Wedel-Zweiteiler "Gier" Hummer für alle!

Polonaise Blankenese der Hochstapler: In seinem TV-Film "Gier" lässt Dieter Wedel ein paar reiche Hamburger besoffen und obszön durch das Reich eines heimtückischen Anlageberaters poltern. Leider ist die Inszenierungskunst des Regisseurs kaum eleganter als das Verhalten der enthemmten Hanseaten.

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TV-Zweiteiler "Gier": Pfeffersäcke außer Rand und Band
Man sagt Hamburgern ja nach, dass sie ein eher reserviertes Verhältnis zum Prunk haben. Die parken ihre Millionen leise auf der Bank, aber ihre olle Eigenheimfassade kriegt auch nach 20 Jahren keinen neuen Anstrich. Pfeffersackmentalität eben. Andererseits: Wenn die Geizkragen von der Elbe mal von der Leine gelassen werden, dann schlagen sie richtig über die Stränge. In seinem neuen Zweiteiler mit dem hanseatisch trockenen Titel "Gier" hat der in Hamburg lebende Regisseur Dieter Wedel nun gleichsam einen Film über Pfeffersäcke im Investitionsrausch gedreht.

Als Inspiration diente Wedel, dem einstigen König des TV-Mehrteilers ("Der große Bellheim"), den die Geizkragen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks inzwischen dazu nötigen, Zweiteiler zu drehen, die Biografie des Betrügers Jürgen Harksen. Der hatte Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger die Hamburger Promiszene mit Gaga-Renditen bis zu 1300 Prozent dazu gelockt, Geld von ihm anlegen zu lassen. Ein Schneeballsystem, das darauf angelegt war, irgendwann zu kollabieren. Zu Harksens Anlegern gehörten unter anderem auch die Hamburger Unterhaltungskünstler Dieter Bohlen und Udo Lindenberg.

Regisseur Wedel, der bestens verlinkt ist zwischen neureicher Promi-Schickeria und altem Hamburger Honoratiorentum, gesteht auf SPIEGEL ONLINE ganz offen ein, dass auch er selber dem Hochstapler hätte auf dem Leim gehen können. Sein damaliger Anwalt war nämlich auch mit Harksen verbandelt. Doch seinerzeit kam Wedel um die Abzocke herum - dafür fühlte er sich erst vor ein paar Jahren von einem Schweizer Vermögensverwalter über den Tisch gezogen. Seitdem macht er seinem Groll über die Finanzwelt immer wieder öffentlich Luft, Talkshowauftritte en gros inklusive.

Die Gier und die damit oft zusammenhängende Erfahrung des Betrogenwerdens seien ihm also nicht fremd, erzählt der Filmemacher, der mit einer Frau in einem Eigenheim in Hamburg wohnt und mit einer zweiten Frau in einem Eigenheim auf Mallorca. Für "Gier" hat sich der potente Medienschaffende sogar einen kleinen sinnfälligen Cameo-Auftritt ins Drehbuch geschrieben - mit obligatorischer Sonnenbrille gibt er den betrogenen Anleger.

Schampus und Nutten

Sagen wir mal so: Alle Vorzeichen deuten daraufhin, dass Dieter Wedel nicht die allergrößte Distanz zu dem Stoff hat, den er in seinem publicity-trächtig angeschobenen Aufreger-Film behandelt. Pfeffersäcke außer Rand und Band, die kennt Wedel eben aus der Close-up-Perspektive. Und so inszeniert er seinen 180-minütigen Betrugsreigen "Gier" denn auch wie eine einzige überlange Polonaise Blankenese, bei der die sonst als distinguiert geltenden Hamburger zwischen Elbvorortvillen und südafrikanischen Reichen-Resorts hin und her wanken - besoffen, polternd und obszön.

Dieser gleichsam von Wedel aus der Innenperspektive erzählte Satireversuch zum Thema Geiz und Gier hätte eine Sensation werden können - würde ihm nicht sämtliche analytische Schärfe abgehen. Besoffen, polternd und obszön ist nämlich auch die Inszenierung des Fernsehaltmeisters. Berauscht lässt er die Kamera über die Insignien wirtschaftlicher Potenz fahren: über auf Großraumterassen gestapelte Hummerberge, Luxusuhren mit sechsstelligem Kaufpreis, über Swimmingpools, die mit schönen Frauenkörpern und hässlichen Männerbäuchen gefüllt sind. Doch wo die Kamera gierig alle Details aufsaugt, wird mit der psychologischen Durchdringung des Neureichen-Soziotops gegeizt.

