ECO Media

Videotagebücher aus der Ukraine, YouTube-Filme von türkischen Aktivisten: Der neue Web-Sender dbate arbeitet an der Schnittstelle von Internet und Fernsehen. Er schafft, woran ARD und ZDF oft scheitern.

"No Pets! No Porn! - wir machen Journalismus!" Eine klare Ansage, die die neue Videoplattform dbate zu ihrem Start an diesem Dienstag auf ihrer Homepage macht. Keine Streicheltiere, keine Schweinereien also. Das ist im Zusammenhang mit dem Begriff Videoplattform ja nicht selbstverständlich. Die Möglichkeit der schnellen Lancierung von Videos nutzt der Web-Sender dazu, harte Informationen und ebenso harte Meinungen in Umlauf zu bringen.

Hinter der Seite steht die Produktionsfirma Eco Media des Fernsehjournalisten Stephan Lamby, der für seine politischen Reportagen gerade mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis ausgezeichnet wurde. Die Initialzündung für das Projekt lieferten die Erfahrungen von Fukushima. Nach dem Reaktorunglück war das radioaktiv verseuchte Gebiet für Reporter gesperrt; Lamby schnitt in seiner Doku-Manufaktur zeitnah den Film "Tsunami - die Katastrophe via Skype" zusammen, in dem junge Japaner über Skype-Interviews Auskunft über die Ereignisse und ihre eigene Versehrtheit gaben. So entstand eine autonome Katastrophenerzählung, die über die übliche News-Dramatik hinausging.

Es folgte "My Revolution - Video Diary from Kiev" über den Umbruch in der Ukraine in den Jahren 2013/2014. Der Titel war Programm: Der Blickwinkel wurde subjektiv gehalten, über Skype kommentierten Aktivisten, Blogger und ukrainische Journalisten, wie sie selbst das Geschehen auf dem Maidan wahrgenommen hatten.

Fernsehen als work in progress

Das ist Zeitgeschehen aus der Smartphone-Perspektive - nicht in Echtzeit, weil sich die Eco-Media-Mitarbeiter vorbehalten, das Material journalistisch zu prüfen, aber doch ohne die oft lähmenden bürokratischen und taktischen Abwägungsprozesse der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die noch nicht recht wissen, wie sie mit den neuen digitalen Medien umgehen sollen und wollen. Gleichwohl kooperiert Eco-Media mit Sendern wie ZDFInfo oder dem WDR, die fertige Produktionen der Firma erwerben und ausstrahlen.

Zeitnah, zumindest im Versuch authentisch, felsenfest ans sprechende Subjekt glaubend: Die Videoplattform dbate wirkt wie ein Labor für neue Formen des Dokumentarischen. Kernstück ist die Sektion "Videotagebücher", in der in kleinteiliger Form aus gesellschaftlichen oder geografischen Regionen berichtet wird, die unzugänglich oder unübersichtlich erscheinen; Selfies der Aufklärung sozusagen.

So ist in diesem Bereich von dbate ein Videotagebuch unter dem Titel "Mein Leben in Donezk" zu sehen, in dem eine junge Mutter über Zerstörung und Alltag in der umkämpften Gegend berichtet. Später wird "My Life under Erdogan" starten, das von Aktivisten in der Türkei erzählt. Und ein Himalaja-Tagebuch soll das gespannte Verhältnis von Sherpas und Bergsteigern nachzeichnen.

Insgesamt ist dbate ein beachtlicher Versuch, das Potenzial von Twitter, Skype und YouTube journalistisch zu bündeln und an der Schnittstelle zwischen Internet und klassischem Fernsehen neue Strategien für den Journalismus und die Reportage zu finden. In Zukunft wollen zumindest ZDFInfo und der WDR noch stärker mit dbate und Eco Media kooperieren. Dbate liefert so gesehen Fernsehen als work in progress. Wer weiß schon, wie das Medium morgen aussehen wird.

In einem Skype-Interview auf dbate kommt auch die junge Komikerin Joyce Ilg zu Wort, die ihre Spots auf ihrem eigenen YouTube-Kanal sendet, aber inzwischen auch fürs große Fernsehen gebucht wird. YouTube findet sie ideal, konventionelle Sender eher okay. Ilg sagt: "Die könnten gerne mal mehr Wert auf die Inhalte legen und weniger auf den Look." Dbate erfüllt diese Forderung gewissermaßen schon.


Die Videoplattform dbate finden Sie hier

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
piccolo-mini 11.11.2014
Grundsätzlich ein interessanter Ansatz. Journalistisch relevant wäre noch die Frage wer das finanziert. Titel wie "my revolution" legen nämlich nahe, dass die Plattform von den gleichen Leuten finanziert wird, wie die Maidan-Bewegung. Schon geprüft?
2. Faktenfreie Website als Medienverstärker
marioff 11.11.2014
Selektive Meinungsausschnitte von Laien, statt Fakten und Analysen, verstärken die Einseitigkeit der Mediendarstellungen. Dann lieber KEN FM oder fundierte, nicht "embeddete" Journalisten mit know how.
3.
dent42 11.11.2014
Zitat von marioffSelektive Meinungsausschnitte von Laien, statt Fakten und Analysen, verstärken die Einseitigkeit der Mediendarstellungen. Dann lieber KEN FM oder fundierte, nicht "embeddete" Journalisten mit know how.
Ken FM? So schnell kann man sich selber disqualifizieren.
4. ARD und ZDF scheitern nicht sondern sollen scheitern,
mielforte 11.11.2014
dbate ist ein Angriff auf die ÖR. Nationale Rundfunkanstalten sollen überrannt werden.
5. Disqualifizieren?
marioff 12.11.2014
Zitat von dent42Ken FM? So schnell kann man sich selber disqualifizieren.
Sie meinen wohl dissen, statt disqualifizieren? Mehrere Millionen Zugriffe auf die oft langen Interviews mit ehemaligen CDU-Regierungsmitgliedern, Menschen aus dem Umfeld des Zentralrats der Juden, Friedensaktivisten (überwiegend des linken Spektrums) und die Eigendarstellung politischer wie historischer Zusammenhänge - dies möchte Menschen wie SIE immer noch disqualifizierend nennen? Weil KEN FM in übler Art und Weise durch Medienbashing (siehe SPON) irgendwelchen dubiosen Verschwörungstheoretikern zugeordnet werden soll? Der Mann ist definitiv kein Genie - ebenso wenig ein Journalist um den man einen Bogen machen sollte. Seine durchaus polarisierende Rhetorik kann nicht von der Tatsache ablenken, dass er primäre Frage stellt und Fakten zu den Wurzeln komplexer Sachverhalte einbezieht. Ähnlich wie die fanatische Ablehnung russischer Sichtweisen im SPON, richten sich die Leitmedien verleumderisch gegen KEN FM, indem man unter verschärft einseitiger, manipulativer und aus dem Kontext gerissener Medienschelte diesen Mann als unglaubwürdig geisseln möchte. So wie Putin zur ausschliesslichen Hassfigur, zum Kriegsmacher erklärt werden soll. Bitte einfach mal Karl Kraus lesen, der die Aufstachelung der Leitmedien zum ersten Weltkrieg ätzend geisselte. Fällt Ihnen etwas auf?
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