Web-Serien-Macher Daniel Hyan Stromberg in der Pornoszene

Beate-Uhse-TV? Klar, warum nicht? Daniel Hyan ist Deutschlands umtriebigster Web-Serien-Regisseur. Um seine Projekte zu realisieren, schreckt er vor keiner Kooperation zurück - und auch nicht vor "Porno-Comedy". Besuch bei einem Mann, der gerne mit Splatter-Ikonen und Sex-Queens dreht.

Von Christian Bartels

Susanne Tessa Müller

Das große Publikum errreichten deutsche Web-Serien nie, aber momentan ist es besonders klein. Die deutsche Sektion von Rupert Murdochs Netzwerk MySpace, die einst mit Auftragsproduktionen wie "They call us Candy Girls" Nutzer binden wollte, wurde geschlossen. Die VZ-Netzwerke, die Ähnliches versuchten, als sie noch mit Facebook zu konkurrieren hofften, sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Dass es überhaupt noch deutsche Web-Serien gibt, hat zwei Gründe. Der eine ist 3min.de, ein Portal der Deutschen Telekom, das Web-Serien zeigt und deren Produzenten Pauschalen zahlt. Der andere Grund ist Daniel Hyan, der wohl umtriebigste deutsche Web-Serien-Regisseur. Er hat die "Miami-Vice"-Persiflage "Moabit Vice" und die Pauker-Komödie "Kollegium - Klassenkampf im Lehrerzimmer" gedreht und wurde sogar von der Berliner Filmförderung unterstützt; seine Horrorserie "Fashion Victims" für die ProSiebenSat1 AG, von der eine Pilotfolge entstanden ist, liegt allerdings auf Eis. "Das Konzept wurde von Telefonkonferenz zu Telefonkonferenz verwässert", sagt Hyan. Dafür läuft die für 3min.de entstandene Serie "Kollegium" immerhin seit kurzem auf "Comedy Central"; den "Sprung zur Fernsehserie" hat er also geschafft.

Der 33-Jährige hatte mit 14 als Kabelträger bei Dieter-Thomas-Heck-Shows in Offenburg "Lunte gerochen" und verbringt nun als hauptberuflicher Filmemacher mit der Produktion einer Webisode ein gutes halbes Jahr. Und jetzt will er sich mit der Fortsetzung seiner Serie "Making of 'Süsse Stuten 7'" (MOSS 7) auch dauerhaft im konventionellen Fernsehen etablieren. Das im "Stromberg"-Gestus gefilmte Mockumentary vom Set eines fiktiven Pornofilms ist seit 2009 bei 3min.de abrufbar.

2010 hatten Hyan und sein Produzent Uwe Kamitz dieses Projekt auch beim ZDF-Digitalsender Neo vorgestellt, der in der Szene Interesse für Web-Serien signalisierte. "Dann hat aber die Starpower von Christian Ulmen das Rennen gemacht", sagt Hyan. Mit Ulmens "Die Snobs" lief tatsächlich eine Web-Comedy sowohl im Internet als auch im öffentlich-rechtlichen Digitalfernsehen.

"Hauptsache, ich kann weiterproduzieren"

Hyan verkaufte seine Fernsehrechte an einen völlig anderen Sender: MOSS 7 ist seit Januar 2011 bei Beate-Uhse-TV im Pay-TV-Angebot von Sky zu sehen. Für die zweite Staffel, die folgerichtig "Making of 'Süsse Stuten 8'" heißt, stieg der Soft-Erotikkanal als Co-Auftraggeber ein und sorgt dafür, dass Hyan die Low-Budget-Produktion mit einem Preis von 1000 Euro pro Minute und insgesamt 90 Minuten kalkulieren kann. "Hauptsache, ich kann weiterproduzieren", sagt der Regisseur und hat auch nichts gegen das Etikett "Porno-Comedy" einzuwenden. Das hatte der DVD-Anbieter schon vor der TV-Auswertung ersonnen, damit niemand an ein echtes Porno-Making-of denkt. Mit seinen Serien "die Plattform zu wechseln, vom Internet ins Fernsehen oder auf DVD", sieht Hyan als sein Konzept für die Zukunft.

Die aktuelle Staffel enthält sowohl hintersinnige Scherze als auch derbe - wie etwa der Rollenname "Spritzi Haberland" bezeugt. Die Drehbücher hatte Hyan dem Jugendschutzbeauftragten des Senders vorgelegt und einige Szenen auf dessen Vorschlag hin verändert, damit die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen die Serie wie geplant ab 16 Jahren, also für 22.00 Uhr freigibt. In einer Szene, in der Pornostar Judy Juwel (Vivien LaFleur) zugedröhnt an den Set kommt, wird deshalb nun hervorgehoben, dass sie die Probeaufnahmen mit Kollege Kevin Beton freiwillig und einvernehmlich beginnt.