Die Figuren bleiben einem fremd, sie bleiben Behauptung. Eine schöne Behauptung, zugegeben. Ulrich Tukur etwa gibt den Aufschneider Dieter Glanz mit nobler Perfidität. Ganz in Weiß flaniert und stolziert er über seine auf Pump beschafften Anwesen, ordert für seine Gäste und Betrugsopfer immer wieder Schampus, Hummer und Nutten nach. Nach Art des realen Harksen nimmt er selbstgefällig seine Klienten aus und stilisiert sich dann auch noch im Vieraugengespräch als Opfer - nämlich als "Opfer des unbegrenzten Vertrauens, das mir die Leute entgegenbringen". Als zynische Projektionsfläche ist Tukurs Hochstapler eine Wucht; was diesen extrem geschmeidigen Schnelldenker allerdings in sein zum Scheitern verurteiltes Schneeballsystem treibt, wird nicht offenbar.

Frauen sind da, wo das Geld ist

Und die Betrugsopfer sind sowieso nur Statisten im großen Spiel des Finanzscharlatans. Egal ob Harald Krassnitzer als reicher Erbe, Uwe Ochsenknecht als prolliger Unternehmer, Kai Wiesinger als einfältiger Schmuckhändler oder selbst der tolle Devid Striesow als Immobiliengerngroß - sie alle torkeln wie von Sinnen ihrem Anlage-Guru hinterher und skandieren gottlose Glaubensbekenntnisse. Was sie im Innersten bewegt, sich der Ersatzreligion Geld hinzugeben, wird nicht gezeigt. Stattdessen sieht man sie nur gehirnentkernt am Swimmingpool rumtänzeln, auf die Luxusuhren der Konkurrenz starren und gelegentlich auf der Edelanrichte die Gattin eines anderen vögeln.

Was uns zu dem schaurigsten Aspekt der Finanzklamotte führt: Wedels Frauenbild. Denn mag das männliche Geschlecht in Anbetracht des simulierten Reichtums einfach das Gehirn an der Garderobe abgeben, so kommt das weibliche hier ein bisschen gerissener daher. Auf die eine oder andere Weise prostituiert sich hier eigentlich jede Frau - egal ob Sibel Kekilli als melancholische Animationsdame der oberen Zehntausend oder Katharina Wackernagel, die als Ehefrau des von Striesow gespielten Immobilien-Tropfs lieber zum erfolgreicheren Chef wechselt, oder Jeanette Hain als luxusverliebte femme fatale und Betrügergattin. Frauen, so Wedels Erkenntnis, sind stets da, wo das Geld ist. Schlimmer als Banker!

Gedreht wurde übrigens zur Hälfte in Südafrika, wo die ARD-Tochter Degeto, die "Gier" produziert hat, sonst kostengünstig Schmonzetten wie "Meine Heimat Afrika" mit Christine Neubauer herstellen lässt. Ein bisschen hat sich der Degeto-Touch - das Ausstellen von Reichtum vor romantischer Kulisse und die sinnfrei ins Wohlstandsambiente eingefügten Township-Impressionen - auch auf "Gier" übertragen.

So funktioniert sie nun mal, die Welt des Wahl-Hanseaten und Wirtschaftsnarren Dieter Wedel: Selbst mit Panoramablick auf die Elbe oder das Kap von Südafrika tut sich kein Erkenntnishorizont auf.


Dieter Wedel: Gier - Mit Glanz und Gloria: Beide Teile am 15. Januar ab 20.15 Uhr auf Arte. 20. und 21. Januar um 20.15 Uhr in der ARD.



