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29. September 2015, 13:41 Uhr

Furiose Mystery-Serie "Weinberg"

Wein, Weib, Gewalt

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"Twin Peaks" auf Spätburgunder: Der Mystery-Thriller "Weinberg" um ein verwunschenes Winzernest setzt neue deutsche Fernsehstandards. Jetzt startet die Serie bei Vox.

Diese Rezension ist bereits am 29.9.2015 zum Start von "Weinberg" bei TNT Serie auf Spiegel Online erschienen. Zum Start der Serie bei Vox erscheint sie noch einmal.

"Twin Peaks" auf Spätburgunder: Ausgerechnet der kleine Bezahlsender TNT Serie setzt mit seinem Mystery-Thriller "Weinberg" um ein verwunschenes Winzernest neue deutsche Fernsehstandards. Schockt!

Über den Reben liegt ewiger Tau, an den Weinhängen klebt dichter Nebel, die hohen Hügel lassen kaum Sonne in den Ort. Kaltenzell ist also so ziemlich das, was der Name verspricht: ein feuchter, abgeschotteter Winkel, vergessen im Ahrtal. Religiöse Rituale, familiäre Fehden und erfolglos unterdrückte Sexualität bestimmen das frostige Beisammensein der Menschen. Die Vergangenheit, so sieht es zumindest auf den ersten Blick aus, ist hier Gegenwart.

Dann ist da auf einmal dieser Fremde (Friedrich Mücke). Erwacht mit Platzwunde am Kopf und ohne Gedächtnis zwischen den Reben; auf einem Weinstock neben dem Verwirrten ist eine junge Frau mit kleiner Krone und weißem Kleid aufgespießt. Später aber, als der junge derangierte Mann ins Wirtshaus heruntergestolpert ist, muss er erkennen, dass die Weinkönigin, die er grausam drapiert zwischen den Reben zu sehen geglaubt hat, noch am Leben ist.

Den Einheimischen, den der Fremde seine obskure Geschichte erzählt, starren wortkarg in ihren Riesling oder ihren Spätburgunder. Man trinkt nur, was man selbst gekeltert hat. Man glaubt nur, was man selbst gesehen hat. Ein Dorf in der Selbstnarkose, so der Anschein.

Zwischen Kruzifixen und Weinrömern

Als der Bezahlsender TNT Serie vor einem Jahr verkündete, einen mehrteiligen Psychothriller zu drehen, war man äußerst skeptisch. Das Haus hatte vorher schon die nette Socialmedia-Sitcom "Add a Friend" produziert und dafür einen Grimme-Sympathiepreis erhalten. Aber nach der Ankündigung zu "Weinberg" wurden schnell Assoziationen zu US-Seriengroßwerken wie "Twin Peaks" oder "Lost" ausgelöst. Wie sollte das denn bitte schön ein deutscher Sender hinbekommen, noch dazu einer ohne üppige Einnahmen aus den öffentlich-rechtlichen Rundfunkabgaben?

Und doch: Der Sechsteiler "Weinberg", der ab dem 9. November bei Vox zu sehen ist, ist ein furioses Werk geworden; nach dem zehnteiligen RTL-Stasi-Schocker "Deutschland 83" ein zweites privatwirtschaftliches deutsches Serienhighlight. Die Verantwortlichen (Regie: Till Franzen und Jan Martin Scharf) brauchen den Vergleich mit der internationalen Konkurrenz nicht zu scheuen - eben weil sie, ähnlich wie die "Deutschland 83"-Schöpfer, einen spezifisch deutschen Topos verfilmt haben.

Denn ein Comeback der deutschen Serie kann es nur geben, wenn es den Verantwortlichen gelingt, spezifisch deutsche Themen mit internationalen Erzählstandards zu kombinieren. So wie das etwa ab diesem Dienstag auch dem in der dritten Staffel startende DDR-Requieum "Weissensee" gelingt. Versucht man indes einfach US-Serien zu imitieren, siehe die Action-Posse "Blochin", wird das deutsche Fernsehen den Anschluss an internationale TV-Standards niemals schaffen.

"Weinberg" nun ist tatsächlich die perfekte Kreuzung aus David Lynchs "Twin Peaks" und Edgar Reitz' "Heimat" geworden. Der Mystery-Thrill wird virtuos nach den US-Seriengesetzen entfaltet, im Zentrum der Geschichte aber steht diese archaische deutsche Welt.

Die so archaisch, das ist der hintergründige Witz dieser Serie, dann doch nicht mehr ist. Denn zwischen wuchtigen Kruzifixen und schweren Weinrömern, zwischen grobnasigen Wirtshaushockern und Müttern, die noch ihren sechsjährigen Riesenbabys die Brust geben, hat sich längst die Gegenwart einen geheimen Weg gebahnt.

In einer Scheune probt eine Hatecore-Band ihren Song "Fucking Fucker". Oder "Fuck You, Fuckers". Die Musiker sind sich da über den Text noch nicht ganz so einig. Der Kaufmann, der in seinem Laden einen geschnitzte Devotionalien feilbietet, hat ein Verhältnis mit einem Schüler aus dem Ort. Und weil kein deutscher Geistlicher in dem Winzerkaff predigen will, übernimmt das ein junger Vietnamese - der allerdings große Schwierigkeiten hat, all die Schweinereien übersetzt zu bekommen, die ihm die Gemeindemitglieder ausführlich in dem Beichtkasten ausbreiten.

So gesehen ist "Weinberg" auch ein großer Spaß. Wobei die Serie bei aller Lust am schmutzigen Witz niemals zur Klamotte verkommt. Was neben dem Hauptdarsteller Friedrich Mücke, der mit Bravour aus dem unglückseligen, inzwischen beerdigten Erfurter "Tatort" ausgestiegen ist, auch an den weiblichen Darstellern liegt: Victoria Trauttmansdorff, Jenny Schily, Gudrun Landgrebe, Christina Große, Laura Tonke - die Produktion versammelt noch mal die schönsten archaischen Frauengesichter der deutschen Filmlandschaft.

"Weinberg" ist eine Serie, die souverän aus der deutschen Vormoderne in die Zukunft des hiesigen Fernsehens weist.


"Weinberg", ab 9. November immer mittwochs, 22.10 Uhr, Vox

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