Seine Schauspieler, die an zehn Drehtagen etwa so viel verdienen wie beim Fernsehen an einem, findet Hyan auf verschiedenen Wegen. LaFleur spielt Theater. Den Kevin-Beton-Darsteller castete er auf der Straße in Berlin-Lichtenberg. Die Hauptrolle des unbedarften Regieassistenten Jonas, der in der zweiten Staffel im Zuge einer Finanzkrise zum Regisseur aufsteigt, spielt Jakob Bieber, der auch in Episodenrollen von ARD-Serien wie "Mord mit Aussicht" und "Polizeiruf 110" auftrat. Den Regisseur Heinz Moon, der vom eigenen großen Zombiefilm träumt, gibt Independent-Splatter-Regisseur Jörg Buttgereit. Echte Pornostars wie Jana Bach und Sophie Logan sind mit Gastauftritten dabei, andere fand Hyan in auch mal zweifelhaften Modelkarteien im Internet.

"An einem echten Porno-Set treffen auch sehr unterschiedliche Charaktere zusammen. Wenn die alle von Ernst-Busch-Absolventen gespielt werden, hat das nichts mit der Realität zu tun", erklärt Hyan sein Faible für äußerst unterschiedliche Typen. Mitunter müssen dann eben Szenen bis zu 18-mal wiederholt werden - auch weil Hyan Wert auf Plansequenzen legt, also oft mehrere Minuten lange, von vorn bis hinten durchgespielte Szenen. "Laienschauspieler sind meistens am Anfang gut und können das nicht für zehn Takes aufrechthalten. Profischauspieler brauchen manchmal zehn, um warm zu werden", weiß der Regisseur inzwischen.

Manni One Shot trifft auf Spritzi Haberland

In "MOSS 8" ist in einer Gastrolle der Berliner Rapper King Orgasmus One dabei, der einem größeren Publikum am ehesten bekannt sein könnte, weil er einmal bei Sandra Maischberger mit Alice Schwarzer über die Pornografisierung der Jugend diskutierte . Wenn er in einer "MOSS 8"-Sequenz als "Manni Shot One" vor sich hin rappt, Neu-Regisseur Jonas ungelenk, aber begeistert mitgroovt und die Kamerafrau, die hauptberuflich seriöse Dokumentarfilme dreht, genervt draufhält, und dazu noch Produzent Major Andy (Alexander Gregor) jovial erläutert, er habe den Gast-Star engagiert, "um die Jugend zurück zum Porno zu holen" - zeigt sich, wie in den besten Momenten völlig unterschiedliche Welten aufeinanderprallen.

Vielleicht werden sich also tatsächlich völlig konträre Zielgruppen über "MOSS 8" amüsieren können: die einen über ironische Anspielungen auf die Unterhaltungsindustrie, andere, weil sie Gesichter und Motive des Beate-Uhse-Programms wiedererkennen. Und vielleicht setzt sich Daniel Hyan damit noch tiefer zwischen die Stühle.

Seine "Sittengemälde", wie er sie nur halb-selbstironisch nennt, faszinieren eher, wenn man sie nicht als Sketche sieht, sondern am Stück. Sie geraten ihm oft auch länger als geplant. Im Format-Fernsehen wäre das streng verboten, bei den aktuellen Auftraggebern aber bringt das kaum Probleme mit sich: Für mehr Film gibt's einfach nicht mehr Geld. "MOSS 8" summiert sich jetzt auf zwei Stunden Spielzeit statt auf neun mal zehn Minuten.

Dass das zu hohe Ansprüche sind für eine Serie, die ins Internet gestellt wird und bei einem Softporno-Kanal läuft, glaubt Hyan nicht. Die Annahme, das Netz gestatte nur schnelle, kurze Szenen, sei überholt. Heute schaue sich die junge Zielgruppe ja ganze Kinofilme und mehrere Fernsehserienepisoden nacheinander online an - was auf die deutschen Web-Serien zurückwirke. Deren zentraler Fehler sei, so Hyan, dass sie "keine interessanten Lebenswelten zeigen, sondern Liebesgeschichten im Prenzlauer Berg. Wer soll sich das ansehen, wenn man sich aufwändig produzierte US-Serien in guter Qualität streamen lassen kann?"

Momentan hat Hyan aber ganz andere Probleme als sich wandelnde Sehgewohnheiten. Die Finanzierung von "MOSS 8" steht auf der Kippe, denn 3min.de will nicht mehr kooperieren. "Es ist von unserer Seite keine Ausstrahlung geplant", sagt 3min.de-Projektleiter Robert Wagner am Telefon - und will sich dann nur noch schriftlich äußern.

Wie es mit 3min.de weitergeht, scheint ungewiss. "Wenn 3min aufhörte, gäbe es keine deutsche Plattform mehr", meint Hyan. Für deutsche Web-Serien könnten damit nach ohnehin nie guten Zeiten richtig schlechte Zeiten anbrechen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.