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Seite 1
aubrac 15.01.2010
1. ...
Zitat von sysopPolonaise Blankenese der Hochstapler: In seinem TV-Film "Gier" lässt Dieter Wedel ein paar reiche Hamburger besoffen und obszön durch das Reich eines heimtückischen Anlage-Beraters poltern. Leider ist die Inszenierungskunst des Regisseurs kaum eleganter als das Verhalten der enthemmten Hanseaten. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,672095,00.html
Klingt als wäre das ein Zeitgeistmachwerk. Eine linke Schmonzette. Der Rosamundepilcher-Protest des kleinen Mannes gegen die zur Plattitüde verkommene so gern zitierte 'Gier des Bankers'. Ein rühmannsches politisch korrektes Moraloperettchen, das dem kleinbürgerlichen Protest des linksgepolten und wirklich betroffenen Angsthasen wieder mal eine Stimme verleiht. Schade, dass Norbert Blüm keine Statistenrolle übernommen hat. Seit an Seit mit dem drolle-Ossi Sodann.
wolfi55 15.01.2010
2. Heute abend werden wir sehen wie es wirklich ist
Und ob der Autor nur einen schlechten Tag hat, sicher selbst erkannte oder ob Dieter Wedel das "verkannte Genie" des deutschen Films ist. Wolfgang P.S. ich würde dem keinen Auftrag für eine große Produktion geben
Charles Atane, 15.01.2010
3. Negativ-Aufstieg (vgl. Negativ-Wachstum)
Mal abwarten, wie der Film wirklich ausgefallen ist. Allerdings kann ich mir diesen erwähnten Degeto-Neubauer-Touch lebhaft vorstellen, auch ohne den Film gesehen zu haben. Schade, dass einst so große Namen wie Wedel im späten Stadium so verramscht werden. Vorbilder für eine solche "Karriere" gibt es unzählige, und selbst die Neubauer hat einmal in einer Serie wie "Löwengrube" eine Hauptrolle getragen...
märzwiedermonat 15.01.2010
4. Immer das gleiche .....
Bin auch mal gespannt, was da heute Abend gesendet wird..... Nur, und ich bin jetzt mal wieder - typisch deutsch halt - pessimistisch. Es werden wohl schon wieder nur die üblichen Klischees bedient. (Hoffe ich habe es richtig geschrieben Klischee?) Ansonsten: Entschuldigung an die Leser. Klar, auch Filmemacher sind Leute, die viel Geld verdienen, wie unser D. Wedel. Ich gönne es ihm auch, wirklich ohne Neid. Aber: Es wäre zu wünschen, wenn sich unsere Filmemacher sich mal an dem gemeinen Volk orientierte. Darf es mal ein sozialkritischer Film sein, der den Alltag von Normalos zeigt? In den Mietwohnungen oder kleinen Häusleins in der Stadt oder auf dem Land, die sich mit den irrsinnigsten Alltäglichkeiten herumschlagen müssen?! Einfach nur mal meine Meinung. Filme über Menschen, die total bürgerliche Berufe ausüben? Handwerker, Büroangestellte usw.... einfach mal keine Lehrer/Erzieher oder Beamte, Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte.. usw., nö, mal so eine/n Durchschnittsmichels- und michelines. Die vielleicht arbeitslos werden oder sind oder Leiharbeiter, Kurzarbeiter, einfach mal die Realität zeigen. Diese Filme dürfen auch gerne als Drama/Komödie oder Komödiendrama (was die Italiener oder Franzosen besonders gut beherrschen) herüber kommen. Nur mal ein bißchen mehr Nähe zu uns deutschen gebeutelten Menschleins. Einfach mal aus dem Leben gegriffen. Denn: Wer gehört den schon zu diesen Pfeffersäcken? Und warum sollen wir uns um die Gedanken machen? Machen die sich Gedanken um uns? Die Filmemacher sollten sich mal unter das Volk mischen, die Ohrmuscheln aufsperren, den Leuten auch mal auf das Maul schauen (keine Männerstammtische usw. .... nicht böse gemeint), und wirklich mal mit Humor das Leben der "Normalos" aufzeigen. Wäre doch mal eine nette kleine Geste. Das Leben schreibt die besten Drehbücher. Mit freundlichen Grüßen
unuomo, 15.01.2010
5. @aubrac
Schön das sie diesen Fernsehfilm schon sehen konnten. Wie ist das möglich? Würde mich auch dafür interessieren vorab sehen zu können.
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